Salzwedel l Ring, ring ... Eine charmante wie nostalgische Türklingel kündigt in der Fahrrad- und Moped-Klinik Lemme jeden Kunden an. Es riecht nach Öl und Benzin. Im Hintergrund ist zu hören, wie ein Hammer auf Metall schlägt. Alte Bilder hängen an der Wand. Fahrräder und Mopeds säumen den Weg durch den Flur zur Innenhof-Werkstatt.

Koryphäe für Simson

Ulrich Lemme, der Inhaber des Traditionsgeschäfts, steht in seiner urigen 50-Quadratmeter-Werkstatt. Der 70-Jährige hat einen festgefahrenen Simson-Motor auf seiner Werkbank. Mit geschulten Griffen zerlegt er das DDR-Triebwerk. So richtig gut kann der 70-Jährige im Alter nicht mehr sehen. Um an einer Simson zu schrauben, braucht er das aber auch nicht. Seit den 1950er Jahren macht er fast nichts anderes. Ulrich Lemme ist gewissermaßen eine Koryphäe für die Krafträder aus Suhl. Schon Eltern und Großeltern genossen zu Lebzeiten einen guten Ruf.

Im Jahr 1909 wurde die Werkstatt der Familie von Paul Lemme gegründet. „Den geehrten Einwohnern von Salzwedel und Umgegend die ergebene Mitteilung, daß ich mit dem heutigen Tage vor dem Neuen Tor 3 ein Geschäft für Fahrräder, Nähmaschinen und Motorfahrzeuge, verbunden mit Reparatur, eröffnet habe“, stand seinerzeit in der Zeitung. Der Ausschnitt hängt wie ein Adelstitel im Holzrahmen an der Wand.

Bilder

Mit Bier geworben

„Der hat ja alles gemacht“, sagt Ulrich Lemme mit Blick auf seinen Großvater Paul. Selbst Schmiedearbeiten. Ein großer Amboss von ihm steht noch immer auf dem Hof. „Die Leute sind damals schon aus dem Umland zu uns gekommen, um Maschinen reparieren zu lassen.“ Gerade auch die Bauern nutzten die Möglichkeit, denn direkt gegenüber der Werkstatt befand sich die damalige Landwirtschaftsschule. Und damit die Bauern auch kamen, hatte Paul Lemme eine „geschmackvolle“ Werbe-Idee: „Er hat Bier auf die Dörfer gebracht und vom Laden erzählt.“

Nach dem Zweiten Weltkrieg übernahm der Vater von Ulrich Lemme, Volkmer, das Familiengeschäft. Da dieser aber vom Krieg gezeichnet war, stieg Gerda Lemme, die Mutter von Ulrich, mit in das Geschäft ein und schmiss ihren Beruf als Lehrerin hin. Noch heute erinnern sich viele Salzwedeler an die liebevolle Frau, die bis zu ihrem Tod im Jahr 2000 den Hut auf hatte.

SR1 für 1000 Ostmark

Waren es vor dem Krieg noch hauptsächlich Drahtesel, die das Geschäft bestimmten, begann nach dem Krieg eine neue Ära: Die der Simson. „1955, mit dem SR 1, haben wir mit den Mopeds angefangen“, erzählt Ulrich Lemme. Polizei, NVA, LPG, GST: Alle nutzten sie. Im Konsum sei der Kauf abgewickelt, bei Lemmes die Fahrzeuge auslieferungsfertig gemacht und repariert worden. Für Fahrräder war da kein Platz mehr. Zeit und Kapazität ließen das nicht zu. „Hier reihten sich bis zu 50 Simson-Mopeds dicht an dicht auf dem Hof“, sagt Michael Lemme. Drei bis vier Angestellte halfen, die Aufträge abzuarbeiten.

„Ein SR 1 hat 1000 Ostmark gekostet“, erinnert sich der 70-Jährige: „Für eine Schwalbe Baujahr 1965 wurden 1265 Ost-Mark verlangt.“ Und das sei nicht wenig gewesen. „Ich habe als Lehrling 65 Mark verdient“, erinnert sich der Senior, ein Brötchen habe nur fünf Pfennige gekostet.

Frauen griffen zur Schwalbe

Übrigens: Frauen hätten aufgrund der Kniebleche lieber zur Schwalbe gegriffen, die Herren eher zur sportlicheren S 50.

Mit der Wende drohte dem Traditionsgeschäft das Aus. Kaum einer hatte mehr an den DDR-Mopeds Interesse. „Wir haben damals überlegt, einen Imbiss in das Geschäft zu bauen“, erzählt Ulrich Lemme. Eine schwere Zeit sei das gewesen. Also kehrte die Familie zu ihren Ursprüngen zurück und legte den Fokus wieder auf Fahrräder. Es sollte funktionieren, das Geschäft lief erneut an.

Auf dem Hof der Werkstatt stehen die Schmuckstücke: SR 1, KR 50, Schwalbe, S 50, SR 50. Alle liebevoll restauriert. Freunden der kultigen Marke geht hier das Herz auf. „Die Mopeds sind längst wiedergekommen“, so Michael Lemme. Alle Simson-Modelle seien wieder gefragt. „Ab 1500 Euro für eine gebrauchte Simson ist normal“, weiß der Juniorchef, „je nach Zustand auch deutlich mehr.“ Im Süden der Republik würden auch 3000 Euro dafür gezahlt. Nachfrage bestimme eben den Preis. Und die Jugend greife ohnehin lieber zur Simson statt zum schnöden Roller von der Stange. Zum einen dürfen sie mit den Modellen aus Suhl Tempo 60 fahren. „Damit überholen sie jede Vespa“, kichert Michael Lemme wissend. Und außerdem könne an den Maschinen noch selbst geschraubt werden. „Die Jugendlichen belesen sich im Internet und reparieren selbst. Mehr als noch zu DDR-Zeiten.“

Kunden aus Niedersachsen

Trotzdem, das Fachwissen von Familie Lemme ist nach wie vor gefragt. „Nicht nur aus Salzwedel, die Leute kommen aus der ganzen Altmark; aus Wolfsburg und Lüneburg.“ Mittlerweile sind Simson-Werkstätten wie die in Salzwedel rar geworden.

Ingetraud Lemme, die Mutter von Michael, macht eine Pause. „Erstmal Zeitung lesen“, sagt sie. Man müsse schließlich wissen, was in der Region los sei. Sie sitzt in einem großen Sessel in der Werkstatt, zwischen Werkzeug, Ordnern und Schreibtisch. Der Ölgeruch ist allgegenwärtig. Das stört die 69-Jährige nicht. Auch wenn sie, im Gegensatz zur Familie, an anderer Stelle arbeitete. Nach Hause kommen heißt, in die Werkstatt kommen. Ein Familienleben zwischen dem Klang von Zweitakt-Motoren.

„Wir waren mal im Simson-Museum in Suhl“, erinnert sich Michael Lemme. Mit prüfendem Blick habe Vater Ulrich die Modelle inspiziert. Vor allem, um die kleinen Unstimmigkeiten aufzudecken: Dort sei der falsche Blinker dran, da ein anderer Kupplungshebel und hier ein geändertes Rücklicht ... Ulrich Lemme ist eben Simson-Schrauber – und das mit Leib und Seele.