Archäologie

Bemerkenswerter Fund am Ringheiligtum Pömmelte: Hinweise auf Schädelkult bei Grabungen entdeckt

Die Grabungen an der touristischen Attraktion laufen weiter und bringen immer wieder neue Erkenntnise zu Tage.

Von Thomas Linßner
Die archäologischen Grabungen werden im Ringheiligtum fortgesetzt. Die Herkunft der riesigen dunklen Fläche könnte ein Brunnen oder eine Wasserschöpfstelle gewesen sein.
Die archäologischen Grabungen werden im Ringheiligtum fortgesetzt. Die Herkunft der riesigen dunklen Fläche könnte ein Brunnen oder eine Wasserschöpfstelle gewesen sein. Foto: Thomas Linßner

Pömmelte - „Wir kennen den hauptsächlich von den Kelten. Hier ist der selten“, sagt Harald Meller, Chef des archäologischen Landesamtes Halle. Vor wenigen Tagen legten die Archäologen mal wieder menschliche Überreste frei. „In einer Bestattung lag ein Schädel neben einem Skelett. Auch in einem Kreisgraben des Ringheiligtums wurden Schädel deponiert. Das lässt einen Schädelkult der Glockenbecherleute vermuten.“

Den Ahnen wurden die Knochen entnommen

Welche Bedeutung der zusätzliche Schädel auf dem gerade gefundenen Skelett von Pömmelte hatte, muss nun untersucht werden. Es könnte sich laut Meller auch um Ahnenkult handeln. So wurden aus den Gräbern zuvor verstorbener Persönlichkeiten Knochen entnommen, um sie bei späteren Beisetzungen kultisch mit ins Grab zu legen.

Die sogenannte Glockenbecher-Kultur der Jungsteinzeit (2400 bis 2200 vor Christus) ist nach den typischen Gefäßformen benannt, die die Menschen damals benutzten. Meller schlägt dabei gerne die Brücke von Pömmelte zum englischen Stonehenge. Man gehe davon aus, dass die Erbauer hier und dort in jener Zeit die gleiche Sprache verwendeten.

„Seit dem Beginn der diesjährigen Grabung Anfang Mai wurden schon zwei Langhäuser, etwa 20 Siedlungsgruben und zwei Gräber freigelegt“, informiert der Landesarchäologe.

Vor wenigen Tagen schälte sich zudem eine bemerkenswert geschlossene dunkle Fläche aus dem kiesigen Erdreich. Sie ist etwa 33 Quadratmeter groß. Die Archäologen vermuten einen Brunnen oder eine Wasserschöpfstelle, da das Gelände hier etwas tiefer als die Siedlungsfläche liegt. Interessant sind Tierknochen und jede Menge Muschelschalen, die bereits an der Oberfläche zu sehen sind. Nach allen Erfahrungen der vergangenen Jahre dürfte das Eindringen in tiefere Schichten noch interessantere Dinge zutage fördern.

Bisher 80 vollständige Hausgrundrisse

Seit Beginn der Grabungen 2018 wurden insgesamt 80 vollständige Hausgrundrisse freigelegt. „Bis zum Herbst werden es mit den weniger gut erhaltenen Exemplaren wohl insgesamt 130 Häuser sein“, sagt Grabungsleiter Matthias Zirm voraus.

Die Siedlung am Ringheiligtum hat infolge ihrer enormen Ausdehnung in den vergangenen Jahren für Aufsehen gesorgt. Mit den bisher 80 vollständigen Hausgrundrissen handelt es sich um die bislang größte Siedlung jener Zeit in Mitteleuropa. Die ersten Häuser können aufgrund ihrer zigarrenförmigen Form der Jungsteinzeit (ab 2300 vor Christus) zugewiesen werden. Die meisten Holzgebäude stammen jedoch aus der Zeit zwischen 2200 bis 2000 vor Christus.

Charakteristisch für die Langhäuser war ihre Länge von durchschnittlich 30 Metern und die nach Westen weisenden gerundeten Schmalseiten. „Das war bereits eine genormte, modulare Bauweise“, unterstreicht Grabungsleiter Matthias Zirm.

Prozessionsweg wird noch gesucht

Die Fortsetzung der Erforschung der Rituallandschaft an der Elbe – noch sei man auf der Suche nach dem Prozessionsweg – werde die Grundlage dafür bilden, die Region langfristig als kulturtouristisches Ziel zu etablieren, sagt Kulturstaatssekretär Gunnar Schellenberger (CDU). Bereits das rekonstruierte Ringheiligtum Pömmelte habe sich schnell zu einem touristischen Anziehungspunkt für Besucher aus ganz Deutschland entwickelt.

Laut elektronischer Zählanlage besuchten 2020 fast 40000 Menschen das Heiligtum. „Wir streben eine sechsstellige Besucherzahl an“, ist der Kulturstaatssekretär zuversichtlich. Sein Optimismus fußt auf die Erfahrung der vergangenen zehn Jahre. Zu Beginn hätten die meisten Menschen nur ein müdes Lächeln übrig gehabt, wenn von der „Kulturmetropole Schönebeck“ gesprochen wurde. Zudem werde die Fertigstellung des im Bau befindlichen Besucherzentrums das Ringheiligtum aufwerten und ihm einen Besucherschub verleihen, ist sich Schellenberger sicher.

Das Ringheiligtum wurde 2016 am Originalplatz rekonstruiert. Pömmelte ist Archäologen zufolge in Durchmesser und Aufbau vergleichbar mit dem englischen Stonehenge, nur wurde an der Elbe statt mit Steinen mit Holz gebaut.

Entdeckerkarten sollen Besucher interessieren

Mit Unterstützung des Landes und des Bundes gab das Landesamt für Vorgeschichte jetzt vier „Entdeckerkarten“ heraus, die demnächst auch im Salzlandmuseum zu haben sein werden.

Die Faltblätter sollen Besuchern die spannende Umgebung der Himmelswege-Stationen (Arche Nebra, Sonnenobservatorium Goseck, Dolmengöttin von Langeneichstädt, Landesmuseum für Vorgeschichte Halle und Ringheiligtum Pömmelte) erschließen. Diese Karten widmen sich den einzelnen Mikroregionen der Himmelswege-Stationen.

Neben den archäologischen Schauplätzen werden auch jene Schätze abgebildet, die nicht jedem auf den ersten Blick ins Auge fallen.