Salzwedel l „Wir waren das erste Auto, das vor dem Unfall stand“, erinnert sich Friedhelm Wende an den 21. Juli 2018. Es ist ein Beispiel für ihn, wie Menschen in Katastrophensituationen zusammenhalten können. Auf der A81 bei Heilbronn hatte sich am 21. Juli 2018 ein schrecklicher Unfall mit vier Todesopfern ereignet.

Solidarität und Ignoranz

„Wir haben Leute aus den Autos gezogen, Wiederbelebung angefangen und Decken verteilt. Alles war ziemlich chaotisch. Es waren so viele Leute da, dass es fast schon zu viele waren“, erzählt der Gemeindepädagoge der Jugendkirche in Salzwedel. Das war ein Erlebnis, dass dem Jugendpfarrer zeigte, dass es Solidarität definitiv noch gibt.

„Es herrscht aber genauso Ignoranz und unsolidarisches Verhalten“, sagt er. „Vor ein paar Jahren hat meine Frau einen Unfall gehabt mit dem Fahrrad. Ihr kam jemand entgegen, sie ist ausgewichen, gestürzt und hat sich den Ellenbogen gebrochen. Was machte die Person? Sie fährt vorbei und lässt sie liegen.“ Für Wende war es ein unverständliches Verhalten. „Man kann ja wenigstens fragen, ob man Hilfe rufen soll.“

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Es sind zwei Beispiele, die sich unter anderem darin unterscheiden, wie viele Menschen an der Situation beteiligt waren. Ist es also leichter zu helfen, wenn man in einer Gruppe ist? Friedhelm Wende: „Das wäre auch meine Vermutung. Es wird im Erste-Hilfe-Kurs immer gesagt, wenn etwas passiert und ich alleine bin, soll ich mir Hilfe suchen. Allerdings konnte man bei der Autobahn nicht ausweichen und einfach weggehen. Bei dem Unfall meiner Frau konnte die Person einfach wegfahren.“

Persönlich ist Solidarität etwas Alltägliches für den Pädagogen. „Bei mir ist es ja schon mit dem Beruf verbunden. Kinder- und Jugendarbeit ist mein Beruf und dass man sich für Menschen einsetzt, die schlechter gestellt sind“, erklärt Wende. Mit der Jugendkirche bietet er neben kostenlosen auch kostenpflichtige Veranstaltungen an, doch möchte er finanziell schwächeren Menschen immer Möglichkeiten und Wege öffnen, trotzdem mitmachen zu können.

Berufung statt Beruf

Wende: „Das ist mir wichtig. Ich habe einen Grundsatz: Ich möchte kein Angebot haben, an dem Leute aus finanziellen Gründen nicht teilnehmen können. Dann ist es noch so, dass meine Arbeit kein 40-Stunden-Job, sondern der Beruf auch Berufung ist. Ich bin so etwas wie ein Pfarrer für Kinder und Jugendliche. Begleitung ist da ein großer Schwerpunkt und einen Feierabend kennt man so nicht.“

Der Gemeindepädagoge ist allerdings mit Jugendarbeit der Kirche aufgewachsen, die es in seinem Heimatdorf gab. „Es hat mir Freude gemacht mit anderen Jugendlichen über Glauben zu sprechen und für andere da zu sein. Ich habe auch gemerkt, dass es hilft“, beschreibt er, was ihn motiviert hat Jugendpfarrer zu werden. Aber nicht jeder wächst in einem solidarischen Umfeld auf und einige Menschen werden stattdessen ignorant. Kann man also etwas tun, um vielleicht ein größeres Bewusstsein für Zusammenhalt zu schaffen?

Zusammenhalt vorleben

Wende: „Ich finde es erstmal müßig zu streiten, ob früher alles besser und Menschen solidarischer waren. Das bringt ja nichts. Viel wichtiger ist es, dass man sich für andere einsetzt und Zusammenhalt vorlebt. Hingucken, wo andere vielleicht wegschauen und anderen Leuten helfen solidarisch zu sein. Darüber gibt es genügend Geschichten in der Bibel. Menschen Mut zumachen, sich zu engagieren und für andere einzusetzen. Das ist ein Grundanliegen unserer Arbeit, weil wir als Jugendkirche christliche Werte vermitteln wollen, wie Nächstenliebe und Solidarität.“

„Ich denke, es ist oft gar nicht so schwer solidarisch zu sein. Es gibt viele Kleinigkeiten, die getan werden können und große Auswirkungen auf Menschen haben. Mit vielen Kleinigkeiten kann man mehr bewirken als man denkt – und da fängt Solidarität im Alltag an. Es muss nicht immer ein großer Unfall sein.“