Schönebeck l Die Lieblingssendung im Fernsehen schauen, ein Beratungsgespräch mit dem Arzt führen oder im Notfall Feuerwehr oder Polizei kontaktieren – das ist für die meisten Menschen ohne Probleme möglich. Es ist selbstverständlich. Für Gehörlose hingegen ist der Alltag voller Hürden. Die oben aufgeführten Beispiele sind für Gehörlose eben keine Selbstverständlichkeit.

Auf diese und andere Hürden aufmerksam zu machen und Barrieren abzubauen haben sich die „Stillen Rosen“ zum Ziel gemacht. Bei der Gruppe handelt es sich um die Eheleute Irene und Hans Jürgen Wolf aus Schönebeck sowie Martina Soppa aus Niederndodeleben. Bereits seit rund drei Jahren erstellen sie gemeinsam Videos für taube Menschen. „Uns hat einfach gestört, dass es so wenig Angebote für Gehörlose gibt. Das wollten wir ändern“, erklärt Hans Jürgen Wolf.

Filme mit Untertitel

Der Schönebecker filmt seine Frau Irene und Martina Soppa in den unterschiedlichsten Situationen. Die beiden gehörlosen Frauen unterhalten sich in den Videos in Gebärdensprache, zudem sind die kurzen Filme mit Untertiteln versehen. Die Themen, die die „Stillen Rosen“ dabei aufgreifen sind vielfältig. Es gibt Videos zu aktuellen Anlässen wie der Adventszeit, Filme über kulturelle Themen und Ausflüge, und auch einige Filmchen, die einfach nur unterhalten sollen. „Mittlerweile sind so schon rund 600 Videos entstanden“, sagt Hans Jürgen Wolf.

Der Gruppe mangelt es dabei nicht an Kreativität: „Zusammen finden wir dauernd neue Ideen für unsere Videos und setzen sie dann gemeinsam um“, erklärt Martina Soppa in Gebärdensprache. Hans Jürgen Wolf dolmetscht das Gespräch für die Volksstimme.

Notruf für Gehörlose

Ein wichtiges Thema, das die Drei im nächsten Jahr mit ihren Videos angehen wollen, ist die Problematik mit dem Notruf. Denn einfach anrufen ist natürlich keine Option für gehörlose Menschen. „Es gibt zwar den Telefax-​Notruf, aber das ist inzwischen nicht mehr zeitgemäß. Außerdem bringt das einem auch nichts, wenn man unterwegs ist“, sagt Hans Jürgen Wolf. Und auch Martina Soppa macht klar, dass es für Gehörlose Menschen um ein vielfaches komplizierter ist, Hilfe zu holen – ganz egal, ob sie sich selbst in einer Notlage befinden oder anderen Personen helfen wollen.

Zwar gibt es mittlerweile Notruf-Apps, aber diese kosten mitunter monatlich Geld – auch wenn man gar keinen Notruf absetzen musste. Unfair, wenn man bedenkt, dass hörende Menschen keine Extrakosten auf sich nehmen müssen, um Hilfe zu rufen.

Arbeit an App

Laut Stefan Brodtrück, stellvertretender Pressesprecher des Innenministeriums von Sachsen-Anhalt, wird aber bereits an einer kostenlosen und barrierefreien App gearbeitet. „Eine solche Notruf-App befindet sich derzeit in gemeinsamer Entwicklung aller Bundesländer. Die Einführung ist für 2020 geplant. Die Notruf-App wird auf handelsüblichen Smartphones laufen und dann die Auslösung des Notrufs über das Display mit einer strukturierten Abfrage ermöglichen“, teilt der Ministeriumssprecher mit.

Die Entwicklung so einer App ist laut den „Stillen Rosen“ überfällig. „Da hat die Regierung zu lange geschlafen“, moniert Hans Jürgen Wolf.

Hilfe durch Technik

Generell wurde durch den technischen Fortschritt das Leben von Gehörlosen etwas leichter. Mit Diensten wie „Whats-App“ können sie schnell und unkompliziert miteinander kommunizieren. Vorbei sind die Zeiten des Fax-Gerätes. Trotzdem ist Irene Wolf eher pessimistisch eingestellt, geht es um Erleichterungen für den Alltag von tauben Menschen. Die Technik habe zwar viele Möglichkeiten, die aber nicht ausgereizt würden.

Was hingegen für viel Freude bei den „Rosen“ gesorgt hat, war eine Veranstaltung Ende November. Ihr Einsatz für gehörlose Menschen wurde nämlich offiziell gewürdigt und ihnen wurde der Reinhard-Höppner-Engagementpreis verliehen. Martina Soppa und Hans Jürgen Wolf berichten von dem Gänsehautmoment: „In der Laudatio hat Jurymitglied Renate Höppner gesagt, dass sie mehrere Sprachen spricht. Aber eine beherrsche sie nicht – die Gebärdensprache. Da hatten wir dann schon Gänsehaut.“ Über die Auszeichnung und die Würdigung ihres Schaffens freuen sie sich sehr.

500 Euro Preisgeld

Das Preisgeld in Höhe von 500 Euro wollen die „Stillen Rosen“ unter anderem für neue Technik nutzen. „In der aktuell ‚dunklen Jahreszeit‘ wären Beleuchtungsgeräte ganz praktisch“, überlegt Hans Jürgen Wolf und ist mit seinen Gedanken schon beim nächsten Video.

Wer sich für die Arbeit der „Stillen Rosen“ interessiert, der findet die Gruppe auf Facebook. Videos auf der Website www.stille-rosen.blogspot.de