Vergodendeel

Zurück in Ur-Omas Zeiten

Im Freilichtmuseum Diesdorf sind Besucher wie durch eine Zeitkapsel in das Jahr 1900 katapultiert worden - beim Vergodendeel.

Von Alexander Rekow

Diesdorf l „Es klärt sich auf zum Wolkenbruch“, sagt Margarete Wielhorn unter ihrem großen Regenschirm. Sie steht mit ihrem Ur-Enkel Gustav (7) unter einem Baum im Freilichtmuseum Diesdorf. Die beiden sind aus Niedersachsen in den Altmarkkreis gekommen. „Ich will Gustav mal zeigen, wie meine Ur-Großeltern auf dem Land lebten.“ Auch sie stamme aus einer bäuerlichen Familie und könne sich noch gut daran erinnern, wie entbehrungsreich die Zeit häufig gewesen war. „Ich musste als Kleinkind auf dem Feld mithelfen“, sagt Margarete Wielhorn. Kartoffeln aufsammeln, Stall ausmisten, Kühe melken. „Ich habe das alles noch von meiner Großmutter gelernt“. Genauso wie die Handarbeit. Und genau diese konnten sich Gustav sowie die anderen Gäste am Sonntag beim Museumsfest Vergodendeel genau anschauen und erklären lassen.

Beispielsweise bei Monika Mathies und Petra Taubert. Die beiden Frauen vom Verein Textilwerkstatt Wolmirstedt sind zu diesem Zweck in den Altmarkkreis Salzwedel gekommen. „Wir erklären die alten Handarbeitstechniken“, sagt Monika Mathies, während sie gelassen auf einem alten Holzstuhl strickt. Natürlich in entsprechender Kleidung. Beide Frauen rufen jedes Kind, das Interesse zeigt, dazu auf, selbst zu Stricknadeln oder zum Webstuhl zu greifen. „Vieles geht ja verloren“, sagt Petra Taubert, „auch die gute alte Handarbeit.“ Daher habe sich der Verein dem Ziel verschrieben, eben jene Techniken zu bewahren und weiter zu vermitteln.

Unterdessen regnet es wieder in Strömen. Einige Besucher suchen Schutz unter den Bäumen, andere in den historischen Fachwerkhäusern. Auch Alfred Henke aus Mehm­ke. Im vergangenen Jahr begrüßte er die Gäste noch als „Müller Henke“ in der alten Bockwindmühle auf dem Museumsgelände. Erklärte die Funktionsweise und Details. Nicht so in diesem Jahr. Säge statt Mühle heißt es heute für den Mann im weißen Kittel. Und das, obwohl er heute eigentlich den Kindern Literatur näher bringen möchte.

Genau genommen diese: „Alltagsröcke, Sonntagsröcke, Lange Hosen, spitze Fräcke, Westen mit bequemen Taschen, Warme Mäntel und Gamaschen– Alle diese Kleidungssachen, wusste Schneider Böck zu machen.“ Denn Alfred Henke will den Kindern den dritten Streich von Max und Moritz aus der Feder von Wilhelm Busch zeigen. Bekanntlich spielten Max und Moritz den Erwachsenen Steiche: „Max und Moritz, gar nicht träge, sägen heimlich mit der Säge, ritzeratze voller Tücke, in die Brücke eine Lücke.“ Und genau das können die Kinder bei Alfred Henke. Es ist zwar keine Brücke, dafür aber sind es Holzäste. Und wenn diese mit einer alten Säge eine Holzscheibe aussägen können, kommt auf die Scheibe noch ein Stempel mit den Gesichtern der beiden Lausbuben als Erinnerung.

Unterm Strich können mit einem Laufzettel alle Streiche von Max und Moritz auf dem Gelände entdeckt werden. Auch bei Christa Schindler, die den 6. Streich betreut. Die Barnebeckerin hat sich zu diesem Zweck ebenfalls in eine der Zeit entsprechenden Tracht gekleidet. „Die historische Schürze habe ich von meiner Großmutter“, erzählt sie. Genau so wie weitere Textilien aus längst vergangener Zeit, die sie bei sich aufbewahrt. „Meine Mutter hat noch Weißnäherin gelernt“, erzählt sie. Ein Beruf, der längst in Vergessenheit geraten ist und im Freilichtmuseum noch einmal auflebt. So habe ihre Mutter seinerzeit aus weißer Bettwäsche noch Kleidung mit Spitze gefertigt. Christa Schindler hebt all diese Sachen auf, um an das traditionelle Handwerk zu erinnern.

„Die sind aber krass“, sagt Gustav, der mit seiner Ur-Großmutter Margarete Wielhorn die Traktoren entdeckt hat. Eine Reihe alter Landmaschinen reiht sich auf dem Museumsgelände. Hanomag, MAN, Fendt, Deutz: Die Fahrzeuge sind rund 70 Jahre und einige noch deutlich älter. Einige Senioren bleiben stehen, Kindheitserinnerungen werden wach. „Den hatte der Bauer Schulze“, sagt einer: „Ein klasse Fahrzeug.“ Zustimmendes Nicken der anderen Herren gesetzteren Alters. Es sind Momente wie diese, welche die Gäste in eine vergangene Zeit führen.

Noch ziemlich jung, aber dafür traditionell gekleidet, sind Emma Marie (17) und ihre jüngere Schwester Lisa Maria Gaedke (11). Die beiden Mädchen sind wie in den Jahren zuvor wieder dabei. War es im vergangenen Jahr mit mehr als 30 Grad Celsius noch brennend heiß auf dem Museumsareal, regiert in diesem Jahr mit ständigen Schauern der Regen. „Schade, dass das Wetter nicht mitspielt“, sagt Emma Marie. Trotzdem machen sie das beste daraus.

Ebenso wie ihre Ziegen Frieda und Ferdinand, die die Schwestern aus Kortenbeck an einer Leine mit sich führen. „Auch die Kinder mussten mithelfen“, weiß Emma Marie. Und um genau das zu verdeutlichen, sind die Schwestern mit ihren Eltern da. Dazu noch ein kleines Gatter in einem Vieh­anhänger mit einem Huhn und dessen Kücken. So können die Kinder der Stadt die Tiere vom Land vor Ort begutachten.

„Nun reicht es hin“, sagt Margrete Wielhorn zu ihrem Ur-Enkel, „du bist ja schon ganz nass.“ Das aber scheint Gustav weniger zu interessieren, der unterdessen in einer Pfütze seine Gummistiefel auf Wasserundurchlässigkeit überprüft.

Einzig die historische Ernte, der Höhepunkt beim Vergodendeel, soll an diesem Tag ins Wasser fallen. Denn eigentlich sollten die Heimatinteressenten aus Dähre zeigen, wie mühsam die Ernte mit Sense und früher Erntetechnik vom Feld geholt wurde und wie fröhlich hinterher der Tanz um die letzte Garbe war.

Dafür bleibt mehr Zeit, die alten Fachwerkgebäude, Kirche und Bockwindmühle auf dem großen Gelände zu betrachten. Oder die Böttcher- und Küferausstellung.

Der siebenjährige Gustav hat zumindest einen tollen Tag gehabt, wie er sagt. Und eine Baumscheibe mit Max und Moritz als Erinnerung obendrein.