Schönebeck l Mannshohe Silhouetten prangen auf den mattweißen Texttafeln im Ausstellungsraum. Sie sind, unverkennbar, militärischer Natur. In der linken Hand eine Fahnenstange, in der rechten das Bajonett, auf dem Kopf die Pickelhaube - alles, was ein waschechter Soldat des Ersten Weltkriegs braucht. Doch ihnen allen fehlt das Gesicht. Denn bei dieser Ausstellung im Schönebecker Salzlandmuseum geht es um eine Gruppe von Menschen, deren Teilnahme am „Großen Krieg“ - damals wie heute - gerne einmal unter den Tisch fallen gelassen wird. Die Rede ist von Soldaten jüdischen Glaubens.

Der zeitgenössiche Antisemitismus des vergangenen Jahrhunderts mit all seinen Vorurteilen und Gerüchten lässt glauben, dass es diese nicht gegeben hätte. Doch „das ist eine Mär“, weiß Frank Löbig, wissenschaftlicher Mitarbeiter des Museums. „Es wurde verbreitet, dass die Juden den Wehrdienst verweigerten, oder sich gerne rauskauften. So entstand unter anderem die ‚Dolchstoßlegende‘.“ Dabei hatten seinerzeit die jüdischen Zeitschriften in Deutschland zur Beteiligung am Krieg aufgerufen, so Löbig.

Um aufzuzeigen, dass diese, die deutschen Juden verunglimpfenden, Gerüchte „jeder Grundlage entbehren und einer wissenschaftlichen Untersuchung nicht standhalten“, ist die Wanderausstellung „Ungeliebte Krieger“ noch bis zum 22. Mai dieses Jahres im Salzlandmuseum anheim.

Auf Geschichte eingehen

Konzipiert wurde die Ausstellung von der studentischen Arbeitsgruppe „Jüdische Soldaten Magdeburgs im Ersten Weltkrieg“ am Institut für Geschichte der Universität „Otto von Guericke“. Für die Zeit des Aufenthalts in Schönebeck wurde die Ausstellung um Beiträge zu jüdischen Soldaten aus Schönebeck ergänzt.

Anhand unterschiedlichster Ausstellungsstücke wird das Ausmaß der jüdischen Beteiligung an den verheerenden Kämpfen des Ersten Weltkriegs deutlich. Die weißen Texttafeln offenbaren vor allem die Einzelschicksale, die Schönebecker und Magdeburger Juden zwischen 1914 und 1918 sowie in den Folgejahren ereilten. Lebensdaten, Familienbilder - alles, was ein menschliches Individuum ausmacht, kann hier über die Soldaten in Erfahrung gebracht werden.

Auch der geschichtliche Hintergrund über das Leben der Juden in Deutschland vor Ausbruch des Krieges wird auf den Texttafeln geschildert. „Schon Friedrich Wilhelm von Brandenburg (1620-1688; Anmerkung der Redaktion) holte jüdische Familien ins Land“, erklärt Frank Löbig. „Denn es brauchte Leute, die etwas erreichen wollen.“ Doch das ist nur ein kleiner Teil der jüdischen Vorgeschichte in Deutschland. Auch das Leben der Juden nach dem Krieg wird beleuchtet. So wird ersichtlich, dass unmittelbar nach Ende des Krieges der sogenannte Reichsbund jüdischer Frontsoldaten (RjF) gegründet wurde. Dieser sollte die Interessen der jüdischen Soldaten vertreten und wahren - und das erwies sich auch als nötig. Denn schon während der Kriegsjahre wurde „antisemitische Propaganda betrieben“, verrät eine der Texttafeln.

Nebst diesen Tafeln bietet die Ausstellung auch eine Vielzahl historischer Stücke aus der Kriegszeit. Orden und Abzeichen verschiedenster Farben und Bedeutungen zieren eine Vitrine – allesamt von jüdischen Soldaten im Kampf verdient. Ebenfalls ausgestellt sind originale jüdische Zeitschriften von damals, die den Aufruf zum Eintritt in das Heer bezeugen.

Ein ebenso symbolträchtiges wie kontrastreiches Bild: Ein jüdischer Kerzenhalter, Menora genannt, steht Seite an Seite mit einer Pickelhaube, dem Kopfschutz deutscher Frontsoldaten. „Diese plastische Darstellung ist sehr wichtig“, erklärt Frank Löbig. „Die Leute sollen es original ansehen, drumherum laufen können.“ Auch die gründliche Aufarbeitung vieler Einzelschicksale hat ihren Sinn: „Man muss auf die Personen eingehen und die Geschichten, die dahinter stecken.“

Deswegen können die Besucher der Ausstellung in Form von Audio-CDs das weitere Leben der deutsch-jüdischen Soldaten, wie etwa Briefe an Freunde und Familie, anhören. „Wir wollen den Menschen deutlich machen, dass es haltlose Gerüchte sind und die Juden sich nicht um den Wehrdienst gedrückt haben. Dazu ist die Ausstellung da, um die Ergebnisse der Recherchen in diesem Gebiet zu präsentieren. Wenn ich so etwas herausfinde, aber im stillen Kämmerlein sitze, bringt es nichts“ so Löbig. Bisher werde die Ausstellung gut angenommen, sagt er weiter.

Für Vaterland kämpfen

Grundlage für die Ergänzung der Schicksale von Schönebecker Juden sind zu großen Teilen die Arbeiten und Nachforschungen von Günter Kuntze und Hans-Joachim Geffert, informiert Löbig. „Auch das Schönebecker Stadtarchiv stellt uns viel Material zur Verfügung, aber auch private Leihgeber.“ 16 Schönebecker aus der jüdischen Gemeinschaft folgten am 1. August 1914, Tag der Kriegserklärung Deutschlands an Russland, dem Ruf zu den Waffen - wie so viele ihrer Glaubensbrüder in ganz Deutschland.

„Die Juden in Deutschland wollten bessere Deutsche sein, als die Deutschen selbst. Sie wollten unbedingt für ihr Vaterland kämpfen“, weiß Frank Löbig. So seien viele deutsche Juden bei Kriegsausbruch sofort in die Armee eingetretetn, oder waren es schon seit längerer Zeit.

Für die deutschen Juden war es nicht nur ein Kampf für das Vaterland, sondern auch ein Krieg um das eigene Ansehen, weiß Frank Löbig: „Man musste evangelischen oder katholischen Glaubens sein, um besser angesehen zu sein.“ Für die Juden eine Unmöglichkeit. „Viele änderten auch ihren Namen, um deutscher zu klingen. Eine große Anzahl an Juden war auch in nationalistischen Verbunden vertreten, wie zum Beispiel im ‚Reichsbanner Schwarz Rot Gold‘ - Vereinigungen, die heutzutage wahrscheinlich weit Rechts anzusiedeln wären.“

Statistik nie veröffentlicht

Doch es half nichts: „Ab 1919 propagierten rechtsorientierte nationalistische Parteien, die Ursache der Niederlage des Deutschen Kaiserreiches sei auch in fehlendem soldatischen Einsatz der Juden zu suchen“, heißt es von Seiten des Salzlandmuseums. Frank Löbig weiß mehr dazu: „Schon bei Kriegsende wurde von der Armee eine Statistik über die Beteiligung der Juden im Ersten Weltkrieg aufgestellt“, erzählt der studierte Geschichtslehrer und Anthropologe. „Allerdings wurde diese Statistik niemals veröffentlicht.“

Nicht nur die Juden versuchten vergebens, den ideologischen Graben zwischen sich und den nicht-jüdischen Deutschen zu überwinden. Auf einer der Texttafeln in dem Ausstellungsraum im Museum prangt ein Appell des damaligen Kaisers Wilhelm II.: „In dem jetzt bevorstehenden Kampfe kenne ich in meinem Volke keine Parteien mehr. Es gibt unter uns nur noch Deutsche.“ Wirkungslos: Von 1914 bis 1918 kämpften rund 100 000 deutsche Juden für ihr Vaterland, 12 000 ließen ihr Leben für „Kaiser, Gott und Vaterland“. Und das ohne angemessene Würdigung ihrer Verdienste, ohne gesellschaftliche Anerkennung - fast 100 Jahre lang. Fast.