Göhrde-Morde

Polizei prüft alte Spuren mit neuer Technik

1989 erschütterten zwei Doppelmorde das Wendland. Die Göhrde-Morde sind bis heute ungeklärt.

Von Björn Vogt 27.06.2017, 10:02

Göhrde l Die Doppelmorde in der Göhrde im Jahr 1989, einem weitläufigen Wald im benachbarten Wendland, gehören zu den umheimlichsten ungelösten Kriminalfällen der Bundesrepublik Deutschland. Die Polizei verfolgt aktuell eine neue heiße Spur. In einer dreiteiligen Serie blickt die Volksstimme auf die neuesten Spuren und einen Verdächtigen, der bereits tot ist.

Einen außergewöhnlich heißen Maitag vor 28 Jahren nutzt das Hamburger Ehepaar Reinold, um einen Ausflug in die Göhrde zu machen. Dieser größte zusammenhängende Mischwald Norddeutschlands liegt im benachbarten Lüchow-Dannenberg.

Ursula und Peter Reinold suchen eine Lichtung auf, um sich zu sonnen. Hier werden sie wenig später brutal umgebracht. Von wem, ist bis heute rätselhaft. Fest steht nur: Der (oder die) Mörder schleppte seine Opfer anschließend in eine nahegelegene Senke. Erst sieben Wochen später entdeckten Blaubeersammler die Leichen, inzwischen größtenteils skelettiert.

Die genaue Todesursache konnte auch eine Obduktion nicht klären. Nachdem die Blaubeersammler die Leichen entdeckt hatten, begegnete ihnen ein braunhaariger, kräftig gebauter, um die 40 Jahre alter Mann mit einem Beutel in der Hand.

Die Kriminalpolizei nimmt bis heute an, dass es sich um den Täter handelte, der sich genau an diesem Tag weitere Opfer suchte. Und fand.

Denn am 12. Juli 1989, dem Tag der Entdeckung des ersten Doppelmordes, fuhren eine Hausfrau aus Uelzen und ein Handelsvertreter aus Hannover gemeinsam in die Göhrde. Ein heimliches Liebespaar, das einen Ausflug machte. Sie hatten sich während einer Kur kennengelernt, ihre Ehepartner wussten nichts von der Beziehung.

Sie parkten nahe dem Forsthaus Röthen und gingen zu Fuß in die Göhrde. Im Waldabschnitt Jagen 138 trafen sie auf den Täter, der sie mit Leukoplastband an Händen und Füßen fesselte. Beide mussten sich mit dem Gesicht nach unten legen. Der Täter würgte den Mann und tötete ihn von hinten durch Kopfschüsse mit einer Kleinkaliberwaffe. Der Frau zertrümmerte er den Schädel. Anschließend flüchtete er mit dem Toyota des Mannes. Der Mörder fuhr noch etwa eine Woche mit dem Wagen, ehe er ihn in Bad Bevensen abstellte. Zwei Wochen später entdeckten Polizeibeamte bei einer Flächensuche die beiden Opfer des zweiten Doppelmordes.

Der Todeszeitpunkt konnte sicher auf den 12. Juli 1989 datiert werden, exakt den Tag, an dem die Polizei ihre Ermittlungen am Fundort des ersten ermordeten Paares aufnahm. Der Tatort lag nur etwa 800 Meter entfernt von den ersten beiden Opfern. Der Täter beging den zweiten Doppelmord zu einer Zeit, als die Kriminalpolizei am Fundort der ersten Opfer ermittelte.

Tests ergaben, dass Schüsse trotz der geringen Entfernung nicht zu hören gewesen wären, weil sowohl der Fundort der Leichen des ersten Doppelmordes als auch der Tatort des zweiten Doppelmordes in Senken lagen.

Trotz tausender Hinweise und zwei heißer Spuren konnte der Mörder bis heute nicht gefasst werden.

2016 tauchte dann nach vielen untätigen Jahren ein möglicher Verdächtiger auf: Der von der Presse schnell „blonde Bestie von Brietlingen“ getaufte Friedhofsgärtner aus der Nähe von Lüneburg. Und ganz aktuell verfolgt die Polizei eine neue, möglicherweise heiße Spur.

Der „Hannoverschen Allgemeinen Zeitung“ und der Bild-Zeitung zufolge wurde im Jahr 2015 nach dem Mord an der Unternehmerin Andrea K. im Zooviertel der niedersächsischen Landeshauptstadt Hannover eine DNA-Probe sichergestellt. Dieses genetische Material passte jedoch nicht zu dem damals Hauptverdächtigen Florian K. Der 27-jährige wurde später für die Tat zu lebenslanger Haft verurteilt.

Was die Ermittler wirklich verblüffte, war ein Querverweis: Es gebe eine Übereinstimmung mit DNA-Spuren, die 1989 bei den Göhrde-Morden gesichert worden waren, schreibt die Bild-Zeitung.

Die Sprecherin der Staatsanwaltschaft Lüneburg wollte der Volksstimme gegenüber dieses nicht bestätigen.

Die Staatsanwaltschaft wird erst eine Erklärung abgeben, wenn konkrete Ermittlungsergebnisse vorliegen, heißt es. Von wem das fremde DNA-Material stammt, ist zur Zeit völlig unklar. Offenbar, so spekuliert die Hannoversche Allgemeine, „sei die Person aber bisher nicht durch schwere Straftaten aufgefallen“, da die Polizei sonst möglicherweise schon über Vergleichsmaterial verfügen würde.

Auch ist den Ermittlern bisher nicht klar, in welcher Beziehung der unbekannte Besucher zu der ermordeten 49-jährigen Andrea K. stand. Denn die Ermittlungen in dem Fall hatten Pikantes zutage gefördert: Die Unternehmerin soll auf verschiedenen Internetseiten nach Bekanntschaften gesucht haben.

Dabei, so die Vermutung, könnte sie auf den Göhrde-Mörder gestoßen sein. Nach Angaben der Polizei Lüneburg sind zur Zeit vier Beamte mit den Göhrde-Morden beschäftigt: Sie untersuchen unter anderem die Beweismittel, die noch vorhanden sind, erneut mit modernster Kriminaltechnik.