Salzwedel/Gardelegen l Simone B. telefoniert, schreibt Nachrichten, surft im Internet, liest, hört Musik oder schaut fern. Drei Mal in der Woche, viele Stunden lang. Seit über fünf Jahren. Dabei ist es nicht so, dass sie nicht auch was Besseres zu tun hätte. Doch die 48-Jährige muss die Zeit irgendwie rumbringen, die Zeit, in der ihr Blut gewaschen wird. Simone B. ist Dialysepatientin.

An den Tag im September 2014, an dem ihr die Ärzte klar machen, dass ihre Nieren nicht mehr funktionieren und sie ohne Dialyse sterben wird, kann sich die Kalbenserin noch genau erinnern. Dabei sei das nur Zufall gewesen. Im Rahmen einer geplanten Operation waren ihre Nierenwerte aufgefallen. Zuvor hatte sie sich zwar oft schlapp gefühlt, aber so etwas hatte sie nicht vermutet. „Es war ein Schock“. Seither ist ihr Leben ein anderes. Arbeiten kann sie nicht. Und auch der Alltag ist für sie nur schwer zu bewältigen.

Schon fast wie eine Familie

Im Nierenzentrum Stendal-Gardelegen fühlt sie sich zwar gut aufgehoben – „nach so langer Zeit ist es ja schon fast so, als gehören die Leute hier zu meiner Familie“–, und sie ist auch dankbar dafür, dass die moderne Technik ihr Leben verlängern kann. Dennoch würde sie sich wünschen, dass sie irgendwann nicht mehr auf Maschinen angewiesen ist.

Das ermöglicht ihr letztendlich aber nur ein Spenderorgan. Noch steht sie nicht auf der Transplantationsliste. Einige Voruntersuchungen, die dafür Voraussetzung sind, hat sie aber schon hinter sich gebracht. Und so verfolgt auch Simone B. derzeit interessiert die Diskussion über das Thema Organspende und hofft auf die Widerspruchsregelung, bei der jeder automatisch Spender ist und sich einer Organentnahme nach dem Tod nur durch einen Widerspruch entziehen kann.

Patienten jahrelang verzweifelt

Dass dies die einzig richtige Entscheidung wäre, davon ist auch Dr. med. Alexander Krainz fest überzeugt. Im Nierenzentrum hat er täglich mit Patienten zu tun, die jahrelang verzweifelt auf ein passendes Organ warten. „Für mich stellt sich eigentlich eher die Frage, warum wir darüber überhaupt diskutieren müssen“, sagt er kopfschüttelnd. Die Dialyse sei eine Überbrückungsmöglichkeit. Eine gute, aber eben keine Dauerlösung. Die Lebenserwartung für Transplantierte sei einfach viel höher. Und das gelte auch längst für ältere Menschen: „Unser ältester transplantierter Patient war 78!“

Mit der derzeitigen Zustimmungslösung in Sachen Organspende kann jedoch längst nicht jeder Patient ein neues Organ bekommen.

Dabei wird schon differenziert. Seit einigen Jahren gibt es mit dem Eurotransplant-Seniorenprogramm „Old for Old“ (Alt für Alt) für ältere Patienten nämlich eine größere Chance, ein Spenderorgan zu erhalten. Dabei wird davon ausgegangen, dass ältere Patienten, die noch fit für eine Transplantation sind, ein Organ von ebenfalls älteren Menschen bekommen.

Dreimal wöchentlich zur Dialyse

Auch Patienten des Nierenzentrums Stendal-Gardelegen haben davon profitiert. „Und das war das Beste, was mir passieren konnte“, erzählt einer von ihnen gestern im Gespräch mit der Volksstimme. Fast sieben Jahre lebt der Gardelegener schon mit der Niere einer verstorbenen Spenderin.

Schon als jungem Mann muss ihm bereits eine Niere entfernt werden. Als nach einer weiteren Erkrankung plötzlich auch die zweite versagt, bleibt ihm, obwohl sonst topfit, nur die Dialyse. Ein Dreivierteljahr muss er drei Mal wöchentlich nach Stendal fahren, rückt auf der Warteliste immer höher. Dann der Anruf, den er nie vergessen wird: „Ich war beim Einkaufen. Mein Handy klingelte. Es hieß, ich soll sofort nach Berlin in die Charité kommen.“

Dort wird er noch am selben Abend operiert. Und schon nach einer Woche kann er wieder nach Hause. „Heute fühle ich mich sauwohl“, sagt der 81-Jährige, und: „Ich bin der Spenderin, ich weiß zufällig, dass es eine Frau war, so dankbar. Wenn ich könnte, würde ich ihrer Familie einen Brief schreiben, um ihr das mal zu sagen.“ Ihrer Bereitschaft zu spenden, habe er schließlich sein Leben zu verdanken. Und das wünscht er natürlich allen, die immer noch auf ein Organ warten müssen.

Organspendeausweis immer dabei

Dass die Widerspruchsregelung die derzeitige Situation deutlich verbessern würde, davon ist auch eine andere Gardelegerin überzeugt. Und sie hat sogar noch einen drastischen Vorschlag: „Ich finde, wer nicht bereit ist zu spenden, sollte auch kein Spenderorgan erhalten“, sagt sie provokant. Es ist nicht nur ihr professioneller Hintergrund – sie hat einen medizinischen Beruf – sondern auch ihre ganz persönliche Geschichte, die sie in ihrer Meinung bestärkt.

Beruflich hat die junge Frau, die ihren Namen nicht in der Zeitung lesen will, täglich mit Patienten zu tun, die verzweifelt auf ein Organ hoffen, erlebt deren Leid aus erster Hand. Privat hat sie selbst schon eines gespendet: Ein Familienangehöriger hat eine ihrer Nieren bekommen. „Er ist aufgewacht und war ein neuer Mensch“, sagt sie. Und sie selber könne auch mit einer Niere leben. „Ich würde es immer wieder machen!“

Und sie würde auch all ihre Organe zur Verfügung stellen, wenn sie stirbt. Ihren Organspendeausweis, den sie schon als Auszubildende ausgefüllt hat, hat die junge Frau immer bei sich.