Der Medibus – ein Projekt der DB Regio

Der Medibus ist ein Konzept der DB Regio, dass das Transportunternehmen gemeinsam mit Partnern aus den Bereichen Medizin und Politik umsetzen möchte.

In Hessen betreibt die Kassenärztliche Vereinigung den Medibus mit einem angestellten Allgemeinmediziner. Im Einsatz ist ein umgebauter knapp 13 Meter langer Linienbus. Zudem können über einen Bildschirm auch Fachärzte zugeschaltet werden, um die Sprechstunde zu ergänzen. Der Medibus fährt am Tag zwei Kommunen an. Mit an Bord sind ein EKG-Gerät, ein Ultraschallgerät und ein kleines Labor für Schnelltests. Mit Hilfe einer Technik zur Netzwerkbündelung verfügt der Medibus auch im ländlichen Raum immer über eine gute Internetverbindung. Dabei können bis zu drei schwächere Signale zusammengefasst werden.

In dem Konzept sieht Landrat Markus Bauer (SPD) auch ein Beispiel für die Notwendigkeit von guter Internetverbindung auf dem Land. Der Medibus fährt mit Diesel. Die Geräte werden über Stromanschluss und Solarzellen betrieben. (ji)

Schönebeck/Staßfurt/Bernburg l Landrat Markus Bauer (SPD) ist sich nicht schade, die Spritze selbst aufzuheben, die ihm gerade aus der Hand gefallen ist. Er bückt sich und legt sie zurück auf den Tisch. Schmutzig ist die Spritze auf dem Boden nicht geworden, denn es gibt sie eigentlich gar nicht, genauso wenig wie den Tisch. Der Landrat bewegt sich mit Hilfe einer Datenbrille in einer vom Computer erzeugten virtuellen Realität. Die Bilder der VR-Brille, die er trägt, zeigen ihm das Innere des Medibusses mit einer voll ausgestatteten Arztpraxis. Das Gefährt könnte eines Tages die medizinische Versorgung im Ländlichen sicherstellen, so die Hoffnung. Doch das ist heute noch Zukunftsmusik.

„Das ist schon beeindruckend“, sagt Markus Bauer, der bei einer Präsentation zum Medibus im Landratsamt in Bernburg zum ersten Mal im Leben mit einer VR-Brille in die virtuelle Realität abgetaucht ist. Allerdings sei ihm dabei nach einer Weile ein bisschen schwindelig geworden. Doch eigentlich geht es ja um den Medibus, den es bisher in der echten Realität nur als Pilotprojekt im Kreis Hersfeld-Rotenburg in Hessen gibt. Der Bus inklusive Fahrer, ein Mediziner und Krankenschwester fährt jede Woche sechs Gemeinden an, in denen des schon lange keinen Arzt mehr gibt. Dort bietet ein Allgemeinmediziner dann ganz normale Sprechstunden in dem Gefährt an, das zu einer rollenden Arztpraxis umgebaut wurde. An Bord sind auch ein Sprechzimmer, eine Liege, EKG und Ultraschallgerät, Toiletten und sogar ein Wartezimmer für bis zu vier Personen.

Bahn mit Bussparte

Ein bisschen eng ist es in dem Medibus schon. „Aber die Leute rennen uns die Türen ein“, versichert Felix Thielmann, Projektleiter bei DB Regio. Er hat das Konzept Medibus für die Bussparte der Deutschen Bahn entwickelt. Tatsächlich ist die Bahn im Schulbusverkehr ziemlich aktiv und betreibt mehr als 20 000 Busse. Doch die Nachfrage nach dem öffentlichen Personennahverkehr schwindet.

Bilder

Denn auch auf dem Land sei der demographische Wandel spürbar. „Es gibt Senioren, die in die Stadt ziehen, weil es auf dem Land keine Ärzte mehr gibt. Dem wollen wir mit den Medibussen etwas entgegensetzen“, sagt Felix Thielmann. Mit einer besseren ärztlichen Versorgung durch die rollenden Arztpraxen könnte auch der ländliche Raum für viele Menschen wieder attraktiver werden.

Eine Botschaft, die Landrat Markus Bauer gern hört. „Im Moment ist die ärztliche Versorgung im Salzlandkreis noch in Ordnung. Allerdings ist absehbar, das in den nächsten Jahren gerade viele Allgemeinmediziner in Rente gehen werden“, sagt der Politiker. Dann würden auch im Salzlandkreis die Mediziner knapp. „Wir dürfen nicht wie beim Lehrermangel so lange warten, bis es zu spät ist“, sagt Markus Bauer.

Lösungen werden gesucht

Ob der Medibus eines Tages die Lösung für den ländlichen Raum sein wird, wisse er allerdings auch nicht. „Wir wollen den Leuten aber zeigen, dass wir uns Gedanken um die medizinische Versorgung machen“, sagt der Landrat. Und deswegen will man sich beim Salzlandkreis eben auch über dieses Pilotprojekt aus Hessen informieren. Konkrete Pläne für einen Medibus in der Region gibt es bisher nicht. Es geht jedoch nicht zuletzt um die Signalwirkung an die Menschen in der Region: Der Landkreis kümmert sich um die medizinische Versorgung im ländlichen Raum und zieht dabei auch unkonventionelle Lösungen in Betracht.

Bei der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) Sachsen-Anhalt ist man wegen des Medibusses allerdings skeptisch. „Uns fehlen doch nicht die Praxen, sondern die Ärzte“, sagt Burkhardt John, Vorstandsvorsitzender der KV. Bis 2032 würden nach heutigen Berechnungen allein 260 Allgemeinmediziner in Sachsen-Anhalt fehlen. „Es gibt genügend leere Praxen auf dem Land, in denen Ärzte praktizieren können. Dafür brauchen wir keinen Bus.“ Der Allgemeinmediziner, der im Hessen im Medibus sitzt, könnte demnach genauso gut in einer der leeren Praxen arbeiten und dort genauso viele Patienten behandeln. Dafür bräuchte es keinen Medibus, sondern eben mehr Ärzte.

Ob es den Medibus jemals im Salzlandkreis geben wird, ist daher ungewiss. Die Deutsche Bahn will in diesem Jahr ihre siebte rollende Praxis auf Rädern eröffnen. Neben dem Pilotprojekt in Hessen handelt es sich dabei aber weniger um öffentliche Praxen von Allgemeinmedizinern. So will das Robert-Koch-Institut den Medibus für eine deutschlandweite Gesundheitsstudie nutzen. Auch Impfkampagnen sind mit der rollenden Arztpraxis geplant. Und die Bahn will einen Betriebsarzt für ihre Mitarbeiter deutschlandweit auf Reisen schicken.

Auch im Salzlandkreis soll es in diesem Jahr zumindest noch eine Probefahrt mit dem Medibus geben. Denn im September wird die fahrbare Arztpraxis zu Demonstrationzwecken durch die Region rollen. Dann kann der Medibus auch ganz ohne VR-Brille in der echten Realität erkundet werden.