Gesellschaft

Tag der Freundschaft – drei Altmärkerinnen seit mehr als 70 Jahren befreundet

Befreundet sein kann man mit vielen Menschen – weil man sich nett findet, im gleichen Haus wohnt, wegen der Kinder, weil das Hobby dasselbe ist, weil man in der Klasse nebeneinander sitzt und bei Facebook. Manchmal aber gibt es Freundschaften im wahren Leben, die sind etwas Besonderes. Eine davon stellt die Volksstimme zum heutigen Tag der Freundschaft vor.

Von Gesine Biermann
Eine 72-jährige Freundschaft verbindet sie mittlerweile: Annreose Rheis (von links), Renate Nottrodt und Christel Hoell.
Eine 72-jährige Freundschaft verbindet sie mittlerweile: Annreose Rheis (von links), Renate Nottrodt und Christel Hoell. Repros: Gesine Biermann

Stendal - Heinz Rühmann und Willy Fritsch haben es gesungen, die Comedian Harmonists und danach noch viele andere: „Ein Freund, ein guter Freund, das ist das Beste, was es gibt auf der Welt...“. 1930 begeistert das Lied mit der Melodie von Werner Richard Heymann und dem Text von Robert Gilbert Millionen im Kinofilm „Die drei von der Tankstelle“.

Damals sind Annerose Rheis, Christel Hoell und Renate Nottrodt zwar noch nicht geboren. Doch das Lied könnte auch ihre Freundschaft beschreiben. Die nämlich hält seit über 70 Jahren, in guten und in schlechten Zeiten. Und auch sie sind drei – wenn auch nicht die „von der Tankstelle“.

Geboren werden alle drei im April 43. Drei Widder, sternzeichentechnisch. Drei selbstbewusste, unabhängige Optimistinnen also. Eigenschaften, die sie auch brauchen. Immerhin ist noch Krieg, als sie zur Welt kommen. Dann beginnen die Nachkriegsjahre.

Es gab Zeiten, da hatten unsere Eltern nicht mal 25 Pfennige fürs Landkino im Haus.

Renate Nottrodt

Die Einschulung 1949 in Langensalzwedel (bei Stendal) wird also nicht groß gefeiert. „Das Geld in unseren Familien war knapp“, erinnert sich Renate Nottrodt. „Es gab Zeiten, da hatten unsere Eltern nicht mal 25 Pfennige fürs Landkino im Haus.“ Und doch gelingt es ihnen immer irgendwie, für die Mädels Geburtstagsfeiern zu organisieren. Die sind nämlich längst ein Herz und eine Seele.

Und sie sind immer zu dritt. „Das ist eigentlich ungewöhnlich, man sagt ja: Wo drei sind, ist einer zu viel. Aber wir haben uns tatsächlich immer am besten verstanden, wenn wir alle zusammen waren“, versichern die drei glaubhaft.

Und deshalb sind sie auch richtig froh darüber, dass sie nach der Grundschule zusammen in Tangermünde bis zur Mittleren Reife weiter in einer Klasse bleiben können. Alle drei werden 1957 in der Staffelder Kirche konfirmiert. Und alle drei singen während der gesamten Schulzeit im Chor.

Stehen Chorproben oder Auftritte an, müssen sie zuweilen gleich zwei Mal am Tag zur Schule und zurück. Heute wäre das ein Klacks. Ihr Schulweg damals hieß allerdings: sechs Kilometer mit dem Fahrrad bei Wind und Wetter – heute wohl undenkbar.

Im Winter dürfen die Mädels aber zum Glück ein Stück mit dem Zug fahren. Und an eine Geschichte aus dieser Zeit können sich alle drei noch gut erinnern: Im Tangermünder Bahnhof können sie einmal nicht schnell genug aus dem Zug kommen, weil viele ältere Leute unterwegs sind. Christel, damals heißt sie noch Brandt mit Nachnamen, kommentiert das Gedränge mit dem Satz: „Heute ist aber mal wieder das ganze Krampfadergeschwader unterwegs ...“

Leider hört das ein älterer Herr im Zug. Und der schwärzt die Mädchen beim Direktor der Tangermünder Diesterwegschule an. Während des Unterrichts müssen sie in sein Büro kommen und sich bei dem Herrn entschuldigen.

„Was haben wir uns geschämt“, sagt Renate Nottrodt, die damals noch Geißler hieß – und dann augenzwinkernd: „Jetzt sind wir ja das Krampfadergeschwader ...“

Und darüber können sie heute, Jahrzehnte später, auch immer noch gemeinsam lachen, wenn sie sich sehen oder telefonieren. Denn ihre Freundschaft gibt es immer noch.

Der Kontakt zwischen ihnen reißt nämlich nie ab. Auch nicht, als sie nach der Schule auseinandergehen.

Christel und Annerose werden Chemielaborantinnen, Renate macht eine kaufmännische Ausbildung.

Sie bleibt in Stendal, auch Annerose bleibt der Altmark treu, sie bleibt sogar in Langensalzwedel. Christel Hoell, damals noch Brandt, bleibt der Liebe wegen da, wo sie ihre Ausbildung gemacht hatte und lebt noch heute in Milo bei Premnitz.

Alle drei heiraten etwas später. Sehr glücklich, wie sie betonen. Und auch die Männer verstehen sich gut, wenn sie mal bei den Treffen dabei sind.

Alle drei Freundinnen werden schließlich auch ungefähr zur selben Zeit Mutter. Nur bei der Kinderzahl gibt es Unterschiede. Aber das macht nichts. Zu erzählen gibt’s über den Nachwuchs samt der Ehemänner gleich viel. Und zu lachen auch.

Wie haben wir uns geschämt. Und heute sind wir das Krampfader- geschwader.

Renate Nottrodt

„Eigentlich haben wir immer viel gelacht“, sagen sie. Die Männer hätten es da mit ihnen manchmal nicht so leicht gehabt, wenn sie zusammen waren, weil sie so albern gewesen seien.

Indes: Das Leben ist nun mal nicht immer lustig. Auch nicht für die drei Freundinnen. Eine Erfahrung, die sie ebenfalls wieder fast gleichzeitig machen. Denn alle drei versorgen liebevoll ein zuletzt lebendes Elternteil. Und dann verlieren sie alle drei ihre geliebten Ehemänner noch vor dem 70. Lebensjahr.

Und wieder sind sie füreinander da. Vielleicht da auch auf diese ganz besondere Art, gerade weil sie sich so lange und so gut kennen.

Da ist der liebe Brief, den die eine an die andere schreibt. Da ist mal ein kurzes Telefonat, in dem sie sich gegenseitig trösten. Und manchmal braucht es auch gar keine Worte. Als eine von ihnen vor einiger Zeit schwer erkrankt, ist es vielleicht auch dieser Blumenstrauß, der über Fleurop im Krankenhaus ankommt, der für Freude und wieder ein bisschen mehr Zuversicht sorgt.

„Ein Freund bleibt immer Freund, auch wenn die ganze Welt zusammenfällt ... “, heißt es im Lied. Auch das würden die drei Frauen ganz sicher unterschreiben.

Nie hat eine von uns gesagt: ’Na, was will die denn schon wieder.’

Christel Hoell

Voneinander sagen sie zum Beispiel: „Annchen hatte immer so ein ruhiges stilles Wesen. Das war so gut für uns alle.“ Oder: „Christel hat immer den Kontakt zu uns gehalten, auch wenn sie weiter weg war.“ Oder: „Nie hat eine von uns gesagt: ,Na, was will die denn schon wieder’. Jede von uns hatte immer das Verlangen, von den anderen zu hören, um zu wissen, wie es ihnen geht und sie mal wieder zu treffen.“

Und das gelingt. Über sieben Jahrzehnte hinweg. Da sind die Klassentreffen alle fünf Jahre, das letzte erst 2019. Da ist erst die goldene, dann die diamantene Konfirmation in Tangermünde. Da sind selbstverständlich die runden Geburtstage, zu denen immer alle beisammen sind. Und außerdem gibt es ja auch Whatsapp – mittlerweile haben sie schließlich auch alle ein Smartphone.

Und dann machen die drei schließlich sogar noch mal eine gemeinsame Reise – nach Südtirol, vor zwei Jahren. Diese gemeinsame Zeit genießen sie sehr: „Lachendes Ziel, lachender Start und eine herrliche Fahrt. Über das Meer, über das Land, haben wir eines erkannt: Ein Freund, ein guter Freund, das ist das Beste, was es gibt auf der Welt...“ heißt es im Lied. Auch diese Zeile hat sich für die Freundinnen bestätigt.

Heute ist der Internationale Tag der Freundschaft. Es gibt ihn seit 1958. Heute soll also an die Bedeutung der Freundschaft erinnert werden.

Für drei Altmärkerinnen ist das nicht wichtig. Sie wissen ohnehin, was Freundschaft ist. Freundschaft ist kein großes Wort. Freundschaft heißt für sie, füreinander da und glücklich darüber zu sein, dass es die anderen gibt. Wie in dem Lied:

„Ein Freund, ein guter Freund, Das ist der größte Schatz, den's gibt. Sonnige Welt! Wonnige Welt! Hast uns für immer zusammengestellt!“

Annerose Henning (von links), Christel Brandt und Renate Geißler bei ihrer gemeinsamen Konfirmation 1957 in der Staffelder Kirche. Da kennen sich die drei schon acht Jahre.
Annerose Henning (von links), Christel Brandt und Renate Geißler bei ihrer gemeinsamen Konfirmation 1957 in der Staffelder Kirche. Da kennen sich die drei schon acht Jahre.
Gesine Biermann