Salzwedel l 1956. Fünf Jahre vor dem Bau der Mauer. Die DDR (entstanden aus der Teilung Deutschlands nach 1945) steckt noch in den Kinderschuhen, das mit ihr einhergehende System allerdings hat sich bereits etabliert. Das Ministerium für Staatssicherheit, kurz Stasi genannt, lehrt Feindbilder, verletzt Grundrechte, bezeichnet Andersdenkende als „feindlich-negativ“, überwacht und verfolgt. Getreu der Zielsetzung: Alles wissen, kontrollieren, lenken, Menschen einschüchtern und manipulieren.

Bereits zu diesem Zeitpunkt kann jede Bemerkung, so unbedacht und flapsig sie auch gewesen sein mag, den weiteren Lebensweg beeinflussen. Und von einem Moment auf den anderen ist nichts mehr so, wie es einmal war. Vor allem Jugendliche haben es schwer, sich in dieser vorbestimmten Welt zurecht zu finden, vor allem dann, wenn sie kurz davor sind, das Abitur zu machen. Denn mit dem Schulabschluss stand den jungen Frauen und Männern die Welt offen – zumindest theoretisch.

Nach dem Abitur in den Westen

Rolf Wernstedt, der in Tangeln aufwuchs und in Beetzendorf das Abitur ablegte, erinnert sich. Seine Eltern wollten, dass er den Beruf des Müllers erlernt. Das sei etwas Bodenständiges. Schließlich gab es damals in Tangeln eine Mühle. Doch es kommt anders: „Nach dem Abitur wollte ich studieren, doch plötzlich hieß es, ich solle zur Nationalen Volksarmee.“ Davon war der spätere niedersächsische Kultusminister und Präsident des niedersächsischen Landtages nicht begeistert. Zumal ihm die NVA nicht zusagen wollte („es kommt darauf an, wie du dich bei uns benimmst“), dass er nach der Armee studieren kann. Weil er sich weder Zukunft noch Freiheit von anderen bestimmen lassen wollte, flüchtete Wernstedt 1958, verließ die DDR und legte 1959 bei Stuttgart die Sonderreifeprüfung für DDR-Flüchtlinge ab.

Bilder

Dass da in „Salzwedel irgendetwas gewesen ist, das wussten wir. Allerdings nichts Genaues“, erzählt Wernstedt mit Blick auf die Geschehnisse, die sich im Herbst 1956 am Salzwedeler Jahngymnasium zugetragen haben. Denn damals beweisen Schülerinnen und Schüler Mut und Rückgrat. Zwei Klassen beteiligen sich an einem fünfminütigen Gedenken der Opfer des Ungarn-Aufstandes.

Film basiert auf wahren Ereignissen

In „Das schweigende Klassenzimmer“, das auf wahren Ereignissen basiert, erzählt Regisseur Lars Kraume von Schülern in der DDR, die nach einer selbst initiierten Schweigeminute plötzlich als Staatsfeinde dastehen. Zugetragen hat sich die Geschichte im brandenburgischen Storkow. Im Film allerdings wurden die Handlung, der Schauplatz und der Drehort nach Eisenhüttenstadt verlegt, das damals übrigens noch Stalinstadt hieß.

Doch wieder zurück nach Salzwedel. „Das war damals alles hervorragend organisiert, allerdings im Geheimen, sozusagen konspirativ vorbereitet“, erinnert sich Heidrun Tegge, die damals die zehnte Klasse besuchte, und heute die Vereinigung der Ehemaligen des Jahngymnasiums leitet. Denn pünktlich um 12 Uhr erscheinen zwei Klassen in Kleidung zum Unterricht, die den ungarischen Nationalfarben entsprechen. In Rot, Weiß und Grün. Manche Mädchen tragen Pullover, die Jungs weiße Hemden und Accessoires, die die ungarischen Farben symbolisieren. Die Schülerinnen und Schüler – etwa 50 an der Zahl – ziehen sich heimlich vor dem Unterricht um und gehen in die Klassenzimmer.

Ehrliche Anteilnahme

Punkt 12 Uhr beginnt der stumme Protest. Er ist Ausdruck ehrlicher Anteilnahme für die Toten des Ungarischen Volksaufstands. Doch mit ihrer kraftvollen Handlung bringen die Schüler Lehrer in eine peinliche Bredouille. Was sollen sie tun? Wenn sie das Ereignis nicht melden, laufen sie Gefahr, selbst ins Visier der Stasi zu kommen. Und den damit verbundenen Konsequenzen. Berichten sie über das Geschehene, gehören sie moralisch gesehen zu den Verlierern – auch vor dem eigenen Spiegelbild. Eine schwierige Lage. Und eine schwere Entscheidung.

Einer der Lehrer, von den Schülern übrigens sehr geschätzt, geht schließlich zum Rektor. Ein anderer, der Mathematik unterrichtet, entschließt sich, die ganze Sache mehr oder weniger zu ignorieren. Er löst an der Tafel eine besonders schwere Rechenaufgabe, wendet der Klasse den Rücken zu. Um sich erst wieder nach Ende des stummen Protests umzudrehen. „Im Nachhinein gesehen eine mutige und tolle Reaktion.“

Es wurde nicht darüber gesprochen

Nach der Aktion begann ein „konspirativer Prozess“, erinnert sich Heidrun Tegge. Über die Schule, aber auch über die Schüler legte sich sozusagen der Mantel des Schweigens. Denn offiziell wurde über das Ereignis nicht gesprochen. Höchstens hinter vorgehaltener Hand. In den Pausen waren die Lehrer bestrebt, kleine Gruppen, die sich zusammen getan hatten, aufzulösen. „Wir haben gewusst, dass mit den Schülern etwas vorging, dass sie einzeln aus dem Unterricht zum Verhör geholt wurden.“ Denn natürlich wollte die Stasi die Rädelsführer ermitteln. „Doch Bestandteil des Plans der Schüler war, dass sich einer oder mehrere der Teilnehmer verantwortlich erklärten, damit nicht alle zur Verantwortung gezogen werden“, erzählt Tegge. Für die Stasi war dieser Umstand vermutlich nicht zufriedenstellend, aber die Schüler haben zusammen gehalten und ein Signal gesetzt. Danach sind einige aus Salzwedel „in den Westen geflüchtet oder sind geflüchtet worden“.

In Salzwedel sind die Vorkommnisse in Ungarn regelmäßig verfolgt worden. Schließlich lebte man in der Hansestadt nicht gerade im „Tal der Ahnungslosen“. Vielmehr waren die Sendungen und Informationen aus dem West-Radio eine „wichtige Informationsquelle“.

Ungarn hatte damals mit Blick auf die Landwirtschaft ähnliche Probleme wie die DDR. Beide galten als Agrarstaaten. Doch den Menschen fiel es immer schwerer, nach der Kollektivierung den Betrieb aufrecht zu erhalten. Das weiß auch Heidrun Tegge, die aus der Landwirtschaft stammt. Deshalb sind die schweigenden Salzwedeler Klassenzimmer nicht nur Ausdrucks eines Protests, sondern eben auch der Solidarität.