Schönebeck l Das schlichte Backsteingebäude im Schönebecker Zentrum trägt einen ungewöhnlichen Schmuck. Auf der achteckigen Kuppel krönt es ein Kreuz mit vier Davidsternen. Das Symbol deutet auf die wechselvolle Geschichte des Bauwerks hin. 1877 wurde es als zweite Synagoge der jüdischen Gemeinde der Stadt an der Elbe mit damals 120 Mitgliedern eingeweiht. 39 Kinder, Frauen und Männer mosaischen Glaubens aus Schönebeck kamen im Holocaust um. Nationalsozialisten zerstörten das Gotteshaus in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938. Danach diente es als Lagerraum für Motorenteile von Junkers-Bombern, Museum, Möbelverkaufsstelle und Turnhalle.

Seit 1986 wird in der einstigen Synagoge wieder „Gott geehrt“. Die Evangelisch‑Freikirchliche Gemeinde hatte sich drei Jahre zuvor des Sakralbaus angenommen. Sie kaufte es von der jüdischen Gemeinde in Magdeburg, um für sich eine eigene Kirche zu bekommen. Bauvorhaben der Kommune, die die Versammlungsräume der Baptisten im Zuge des Abrisses eines großen Teils der Altstadt mit verschwinden lassen wollten, waren der Auslöser für diesen Schritt.

In Schönebeck hatte man sich früher als in anderen Orten Ostdeutschlands mit dem Holocaust beschäftigt. Es wurde zur Geschichte der Juden der Stadt geforscht. Kontakte zu früheren jüdischen Mitbürgern entstanden und werden bis heute weitergeführt. Schließlich trat zum 50. Jahrestag der Pogromnacht ein bescheidener Wandel in der offiziellen Staatspolitik der DDR zu Israel ein. Erich Honecker, der einen Staatsbesuch in den USA als Krönung seiner politischen Laufbahn anstrebte, hoffte dafür auf die Unterstützung großer jüdischer Organisationen. Die anerkannten rund 400 jüdischen Gemeindeglieder im Land bekamen verstärkt Unterstützung, der Wiederaufbau der Synagoge in Berlin wurde beschlossen und der jüdische Weltkongress galt nun als politisch gleichberechtigter Partner. Eine spürbare Entspannung im Verhältnis der DDR zu Israel wurde erst mit der Erklärung der freigewählten Volkskammer im April 1990 erreicht. In ihr wurden die Juden in aller Welt um Verzeihung für die Diskriminierung in der DDR nach 1945 und für die Haltung des Staates zu ihnen gebeten.

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Haus mit moderner Schönheit

In 27.000 Stunden Eigenleistungen entstand das Schalom-Haus, berichtet Steffi Krettek von der Gemeindeleitung. Jeder packte mit zu, wo keine Firma Aufgaben übernehmen konnte, ging man selbst ans Werk, als Maler, Maurer oder Hilfsarbeiter. Es entstand ein Haus mit moderner Schönheit, Glas und Licht bestimmen die Räume, symbolisieren Offenheit und Klarheit. Der hebräische Friedensgruß im Namen dokumentiert die Verbundenheit der Baptisten mit dem Schicksal der Juden im Dritten Reich. Ein Türflügel und eine Bank aus der Synagoge von 1877 überstanden die Pogromnacht. Sie gehören zur Ausstattung der Kirche. Jüdische Symbole sind nach wie vor in ihr zu finden. Der neue Davidstern im Vorraum trägt in lateinischen und hebräischen Buchstaben das Wort „Jesus“.

In der Baptistengemeinde mit ihren derzeit 90 Mitgliedern spielt die Vergangenheit ihres Gotteshauses nach wie vor eine große Rolle. Und dass, obwohl die Umbrüche der Wendezeit einen Veränderungsprozess und Generationswechsel einleiteten. „So wie ich zogen neue Gemeindeglieder nach Schönebeck. Ihnen ist die Geschichte nur vom Erzählen bekannt“, erläutert Steffi Krettek. Aber jeder der Christen wisse, dass man dieses Haus nur deshalb als nutzen können, weil es den Holocaust mit seinen bitteren Folgen gab.

Die Ökumene in Schönebeck hat seit vielen Dezennien einen hohen Stellenwert. Katholiken, Protestanten und Freikirchler führen einen Dialog, setzen gemeinsame Projekte um. Treffpunkt vieler Veranstaltungen ist das Schalom-Eck. Das Grundstück, das direkt an die Kirche grenzt, kaufte die Gemeinde Ende der 1990er Jahre, sanierte und baute um. 2002 waren unter anderem Mehrzweckräume und ein Café geschaffen worden, die letzten Pessimisten an dem Projekt überzeugt. Die Baptisten schulterten alles mit eigenen Kräften, zahlten im vergangen Jahr die letzte Rate des dafür aufgenommenen Kredits zurück. Was das bedeutet, wird klar, wenn man weiß, dass die Christen dieser Freikirche ausschließlich freiwillig ihren „Zehnten“ leisten.

Große Hoffnungslosigkeit

In der Küche des Schalom-Eck duftet es am Sonnabendmorgen nach frischem Rührei und Buletten. Käse, Wurst und Butter werden wie Obst und Gemüse nett angerichtet. Kurz nach sieben Uhr beginnen stets die Vorbereitungen für das Frühstück der Straßenbrüder, das es wöchentlich seit 15 Jahren gibt. Damals saßen vermeintliche Obdachlose regelmäßig auf einer Parkbank, erinnert sich Gerhard Mesecke. Bier machte die Runde, Hoffnungslosigkeit war zu spüren. „Die Männer erlebten gerade nach der Wende Höhen und Tiefen. Der Verlust des Arbeitsplatzes und meist der Familie prägt sie. Wir als Christen wollten da nicht tatenlos zusehen“, sagt er.

Manch einer der Straßenbrüder war regelrecht traumatisiert, in der kleinen Gemeinschaft konnten sie reden, sich etwas vom Alltag lösen. Einige habe man, das sei der Lauf der Zeit, gemeinsam beerdigt, ihnen so ein Stück Würde bewahrt, die sie im Leben oft vermissten. Selbst wenn der Kreis der Frühstücksgäste, 15 bis 20 kommen regelmäßig, längst breiter wurde, nun auch Frauen dazu gehören und manch Schönebecker sich wegen der Gemeinschaft morgens auf den Weg macht, es gibt Schicksale, die nach wie vor berühren.

Dass alles nach dieser langen Zeit immer noch funktioniert, schreibt Mesecke zahlreichen Unterstützern zu. Ein Bäcker liefert Brot und Brötchen, andere geben Geld. Werbung wäre kaum nötig, immer seien Lebensmittel im Kühlschrank. Zu den guten Seelen beim Straßenbrüderfrühstück gehört Schwester Petra vom Julius-Schniewind-Haus, einer geistlichen Einkehr- und Begegnungsstätte. Sie hat stets ihre Gitarre im Gepäck, man singt gemeinsam, es wird gebetet. Das tut den Herzen und der Seele gut. Zwei bis drei Stunden sitzen die Frauen und Männer meist zusammen, genießen diese Zeit.

An diesem Sonnabend gibt es ein zusätzliches Angebot. Ein Beamer wirft Bilder an die Wand, die ein Stück der Lebensgeschichte von Norbert Mock erzählen. Der 65-Jährige spricht ruhig dazu, vermittelt einen Eindruck davon, wie es gelingen kann, rechtzeitig „die Kurve zu kriegen“, wenn das Leben sinnlos erscheint.

Seit 1983 trinkt Norbert Mock keinen Tropfen Alkohol mehr. Seine „Enthaltsamkeits-Verpflichtung“ erneuert der Mann regelmäßig. Im Schniewind-Haus hat er eine Aufgabe gefunden, die ihn bestätigt. „Ja“, räumt er ein, „es gab immer Menschen, die mir vertrauten, die mich auf dem schweren Weg begleiteten. Etwas von dieser Nächstenliebe möchte ich zurückgeben“.