Heimatgeschichte

Als Barby einen Flugplatz hatte

Wo normalerweise das Osterfeuer aufgeschichtet wird, hatte man einst einen schönen Blick auf den Barbyer Flugplatz.

Von Thomas Linßner 02.04.2020, 01:01

Barby l Fragen Sie mal heute einen Barbyer, wo der Flugplatz lag. Er wird auf Zackmünde verweisen. Konfrontiert man Zeitgenossen damit, dass auch bei Barby Segelflugzeuge in die Lüfte stiegen, wird man ungläubiges Kopfschütteln ernten.

Ortswechsel: Weil es bei Familientreffen einen gewissen Unterhaltungswert hat, durchforstete Nora Gläser alte Fotoalben. Dabei fand sie Bilder, die ihr Großonkel Alfred Traute in den 1930er Jahren gemacht hatte. „Ich wusste gar nicht mehr, dass ich die habe“, gestand die gebürtige Barbyerin, die seit Anfang der 1960er Jahre in Merseburg lebt. Sie zeigen ihren Vater Paul als Feuerwehrmann, ein spektakuläres Schadfeuer des Ruthe-Hofes 1931, Schützenfestumzüge oder Eisschollen auf der Elbe.

Bemerkenswert sind jedoch jene Bilder, die Alfred Traute 1933 und 1934 aufnahm: Szenen des Barbyer Flugsports.

Die Barbyer Chronik (2008) von Prof. Dieter Engelmann und Heinz Ulrich beschreibt in einem Kapitel jene Luftsport-Episode, die aber ohne Fotos auskommen musste.

Darin heißt es: „Nach dem Verbot des Arbeitersportvereins und der Gleichschaltung des Männerturnvereins sowie des Spiel- und Sport-Vereins Barby stellten die Nationalsozialisten die gesamte sportliche Betätigung in den Dienst der Wehrerziehung und Wehrertüchtigung. Zwar blieb Fußball die beliebteste und verbreitetste Sportart, jedoch zeichnete sich schon bald eine besondere Förderung […] für den am 30. Oktober 1933 neu ins Leben gerufenen Flugsport ab.“ Ausgerichtet sei die Ausbildung von Anfang an gewesen, um Kampfflieger der Wehrmacht zu gewinnen.

Im Oktober 1933 wurde der ehemalige Kriegsflieger des Ersten Weltkrieges, Optiker Albert Voigt, beauftragt, eine Fliegersportgruppe in Barby zu gründen und ihre Leitung zu übernehmen. Den massenwirksamen Auftakt bildete am 20. Oktober 1933 eine große Flugschau auf der „Großen Wiese“ am Rosenburger Damm. Dazu hatte man die ehemaligen Kriegsflieger Rickertsen und Höroldt eingeladen.

Die Barbyer Zeitung kündigte an: „Das folgende Luftturnier zwischen Rickertsen und Höroldt zeigt, wie früher im Kriege die Jagdflieger versuchten, sich gegenseitig durch geschicktes Kurven abzuschießen.“ In diesem Zusammenhang verwies man darauf, dass deutsche Kampfflugzeuge in Flugrichtung durch den Propeller schießen würden, so dass man den Gegner genau anfliegen musste, um ihn zu treffen.

Um das zu demonstrieren, ließ man Luftballons (Gasballons, Anm. d. Red.) aufsteigen, welche die Flieger mit ihren Propellern treffen mussten. Zum Programm gehörten auch Zielabwürfe und die Vorführung eines Segelflugzeuges, das in 500 Meter Höhe geschleppt und dort ausgeklinkt wurde, um nach einigen Runden sicher wieder auf der „Großen Wiese“ zu landen.

„Höhepunkt der Veranstaltung war ein Fallschirmabsprung aus 600 Metern Höhe mit einer Verzögerung der Fallschirmöffnung nach 200 Metern freiem Fall. Während des ersten Flugtages hatten die Barbyer auch Gelegenheit, für 5 Reichsmark an einem Rundflug über ihrer Stadt und deren Umgebung teilzunehmen“, schreibt die Chronik.

Betrachtet man das von Alfred Traute gemachte Foto, besuchten einige tausend Leute die Veranstaltung. Sie stehen mit dem Rücken in Richtung „Schönskuten“, wo sich die Tongruben der Ziegelei befanden. Der Fotograf durfte dicht an die Flugzeuge heran, was aus Sicherheitsgründen nur ausgewählten Personen erlaubt war. Seine Bilder zeigen zwei Motorflugzeuge, an deren Seitenruder bereits das Hakenkreuz zu sehen ist.

Ein anders Bild entstand ein Jahr später. Es zeigt mehrheitlich junge Männer mit einem Segelflug-Eigenbau. Wie von den Nazis beabsichtigt, hatte die Flugschau einen Begeisterungsschub in Sachen Fliegerei bewirkt.

Chronist Dieter Engelmann schreibt: „Die Gründung der Fliegersportgruppe fand am 30. Oktober 1933 im Hotel Conrad statt." Die Barbyer Zeitung berichtete am nächsten Tag darüber: „Der Ruf an alle Flugsportanhänger hatte denn auch viele gestern Abend herbeigerufen, die den Ausführungen des Ortsgruppenleiters mit größtem Interesse folgten.“

Die Schulungsmaschinen wurden von den Mitgliedern selbst gebaut. Tatsächlich war im März 1934 der erste Eigenbau fertig.

„In hellen Scharen zog gestern Jung und Alt zum Adolf-Hitler-Platz (Lindenplatz), um das Segelflugzeug unserer hiesigen Ortsgruppe anzusehen, das soweit fertig erstellt ist, dass es nach der Abnahme durch die hohe Prüfungskommission nur noch mit Leinwand bespannt werden braucht,“ schrieb die Barbyer Zeitung am 19. März 1934.

Dabei wurde betont, dass den Erbauern kein erfahrener Praktiker zur Seite stand. Allerdings unterstützten Tischlermeister Schmidt mit seinen Gesellen, aber auch Fachkollege Erich Mücke, die noch unerfahrenen jugendlichen Flugzeugbauer. Am 23. Mai 1934 konnte schließlich das erste selbst gebaute Segelflugzeug auf der „Großen Wiese“ erfolgreich starten. Alfred Traute war wieder dabei und drückte auf den Auslöser.

Die Chronik schreibt: „Danach veranstaltete die Fliegergruppe regelmäßig Flugübungen auf der ‚Großen Wiese‘ und auf dem Sportplatz am Anger. Die nahe gelegene Gaststätte ‚Zur Kanne‘ wurde in ‚Flughafen‘ umgetauft.“

Mit dem Bau der 110-Kilovolt (KV) Hochspannungstrasse, die die „Große Wiese“ und an der Saalemündung die Elbe überquert, musste der Flugbetrieb eingestellt und zu den Frohser Bergen verlegt werden.