Salzwedel l Von einem Balkon des Vita-Heims schallt Gesang. „Die Gedanken sind frei“, singen einige Bewohnerinnen. Wie passend, die Sonne scheint, sie können zusammen draußen sitzen und ihre zurückgewonnene Freiheit genießen. Zumindest teilweise konnten die strengen Corona-Regeln gelockert werden.

Gut ein halbes Jahr zuvor, als Ende Februar/Anfang März das Virus den Altmarkkreis erreichte und die ersten Verordnungen zum Schutz der Bevölkerung wirksam wurden, standen die Mitarbeiter vor einer nicht gekannten Herausforderung, wie der Hygienebeauftragte der Seniorenzentrum Vita GmbH, Thomas Imbert ,erinnert. Ein Pandemie-Plan wurde erstellt. Es galt, 150 Bewohner und 130 Angestellte zu schützen.

Und dann war da die Ungewissheit

Notfallpläne waren genauso nötig wie das Beschaffen der erforderlichen Schutzmaterialien und Desinfektionsmittel. „Wir hatten einen guten Vorrat, aber irgendwann wurde es knapp“, erzählt er. Viele Informationen stürmten auf die Mitarbeiter ein und dann war da die Ungewissheit, ob es gelingt, ein Einschleppen des Virus zu verhindern.

Die Bewohner waren plötzlich voneinander isoliert und auf ihre Wohnbereiche in den einzelnen Etagen beschränkt. Größere Geselligkeiten waren tabu, und es hieß, Abstände zu wahren. „Wir haben uns von Anfang an sicher gefühlt“, erzählt Gisela Oswald. Sie ist Vorsitzende des Bewohnerbeirates und vertritt gemeinsam mit weiteren Mitstreitern die Interessen der Senioren. Die von den Mitarbeitern eingeleiteten Maßnahmen seien überwiegend auf Verständnis gestoßen und hätten dafür gesorgt, Sorgen und Ängste zu minimieren. „Wir wurden sehr gut informiert und hatten immer Ansprechpartner bei Problemen“, rekapituliert sie.

Gegenseitig Mut gemacht

Für einige der alten Menschen sei es schwierig gewesen, zu begreifen, was plötzlich los ist und warum nicht mehr alles seinen gewohnten Gang geht. Das betraf in erster Linie Patienten, die von Demenz oder dem Beginn der Erkrankung betroffen sind. „Das hat sich aber eingespielt“, sagt Gisela Oswald. Die Frauen und Männer hätten sich gegenseitig Mut gemacht und getröstet, „wenn mal einer einen Durchhänger hatte“.

Was für die älteren Leute wohl das Schlimmste war: Sie konnten keinen Besuch bekommen. Zwar durften Beutel mit Sachen oder Obst abgegeben werden, aber der persönliche Kontakt wurde schmerzlich vermisst. Von beiden Seiten, wie die Pflegekräfte wissen. Zum Teil sei es für die Angehörigen schwerer gewesen als für die Bewohner.

Hilfe beim Skypen

„Die meisten bekommen ja sonst auch nicht jeden Tag Besuch“, meint Gisela Oswald. Mit Telefonieren, Gesprächen vom Balkon aus oder Briefen sei die schwere Zeit überstanden worden. Beim Skypen oder Video-Telefonie unterstützten, wenn gewünscht, die Mitarbeiter. Die Freude war groß, als es Besuchszeiten von jeweils einer Stunde gab: Endlich die Liebsten wieder von Angesicht zu Angesicht sehen. Inzwischen sind drei Stunden daraus geworden, von 15 bis 18 Uhr. Das sei kein Dogma auf Anfrage seien auch andere Zeiten möglich.

Ausnahmen gab es auch während der strengen Isolation. Angehörige durften Sterbende auf dem letzten Weg begleiten. Bei wichtigen Arztterminen konnten die Verwandten ebenfalls dabei sein.

Auch kleine Dinge bringen Freude

Mit viel Beschäftigung, Spielen, Gedächtnistraining oder Ergotherapie haben die Mitarbeiter ihre Schützlinge in der Zeit der bei Laune gehalten. Gefreut haben sich Senioren, wenn der Posaunenchor vor dem Heim ein Ständchen gab oder Schulklassen vorbei gekommen sind.

„Wir haben uns beschäftigt“, erzählt auch die Beirats-chefin. Sie schätzt ein, dass die große Mehrheit der Heimbewohner hinter Maßnahmen steht und sie akzeptiert. „Das Wichtigste für uns ist, dass nichts eingeschleppt wird. Das Leben besteht nicht nur aus Feiern“, ist sie pragmatisch. Auch kleine Dinge bringen Freude, meint sie, beispielsweise, wenn der Eiswagen kommt. Auch der Geburtstag des Monats kann wieder gemeinsam gefeiert werden.

Inzwischen hat sich viel normalisiert, Spaziergänge, Stadtbummel, Besuche bei Freunden oder Verwandten sind längst wieder Alltag. Die Trennung der Wohnbereiche ist behalten worden, denn Corona ist nicht aus der Welt, sagt Pflegekraft Kathrin Spisla. Hygieneregeln und Abstand bleiben wichtige Gebote. „Wir sind so froh, dass alles gut gegangen ist“, meint Gisela Oswald. Ein Punkt, in dem ihre Stellvertreterin Helga Schniegler nur zustimmen kann.