Calbe l „Es ist ein großes Geschenk, wenn man seine Träume leben kann“, sagt Steffen Held überglücklich nach seiner Rückkehr aus den Vereinigten Staaten. In der Nähe des Städtchens Colville – rund 300 Kilometer nordöstlich von Seattle entfernt – treffen sich seit vielen Jahren immer am letzten Juliwochenende die Nachfahren von Berta und Albert Friedrich Heinrich Kegel, jenem Calbenser, der im Alter von 25 Jahren den Sprung ins Ungewisse wagte.

„Der Treffpunkt liegt mitten im Wald an einem kleinen Fluss, ohne Strom und Gasanschluss“, erklärt Diplom-Ingenieur Steffen Held. Der gebürtige Calbenser wohnt mittlerweile in Hamburg und ist stolz, Nachfahre einer der einst angesehensten und einflussreichsten Familien von Calbe zu sein. Nicht ohne Grund, denn der Familienname Kegel ist nachweislich seit dem 17. Jahrhundert untrennbar mit der Stadtgeschichte verbunden. Mit anderen Fischermeister-Familien gehörten die Kegels zur „Fischereibrüderschaft St. Nicolai“, die sich vor mehr als 575 Jahren in Calbe zusammenschlossen und sich seitdem zu einer einflussreichen Innung mauserten.

Einmaliges Erlebnis

Fischerei war damals an der Saale ein einträgliches Geschäft. Fisch galt als wichtiges Grundnahrungsmittel vor allem während der langen Fastenzeit, in der dem Fleisch abgesagt wurde. Die Fischer selbst wollten neben dem alleinigen Recht zum Fischen auf der Saale durch die Gründung einer zunftähnlichen Institution wohltätig und gegen Armut wirken. Clever und hartnäckig hielten die Fischermeisterfamilien - lange Zeit waren es ausschließlich sechs - ihre Bruderschaft über die Jahrhunderte und gegenüber allen Landesherrschern aufrecht. Immer wieder gab es Streit um die Lachse und Störe, die in der Saale gefangen wurden. In Calbes Lachskrieg von 1702 bis 1705 forderten die Saalestädter, den Lachs zuerst in Calbe zum Verkauf anzubieten. Anfang des 20. Jahrhundert werden die Fische bis nach Bremen verkauft. So war es der Kaiser selbst, der den Fischern schließlich ihre jahrhundertealten Privilegien, die ihnen eine Monopolstellung einbrachte, absprach. Begründung: Die Fischereibruderschaft sei eine reine Erwerbsgenossenschaft, habe nichts Gemeinnütziges bewirkt und in ihrer Geschichte zu wenig Steuern bezahlt. Nach dem Zweiten Weltkrieg folgte schließlich mit der industriellen Verschmutzung des Flusses der Niedergang der Fischereibrüderschaft, die aber weiter als eine traditionsverbundene Erbengemeinschaft existiert, Dank Steffen Held oder auch dem Calbenser Oskar Heinz Werner, die an ihre Vorfahren erinnern.

Dampfer "Chemnitz"

So ging der lang gehegte Wunsch Steffen Helds mit der Amerika-Reise und dem Kennenlernen des Kegel-Clans endlich in Erfüllung. „Die Familien reisen zum Wochenende mit Wohnmobilen, Pick-up-Geländewagen und Zelten an“, berichtet Held. Es wurde gemeinsam gegessen, gespielt und gelacht. Auch ohne Stromanschluss wurde ein Beamer installiert und Held als Vertreter des deutschen Familienzweigs konnte eine kleine Präsentation zur großen Geschichte der Kegels in Calbe und über die Fischerbrüderschaft zeigen. „Zur Einstimmung gab es Schierker Feuerstein, Touristenflyer und alte Postkarten von Calbe“, sagt Held. „Es war für alle ein einmaliges Erlebnis, denn über die Familienhistorie vor 1902 wussten die Anwesenden bis dato so gut wie nichts.“

Tradition in USA fortgeführt

Es war der Juli 1902, als Vorfahre Albert Kegel all sein Geld und seinen Mut zusammennahm und für 150 Mark von Calbe nach Bremenhaven reiste, um sich auf dem Dampfer „Chemnitz“ über den Atlantik nach Baltimore an die Ostküste der USA schiffen zu lassen. Der Traum vom eigenen Land trieb den damals 25-Jährigen wohl zu diesem Schritt. Hintergrund: 1862 unterzeichnete US-Präsident Lincoln ein Heimstättengesetz, das es jeder Person über 21 Jahren erlaubte, sich auf einem bis dahin unbesiedelten Stück Land niederzulassen, sich ein etwa 64 Hektar großes Land abzustecken und zu bewirtschaften. Nach einer Dauer von fünf Jahren wurde der Siedler dann zum Eigentümer.

So war es auch ein deutscher Einwanderer, der Albert Kegel bei der Suche nach geeignetem Land inmitten einer wildreichen aber rauen Gegend mit dichtem Baumbestand und Teichen voller Fische half, die mit dem jahrhundertelaltem Wissen aus der Saalestadt gut genutzt wurden. 1912 kam Sohn Elmer zur Welt, das zweite von insgesamt acht Kindern, der die Fischereitradition der Kegels in den USA fortsetzen sollte.