Schönebeck l Das Dröhnen des Horns erfüllt die nähere Umgebung. Vorweihnachtlich angehaucht ist die Stimmung auf dem Frohser Reuterplatz. Im Tor zu einem Hof hängt ein warmweiß leuchtender Weihnachtsstern, in den Fenstern erstrahlen Lichterketten und mitten auf dem Platz stehen zwei Männer, umgeben von Dutzenden Schönebeckern, die ihre neugierigen Blicke auf sie richten. Eine weihnachtliche Szene, wie sie sich in der jüngeren Vergangenheit auch schon vor dem Schönebecker Rathaus und auf dem Marktplatz in Bad Salzelmen abgespielt hat.

Einer der beiden Männer ist leidenschaftlicher Saxophonspieler, der andere seines Zeichens Nachtwächter der Stadt Schönebeck. Und beide teilen ein Schicksal: Bedingt durch die Corona-Pandemie und den Lockdown können Saxophonist Rainer Schulz und Nachtwächter Jeff Lammel ihren Leidenschaften jetzt bereits zum zweiten Mal kaum mehr nachgehen. Denn Veranstaltungen sind abgesagt, Nachtwächterrundgänge gestrichen.

Idee durch anderen Nachtwächter

Doch so ganz ohne ihre Leidenschaft wollen die beiden Schönebecker Kulturschaffenden nicht leben. Und genau deshalb haben sie sich zusammengetan – um als Schönebecker Kultur für Schönebecker zu machen. Eine Idee, die den beiden schon während des ersten Lockdowns gekommen war. Genauer gesagt Nachtwächter Jeff Lammel.

„Ich musste einfach irgendwas machen“, berichtet Jeff Lammel und schildert, wie er Ende April die Idee zum Kulturellen Beitrag für Schönebeck entwickelt hat. Kurz zuvor hatte er nämlich gesehen, dass sich sein Nachtwächterkollege aus Schöneck im Vogtland regelmäßig auf einen Turm in der sächsischen Stadt begibt, um den Menschen im ersten Lockdown Lieder auf der Trompete vorzuspielen. „Als ich das gesehen habe, musste ich direkt an Rainer Schulz denken, habe ihn angerufen und gefragt, ob wir zusammen eine Aktion starten wollen“, berichtet Jeff Lammel von der Geburtsstunde des Kulturellen Beitrags für Schönebeck.

Mittlerweile 17 Kulturelle Beiträge

Man kennt sich eben unter Schönebecker Kulturschaffenden. Und der Saxophonist musste nicht lange überlegen, sagte Jeff Lammel spontan zu. „Ich war sofort Feuer und Flamme für die Idee“, erinnert sich Rainer Schulz und erklärt: „Als Musiker fühlt man sich auf der Bühne einfach deutlich wohler als im Probenraum.“ Und die Bühne fehlte dem Saxophonisten zu dieser Zeit – und fehlt ihm heute im neuerlichen Lockdown wieder. Spielt der 61-Jährige sonst auf Hunderten Veranstaltungen im Jahr – gerade in der Weihnachtszeit hat er viele Auftritte –, so gab es im Coronajahr 2020 nur in den Sommermonaten einige Engagements.

Ähnlich ergeht es Nachtwächter Jeff Lammel. Aufgrund der Kontaktbeschränkungen im Frühjahr und den derzeitigen fallen Nachtwächterrundgänge in Schönebeck aus.

Doch zu ihrem eigenen Glück und dem der Schönebecker haben die beiden Männer sich inspirieren lassen und zusammengeschlossen, können ihre jeweilige Leidenschaft ausüben und unterhalten damit auch noch zahlreiche Schönebecker. Und das mittlerweile schon 17-mal.

Erster Beitrag im Mai 2020

Der erste Kulturelle Beitrag fand dann nur knapp eine Woche nach dem Anruf Lammels bei Rainer Schulz statt. Hoch oben vom Schönebecker Salzturm gab der Nachtwächter Anekdoten aus der Stadt zum Besten und Rainer Schulz spielte Lieder auf dem Saxophon. Im Umfeld des Marktplatzes vor dem Schönebecker Rathaus wiederholte sich dieses kurzweilige Programm mit anderen Geschichten und anderen Liedern dann im Mai zunächst wöchentlich – bis die Corona-Regeln im Juni wieder gelockert wurden und sowohl Jeff Lammel als auch Rainer Schulz wieder Aufträge bekamen.

Doch so ganz aus den Augen verloren haben die Männer ihren Kulturellen Beitrag auch in dieser Zeit nicht, präsentierten ihn, wann immer es zeitlich möglich war. Und dabei sind der 61-jährige Schulz und der 33-jährige Lammel für gewöhnlich nicht allein. Denn sie laden sich immer wieder Vertreter von Vereinen aus Schönebeck ein. So war unter anderem bereits der Städtepartnerschaftsverein, das Industrie- und Kunstmuseum Schönebeck, der Förderverein Hummelberg und der Förderverein des Salzlandmuseums zu Gast.

Lucia-Fest eingebunden

Auf dem Frohser Reuterplatz war zuletzt Fritz Allendorff Gast der beiden Kulturschaffenden. Schließlich wurde am Tag des vergangenen Beitrags (13. Dezember) in Schweden das Lucia-Fest begangen. Und das kennt Allendorff nur zu gut, lebte der Schönebecker doch für mehrere Jahre in Schweden, war sogar Bürgermeister einer kleinen schwedischen Stadt. Und anlässlich des schwedischen Lichterfests hat er ein Gedicht zu diesem Festtag auf schwedisch vorgetragen, nachdem Lammel es bereits in der deutschen Übersetzung zum Besten gegeben hatte.

Passend zur Weihnachtszeit hat es sich Rainer Schulz natürlich nicht nehmen lassen, Weihnachtslieder zu spielen – auch solche, die sich Besucher gewünscht haben.

Wann der nächste Auftritt der beiden Schönebecker geplant ist, wissen sie noch nicht. Zwar klappe das mit den Abständen der Zuhörer untereinander gut, doch bleibe es immer eine „Gratwanderung“, wie Schulz und Lammel finden. Doch dass es einen weiteren, den dann 18. Kulturellen Beitrag des Kultur-Duos geben wird, steht fest. Bleibt nur die Frage, wann sie diesen zum nächsten Mal durchführen werden – und wann die Schönebecker Kulturszene womöglich wieder in normale Bahnen gelangt.