Salzwedel l Als sie das hörte, sei sie „aus allen Wolken gefallen“, erzählt Nancy Hermann. Am Morgen, gegen 8.30 Uhr, war ihre Großmutter mit einem Krankenwagen von Pretzier aus nach einer Einweisung des Arztes in die Notaufnahme des Salzwedeler Krankenhauses gebracht worden. Als die Enkelin sich gegen 16.10 Uhr am Empfang telefonisch erkundigte, auf welcher Station ihre Oma liegt, erfuhr sie, dass die ältere Dame immer noch in der Notaufnahme ist. „Ich durfte sie ja nicht begleiten, wegen des Besuchsverbots, sonst wäre ich bei ihr geblieben“, sagt sie.

Später erzählt ihr die 82-Jährige, dass sie die meiste Zeit sitzend auf einem Stuhl verbrachte. „Auf dem Flur“, ist Nancy Herrmann entsetzt. Was ihr besonders nahegeht: „Meine Oma hat Diabetes.“ Deshalb sei es enorm wichtig, dass sie regelmäßig isst und trinkt. Erst als ein Pfleger die Patientin zum Ultraschall brachte, sei ihm aufgefallen, dass sie schwach gewesen sei.

Länger nichts getrunken

Als er mitbekommen habe, dass sie seit Längerem nicht getrunken hatte, habe er ihr sofort ein Wasser gebracht. „Aber das reicht nicht“, empört sich die Enkelin, die ihre Großeltern pflegt. Wenigstens Saft oder am besten ein Snack seien nötig, um den Blutzuckerspiegel einigermaßen zu halten, nachdem der Diabetikerin morgens Insulin gespritzt worden war. „Sie hätte zusammenbrechen können“, ereifert sich Nancy Hermann.

Nach zwei Anläufen sei es ihr gelungen, telefonisch zur Notaufnahme durchzudringen. Dort sei sie auf eine nette, aber genervte Schwester getroffen. Hermann: „Sie hat gesagt, sie bekommt selbst gleich eine Krise.“ Damit sei ihr mit ihren Sorgen nicht geholfen gewesen. Weshalb sie sich an die Pressesprecherin des Altmarkklinikums Ivonne Bolle wandte. Deren Chef habe sich persönlich um den Fall gekümmert, so dass die betagte Patientin dann nach gut 7,5 Stunden ein Bett bekommen habe.

Ein „Unding“, wie Nancy Hermann findet. Sie sehe ein, dass die Mitarbeiter der Notaufnahme überlastet gewesen seien, zumal es wohl einige Notfälle gegeben habe. Da sei schon mal Geduld gefragt. Aber eine 82-Jährige so lange warten zu lassen, ohne sich um die Bedürfnisse der Erkrankten zu kümmern, das wolle sie nicht auf sich beruhen lassen, erklärt sie und kündigte eine offizielle Beschwerde an.

Mehrere schwere Notfälle

Sie sei Altenpflegerin und wisse gut, wie belastend ein Krankenhausaufenthalt für alte Menschen sei – psychisch und physisch. Gerade deshalb sollte behutsam mit ihnen umgegangen werden. „Ich habe meinen Job aufgegeben, um meine Großeltern bestmöglich zu pflegen“, berichtet sie. Nach dem Vorfall sei sie sehr besorgt, wie es ihrer Oma gehe.

„Wir möchten unser Bedauern zum Ausdruck bringen und uns dafür entschuldigen, dass die zu behandelnde Patientin eine lange Wartezeit in unserer Notaufnahme in K­auf nehmen musste. Der Vorfall wurde bereits intensiv mit dem Personal besprochen“, erklärt die Sprecherin des Altmark-Klinikums auf Anfrage der Volksstimme. Auch wenn das Warten eine persönlich belastende Beeinträchtigung dargestellt habe, hätten sich daraus zumindest keine medizinischen Nachteile ergeben.

Ausnahmesituation

An dem Tag sei es in der Notaufnahme zu einer Ausnahmesituation gekommen. Mehrere unverzüglich zu versorgende Notfälle, unter anderem ein Herzinfarktverdacht, Herzrhythmusstörungen sowie eine Blutvergiftung, hätten die Mitarbeiter in Schach gehalten. „Wir verzeichneten bis abends ein hohes Patientenaufkommen. Dies alles ändert nichts daran, dass wir die Wartezeit der hochbetagten Patientin sehr bedauern und ihr nicht ausreichend Zuwendung zukommen ließen“, erklärt die Sprecherin.

Zwar sei es so, dass Patienten sich jederzeit an das Pflegepersonal wenden könnten, wenn sie Durst hätten oder Kreislaufprobleme verspürten. Bolle: „Aber natürlich erkennen wir an, dass gerade ältere Menschen diese Eigeninitiative von sich aus nicht immer aufbringen können.“

Patienten, Angehörige und Begleitpersonen sollten sich in der Notaufnahme generell auf eine längere Wartezeit einrichten, wenn keine lebensbedrohliche Situation vorliegt. Es werde individuell eingeschätzt, wie dringlich eine Behandlung sei, so Bolle. Diese Organisation in der Notaufnahme komme letztendlich jedem zu Gute, schätzt die Sprecherin ein.