Breitenhagen/Zuchau l „Jeder kann ein Engel sein“, lächelte Viola Otto nachsichtig, als der neugierige Reporter sie auf ihre schwarz-lederne Montur ansprach, die auf den ersten Blick so gar nicht zum weihnachtlichen Krippenspiel zu passen schien.

Zusammen mit dem Germanisten Jörn Weinert hatte sie ein Stück ausgewählt, dessen Ursprung sehr weit zurück liegt. Kinder und Erwachsene orientierten sich an Pfarrer Johannes Cuno, der Ende des 16. Jahrhunderts in Calbe wirkte. Sein Weihnachtsspiel wurde in alter Sprache aufgeführt; im Kontrast dazu spielte Fritz Becker einen Song von Johnny Cash auf der E-Gitarre, wozu er einen deutschen Text geschrieben hatte, der zu Cunos Weihnachtsspiel inhaltlich passte.

Pastorin Eva-Maria Wassersleben griff in ihrer Predigt das Thema Engel auf: „Fürchtet euch nicht‘, spricht der Engel. Und wir würden wohl sagen: Aber ich fürchte mich doch.“

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Vor Einsamkeit, Krankheit, vor drohenden Gefahren …

„Sind wir nicht aufgewachsen mit dem Gefühl, uns Liebe und Anerkennung immer erst verdienen zu müssen?“

„Sind wir nicht aufgewachsen mit dem Gefühl, uns Liebe und Anerkennung immer erst verdienen zu müssen? Haben wir nicht Sätze gehört wie: Wenn Du dich nicht genug anstrengst in Schule und Beruf und tust, was andere von Dir erwarten, wirst Du nichts erreichen in Deinem Leben. Also zusammen reißen, tapfer sein, nicht zeigen, wie einem wirklich zumute ist“, sagte Pastorin Wassersleben. Das eigene Wollen und die eigenen Wünsche kämen dabei zu kurz. Menschen funktionierten in solchen Situationen nur noch. „Sie bleiben allein mit ihrer großen Angst, manche zerbrechen daran.“

Mitten hinein in diese Lebensangst spreche Gott mit der Stimme des Engels: Fürchtet Euch nicht. Euch ist heute der Heiland geboren. „Allem Volk“, so Wassersleben, „dem Nachbarn, dem Fremden, dem Atheisten, den Muslimen.“

„Andere Menschen mögen ihre Messlatte haben. Aber ich bin und ich werde selbst erspüren, wie ich leben und zur Entfaltung kommen will“, machte Eva-Maria Wassersleben Mut.

Das Thema dieser Predigt hatte sich die Groß Rosenburger Pastorin nicht zufällig ausgesucht. Auf Volksstimme-Nachfrage räumte sie ein, im seelsorgerischen Alltag eine Zunahme überforderter und depressiver Menschen zu beobachten.

Während in der Zuchauer Laurentii-Kirche noch Plätze frei waren, war es in Breitenhagen so voll, dass einige Besucher stehen mussten. Hier saßen die Menschen auf Bänken, wie man sie aus Festzelten kennt. Der Grund: In der Kirche werden Hochwasserschäden beseitigt. Auch der Fußboden besteht derzeit nur aus verdichtetem Split.