Salzwedel l „Was steht denn hier geschrieben?“, fragte die Volksstimme in ihrem 3. Schrifträtsel. Abgebildet war ein handschriftlicher Brief, in Kurrent verfasst, von Polizeikommissar Hansche an den Magistrat vom 19. April 1904.

Auflösung

Für die Salzwedeler Volksstimme „übersetzt“ Stadtarchivar Steffen Langusch wie folgt: „G. A. Die Revision der in der Anlage angeführten Betriebe ist durch den Unterzeichneten ausgeführt und ist darüber zu berichten: In sämmtlichen Betrieben ist je ein Aufenthaltsraum für die Arbeiter vorhanden. In den Räumen befinden sich eiserne Öfen mit Kochvorrichtung, so daß die Arbeiter sich Essen - Kaffee wärmen können. In der Kantine der Zuckerfabrik wird Bier gegen Bezahlung an die Arbeiter abgegeben. Branntwein wird nicht verabfolgt. In der Fabrik D. Schneider und in der Eisengießerei von Kleinloff u. Müller wird Bier gegen Bezahlung für den Selbstkostenpreis verabfolgt. Branntwein wird nicht verabfolgt. In der Vereins-Brauerei steht es den Leuten frei, soviel Bier zu trinken, wie ihnen beliebt. Das Mitbringen von Branntwein in die Brauerei ist den Arbeitern untersagt. In der Eisengießerei von Löwe und in der Lederfabrik von W. Michaelis wird Bier und Branntwein nicht verabfolgt.“

Bier am Arbeitsplatz

Mit dem Schreiben richtete sich Polizeikommissar Christian Hansche wohl „Gemäß Anweisung“, daher das Kürzel „G. A.“ im Rätsel, an den Magistrat der Stadt Salzwedel. „Der Bericht ist vermutlich angefordert worden, da das Landratsamt für eine offizielle Stelle Bericht erstatten musste, ob den Arbeitern in den Großbetrieben Alkohol ausgeschenkt wird“, erklärt Steffen Langusch. So wurde seinerzeit versucht, die „Trunkenbolde“, welche schriftlich erfasst wurden, am weiteren Alkoholkonsum zu hindern. Allen Großbetrieben, die Alkohol ausschenkten, wurde die Liste der „Trunkenbolde“ zugesandt.

Bilder

In den Ausführungen von Christian Hansche (1852-1938) wird deutlich, dass seinerzeit nicht nur in Gaststätten Alkohol ausgeschenkt wurde. Die Zuckerfabrik in Salzwedel, die vielen Altmärkern noch bekannt sein dürfte, schenkte demnach Bier an die Belegschaft aus. Ebenso die „Fabrik D. Schneider“, eine Textilfabrik (Nesselproduktion und Blaudruck) in der Straße Vor dem Lüchower Tor. Bauliche Reste sind noch in der heutigen Karl-Marx-Straße hinter einer Autowerkstatt zu sehen. Aber auch die „Eisengießerei“, die spätere Pumpenfabrik in Salzwedel, hielt die Hopfengetränke für ihre Arbeiter bereit. Soviel trinken, wie sie wollten, war den Mitarbeitern der Vereinsbrauerei (oberes Foto) gestattet, eine der ersten „genossenschaftlich“ organisierten Brauereien der Stadt. Andere Brauereien waren im Privat- beziehungsweise Familienbesitz. Die bekannte Bergschlossbrauerei (heute ist dort der Discounter Lidl) zählt noch nicht zu den Großbetrieben, da sie bis zum 1. Juli 1908 zum „Dorf Perver“ gehörte. Das Chemiewerk ebenso.

Übrigens: Damals wie heute wird auf dem Nysmarkt (Dionysiusmarkt) gern Bier getrunken. Das schätzten auch die vier Herren im unteren Bild. Zu sehen sind ein Wachtmeister (vorne rechts), neben ihm ein Salzwedeler Wirt. In der zweiten Reihe stehen ein Schausteller (links) und daneben ein Selterwasserproduzent.

Das 4. Schrifträtsel folgt in einer der kommenden Ausgaben der Salzwedeler, Gardelegener und Klötzer Volksstimme im Altmarkkreis.