Vier Fragen an Kathrin Rechenberg

Was lieben Sie an ihrem Job?

Den Kundenkontakt und die Vielseitigkeit. Wir sind hier wirklich Mädchen für alles. Das bringt immer wieder neue Herausforderungen mit sich.

Was mögen Sie nicht so?

Nichts Bestimmtes. Manchmal ist es aber so, dass die Gäste mit sehr vielen Sorgen und Problemen kommen. Wir sind hier an der Basis und versuchen, jedem gerecht zu werden. Das ist nicht immer einfach. Aber natürlich ist es unser Ziel, dass sich jeder wohlfühlt.

Gibt es ein einschneidendes, schönes oder kurioses Erlebnis in Ihrer beruflichen Laufbahn?

Da gibt es viele. Ich mache das jetzt in der sechsten Saison. Wir haben Dauercamper und viele Stammgäste. Da bleibt es nicht aus, dass auch über persönliche Dinge gesprochen wird. Wir freuen uns bei Geburten und trauern bei Sterbefällen mit den Gästen. Es ist wie ein große Familie.

Was fällt Ihnen während der Arbeit in der jetzigen Corona-Zeit auf?

Es gibt vermehrt Gäste, die Arendsee bislang nicht kannten und es nun entdecken. Mir fällt dazu auch ein ganz aktuelles Beispiel ein. Urlauber meinten zu mir, sie waren schon in vielen Ländern wie beispielsweise Italien und Kroatien. Dass es so schöne Flecken wie Arendsee, nicht weit weg vom heimatlichen Hamburg, gibt, war ihnen bis zu diesem Jahr nicht bekannt.

Arendsee l „Es wird am Abreisetag viel los sein“ und „Eigentlich müsste die Berufsbezeichung Mädchen für alles heißen“. Die Sätze von Geschäftsführer Michael Meyer habe ich noch im Kopf, als mich mein Weg an einem Sonntagmorgen per Fahrrad zum kommunalen Campingplatz führt, der von der Luftkurort Arendsee GmbH betrieben wird. Kräftig trete ich in die Pedale, um nicht zu spät zu kommen. Doch es reicht nicht. Ein neuer Urlaubsgast war schon vor mir da. Bereits seit 3 Uhr nachts wartet er geduldig darauf, dass die Anmeldung öffnet. Anreisen sind nämlich erst ab 9 Uhr möglich.

An diesem Tag heißt es aber häufiger „Auf Wiedersehen“. 50 Abreisen stehen auf dem Plan. Die soll ich mit abwickeln. Das klingt nach viel Arbeit. „Ich hatte vor Kurzem aber auch schon 80 Abreisen an einem Tag“, beruhigt mich Kathrin Rechenberg, die mich netterweise an ihrem Berufsleben teilhaben lässt.

Fragen auf dem Campingplatz

Dafür eine richtige Bezeichnung zu finden, ist gar nicht so einfach. Touristikfachangestellte ist eine Möglichkeit, doch das umfasst nicht alles. Die Bezeichnung „Mädchen für alles“ oder in meinem Fall „Junge für alles“ trifft es wohl am besten, obwohl es sich dabei natürlich nicht um einen offiziellen Beruf handelt. Denn auf dem Arendseer Campingplatz gehören Fragen nach einer Fahrradausleihe, wie sie auch in Touristinfos beantwortet werden, genauso dazu wie das Problem eines fehlenden Stromkabels und alle klassischen Aufgaben einer Rezeption. Das hört sich interessant an. Also ran.

„Manchmal ist für gewisse Zeit ein Tunnelblick hilfreich“, empfiehlt mir Kathrin Rechenberg. Und ich merke schnell, was sie damit meint. Kaum hat mir die Ziemendorferin die großen Pläne an der Wand erklärt, auf denen mit Magneten markiert wird, ob ein Platz für Zelt, Wohnwagen sowie Caravan belegt, frei oder reserviert ist, geht es auch schon los: Gast für Gast erscheint einzeln im Empfangsgebäude. Zwischendurch kommen Reservierungswünsche per Telefon rein. Und für Abreisende muss die Schranke geöffnet werden. „Manchmal hätte ich gerne zehn Hände“, erzählt die Ziemendorferin mit einem Schmunzeln.

Schnelles Internet auf Bänken

Doch trotz der Schlange, die sich zwischendurch bildet, gelingt es ihr, den Urlaubern das Gefühl zu geben, dass sie in dem Moment nur für sie da ist. Ich beobachte sie aufmerksam und versuche, das auch umzusetzen. Schnell gelingt es mir, mit den allesamt entspannten Touristen ins Gespräch zu kommen. Und so erfahre ich einiges, nämlich dass sich alle im Luftkurort wohlfühlen, auch wenn nicht immer alle Wünsche umgesetzt werden können.

Das Problem mit dem oftmals schlechten WLAN, das kostenfrei angeboten wird, ist auf dem Campingplatz allerdings bekannt und an diesem Tag der einzige Kritikpunkt, der mir zu Ohren kommt. Zudem ist im Eingangsbereich der Empfang gut. Da stehen zwei Sitzgelegenheiten, die scherzhaft als „WLAN-Bänke“ betitelt werden. Den Tipp kann ich Gästen also schon mal mitgeben. Andere möchten gern die Arendsee-Schlüsselbänder mit nach Hause nehmen. Doch das geht derzeit nicht. Alle Exemplare werden für die Transponder benötigt, erklärt mir meine Chefin für einen Tag, Kathrin Rechenberg. Damit lassen sich nämlich Schranken bedienen, Türen öffnen – auch die zum gegenüberliegenden Strandbad. Die Gäste über all diese Besonderheiten im Luftkurort aufzuklären, gehört zur alltäglichen Arbeit, heute also zu meiner. Und ich darf auch über den morgendlichen Brötchenservice informieren. Ja, den gibt es noch in Arendsee, und zwar im aus DDR-Zeiten bekannten Konsum.

Einige Minuten später ist wiederum mein regionales Wissen hilfreich. Fahrradfahrer kommen in die Anmeldung, verabschieden sich in Richtung Salzwedel, und der Hinweis, dass es einen Radweg direkt an der Bundesstraße gibt, zaubert dem Ehepaar ein Lächeln ins Gesicht. So bleibt ihnen die stressige Erfahrung, die sie von Seehausen kommend erlebten, ein zweites Mal erspart. Dort mussten sie sich die Bundesstraße mit vielen Fahrzeugen teilen. Ein schöner Moment für mich als Aushilfs-campingplatzwart.

Emotionaler Job

Und dann erlebe ich, dass der Job auch mal sehr emotional sein kann. Denn der Abschied vom Campingplatz wird zwar so erholsam wie möglich gestaltet, ist aber nicht immer frei von Traurigkeit. Auf ein: „Sie möchten abreisen...“ folgt nämlich oft die Antwort: „Wir müssen abreisen“. Und eine Frau wird sogar vom Abschiedsschmerz übermannt, weil der Urlaub im Luftkurort vorbei ist und sich damit auch die Familie wieder trennt. Da ist Trost nötig. Der gestaltet sich derzeit aber schwierig: „Ach, ich hätte sie gerne einfach in den Arm genommen. Aber das geht ja in Corona-Zeiten nicht“, bedauert Kathrin Rechenberg.

Solche persönlichen Momente gibt es immer wieder, erzählt sie mir, nicht nur mit den Dauercampern. Auch Urlauber, die mit Zelt und derzeit vor allem mit Wohnwagen oder Caravan anreisen, haben den Campingplatz-Mitarbeitern was zu erzählen. Nicht immer läuft schließlich alles glatt. So erzählt mir eine Thüringerin beim Auschecken von ihrem schwierigen Urlaubsstart. Von Sömmerda ging bis Magdeburg alles glatt, dann ein Defekt im Automotor. „Wir sind mit 80 Stundenkilometern bis Arendsee hochgehuppelt“, so die Urlauberin und ist froh, vor Ort eine Werkstatt gefunden zu haben.

Hilfe und Unterstützung selbstverständlich

Helfen, wenn es nötig ist, und auch mal Reparaturen vermitteln, das gehört also auch zur Arbeit auf dem Platz. Vor allem aber gehört Freundlichkeit dazu, und auch mal eine Ausnahme, wie zum Beispiel Urlauber, die erst spät kommen, nicht abzuweisen. Wenn die Anmeldung bereits zu ist, gibt es nämlich Not-Transponder. Mit diesen lässt sich sogar duschen, und am nächsten Tag erfolgt dann das Schriftliche.

Dazu gehört derzeit natürlich auch der übliche Corona-Zettel und der Hinweis auf die Hygiene-Maßnahmen, die jedem Ankommenden vorgelegt werden. Doch die sind froh, dass sie überhaupt Urlaub machen können.

Übrigens: Für den Campingplatz ist die derzeitige Krise auch eine Chance. Etliche Gäste hatten Arendsee bislang nicht auf dem Schirm und sind erstaunt über dieses schöne Fleckchen Erde. Wenn sie sich wohlfühlen, wächst die Wahrscheinlichkeit, dass die Urlauber den Luftkurort in guter Erinnerung behalten und zu Stammgästen werden.

Ich hoffe, dass ich dazu ein bisschen beitragen konnte.