Gericht

Amtsgericht Schönebeck: Mann aus Calbe wegen Beleidigung, Nötigung und Sachbeschädigung vor Gericht

Angeklagter Calbenser soll Polizeiauto besprayt, Beamte angegriffen und Bahn-Personal beleidigt, bespuckt und attackiert haben

Von Paul Schulz 05.08.2021, 15:31
Ein Mann aus Calbe musste sich vor Gericht verantworten
Ein Mann aus Calbe musste sich vor Gericht verantworten Uli Deck/dpa

Calbe/Schönebeck - Es ist eine ganze Reihe an Straftaten, die der 25-jährige Calbenser David Steinke (Name geändert) zwischen Juli und November 2019 begangen haben soll. 15 Taten wirft die Staatsanwältin ihm vor. Unter anderem wegen Beleidigung, Nötigung, Sachbeschädigung, gefährlicher Körperverletzung und Angriff auf Vollstreckungsbeamte ist Steinke im Schönebecker Amtsgericht angeklagt.

Über seinen Rechtsanwalt lässt Steinke mitteilen: „Die Vorwürfe werden nicht bestritten, aber ein umfängliches Geständnis ist nicht möglich, weil Herr Steinke keine genauen Erinnerungen mehr an diese Zeit hat.“ Das liege auch an Medikamenten, deutet der Anwalt an. Mittlerweile seien diese aber so eingestellt, dass sein Mandant „klar“ ist. Seit seiner Kindheit ist der Calbenser wegen psychischer Probleme in Behandlung.

Vor allem gegenüber Angestellten der Deutschen Bahn (DB) und Polizisten scheint sich der Calbenser sehr aggressiv, herablassend und beleidigend zu verhalten. Das spiegelt sich in den ihm vorgeworfenen Delikten wider.

Laut Staatsanwaltschaft war Steinke im Juli 2019 mit dem Zug von Magdeburg nach Schönebeck unterwegs – ohne Ticket. Als das bei einer Kontrolle durch die Zugbegleiterin auffällt und sie seinen Personalausweis sehen will, eskaliert die Situation. Steinke wird wütend und laut.

Sicherheitsdienst im Schwitzkasten

Die 62-jährige Zugbegleiterin ruft den Sicherheitsdienst hinzu. „Ich haue euch um. Ich reiße euch euere Kameras ab und schieb sie euch in den Arsch“, habe Steinke ihnen entgegen gebrüllt. Es kommt zur Rangelei zwischen den Sicherheitsleuten und dem Schwarzfahrer. Dabei nimmt Steinke einen der Männer fest in den Schwitzkasten.

Erst am Bahnhof können zwei Polizisten die beiden trennen. „Der Sicherheitsbedienstete war schon puterrot im Gesicht“, erinnert sich die Polizistin Silke Wolf (Name geändert) während ihrer Zeugenaussage. Der Calbenser habe sich massiv gegen die Polizisten gewehrt, auch am Boden liegend noch nach ihnen getreten und sich gewunden.

Für die Polizistin ist der 25-Jährige kein Unbekannter. „Das erste Mal hatten wir mit ihm zu tun, da war er zehn Jahre alt. Selbst die Lehrer hatten Angst vor ihm“, blickt Silke Wolf zurück. „Macht er auf Sie den Eindruck, dass er geistig gesund ist?“, will Strafrichter Eike Bruns wissen. Die Polizistin verneint das. Und schiebt mit einem Blick zum angeklagten hinterher: „So ruhig, wie er jetzt hier sitzt, habe ich ihn noch nie erlebt.“ Sie kenne nur den aggressiven und aufbrausenden David Steinke.

„Ich trete dich gleich durch die Scheibe“

Während der Beweisaufnahme wird auch die Zugbegleiterin Pauline Rodewohl (Name geändert) befragt – in einem anderen, aber doch ähnlichen Tatzusammenhang. Sie erinnert sich, dass Steinke sich einfach in die 1. Klasse des Zuges gesetzt habe – mit einem Fahrschein für die 2. Klasse. Und entwertet war der Fahrschein auch nicht. Als sie ihn darauf aufmerksam macht, sei er sofort ausgerastet. „Er sagte: ’Ich zahle nicht für die 1. Klasse. Ich trete dich gleich durch die Scheibe’“, blickt die Zeugin zurück.

„Wie wirkte er auf Sie? Machte er einen verwirrten Eindruck?“, fragt Steinkes Verteidiger. „Die Aggressivität, die er ausgestrahlt hat, stand über allen“, so Pauline Rodewohl. Außerdem gibt sie an, dass der Angeklagte ihr kurz vorm Verlassen des Zuges noch an den Haaren gezogen und ihr ins Gesicht gespuckt habe.

Darüber hinaus soll David Steinke im August 2019 auf einem Spielplatz in Schönebeck Graffiti gesprüht haben. Die von einem Bürger informierte Polizei erwischte ihn dabei auf frischer Tat.

„Bullenschweine“ und „dreckige Wichser“

Polizist Jonas Höhn (Name geändert) erinnert sich: „Wir haben uns langsam angenähert, doch er bemerkte uns und ist davon gelaufen. Wir haben versucht ihn zu verfolgen aber konnten ihn nicht einholen.“ Stattdessen drehen die Beamten um und sichern das Beweisgut: ein Fahrrad und den Rucksack von Steinke. Doch der Calbenser denkt offenbar nicht daran, einfach wegzulaufen. Stattdessen rennt er zum nahen Streifenwagen der Polizisten und besprüht diesen mit dem polizeifeindlichen Schriftzug „ACAB“. Die Beamten nehmen daraufhin erneut die Verfolgung auf. Steinke wirft dabei auch mit seiner Sprayflasche nach den Beamten. Außerdem zeigte er sich sehr „kampfeswillig“, wie Höhn berichtet. „Komm her, lass und eins gegen eins machen“, habe der Angeklagte ihm entgegengerufen. Auch als „Bullenschweine“ und „dreckige Wichser“ habe er die Polizisten bezeichnet.

Schließlich kriegt Höhn den Calbenser zu packen und ringt ihn zu Boden. Dabei sei die Hand des Angeklagten aber der Dienstwaffe sehr nahe gekommen. „Ich weiß aber nicht, ob das Absicht war. Das will ich nicht unterstellen“, so Höhn. Jedenfalls habe dann sein Kollege die beiden mit Pfefferspray besprüht, um eine potenziell gefährliche Situation zu entschärfen.

Paranoide Schizophrenie

Auch eine Psychiaterin wird gebeten, ihre Einschätzung über Steinke mitzuteilen. Ihr Fazit: Steinke leidet an einer paranoiden Schizophrenie. Aufgrund dieser Erkrankung sei seine Steuerungsfähigkeit erheblich eingeschränkt. Zudem könne Steinke auch nicht richtig Lesen und Schreiben.

Nach Rücksprache mit den beiden Schöffen verurteilt Richter Bruns den Calbenser zu einer Haftstrafe von anderthalb Jahren auf Bewährung. Auch die Staatsanwaltschaft hatte diese Strafe gefordert.

„Jetzt, wo Sie die Medikamente einnehmen, scheint Ruhe eingekehrt zu sein. Das lässt hoffen, dass Sie sich bessern“, so Bruns. Er machte aber auch klar: Wird Steinke noch mal straffällig, könnte er zur Sicherheitsverwahrung in eine psychiatrische Anstalt kommen.