Eggersdorf/Kangaroo Island l Die Liebe war es, für die die gebürtige Eggersdorferin Sabrina Davis (geborene Behrends) vor rund zehn Jahren nach Australien gezogen ist. Kennengelernt hat die heute 37-Jährige ihren Mann Ben Davis (42) während einer Auszeit von ihrem Job in der PR-Branche. „Ende 2008 bin ich für ein Jahr nach Südostasien und rund um Australien gereist. Im März 2009 bin ich dann nach Kangaroo Island gegangen, um dort bei einer australischen Imker-Familie im Tausch gegen Unterkunft und Essen zu helfen.“

Und Teil genau dieser Familie war auch Ben Davis, ihr heutiger Ehemann, den sie 2012 geheiratet hat. „Seit ich Ben kennen und lieben gelernt habe, wohne ich auf Kangaroo Island“, erzählt sie. Mittlerweile hat das Paar zwei Kinder: Jordan (7) und Kerily (5). Gemeinsam betreibt die Familie eine Schaffarm in der Region Karatta, im Südwesten der Insel. Auch das Imkern war weiterhin Bestandteil ihres Lebens – bis die Buschfeuer, die derzeit in fast ganz Australien wüten Haus und Hof der Familie am Freitag, 3. Januar 2020, zerstörten.

Weltweites Entsetzen über Brände

Weltweit flackern die Bilder der seit Wochen anhaltenden Buschbrände in Australien über die Fernsehbildschirme – während in den betroffenen Gebieten in Australien die Luft flimmert. Betroffenheit und Entsetzen über diese beispiellose Naturkatastrophe, die gefühlt ganz Australien derzeit auf Trapp hält, machen sich breit. Spenden aus der ganzen Welt fließen nach Australien – auch an Familie Davis. Denn die steht jetzt vor dem Nichts.

Bilder

Im Gegensatz zu anderen Teilen Australiens, in denen die jährlichen Buschbrände seit drei Monaten wüten – in diesem Jahr sind sie allerdings besonders schlimm – starteten die Brände auf der Insel Kangaroo Island laut Sabrina Davis kurz vor Weihnachten 2019.

Kangaroo Island liegt südlich der Millionenstadt Adelaide, die Hauptstadt des Bundesstaates South Australia ist, ist 160 Kilometer breit, misst rund 4000 Quadratmeter und ist somit etwa vier Mal so große wie die Insel Rügen. Die Insel gilt wegen ihrer Natur mit einer besonderen Känguru-Art, die auf dem australischen Festland nicht existiert, und auch von Koalas und Stacheltieren aus der Urzeit bewohnt wird als „Galapagos Australiens“. An den Stränden tummeln sich Hunderte von Robben und Seebären.

Ausgewandert in australisches Naturparadies

Inmitten dieses Naturparadies ist Sabrina Davis für die Liebe ausgewandert. Seit dem 3. Januar 2020 allerdings liegt ihr ganz persönliches Paradies in Form der Schaffarm mit Imkerei in Schutt und Asche. Denn wie viele andere Häuser, hat das Feuer auch das der Familie Davis zerstört – und beinahe auch ihrem Ehemann, dem Schwiegervater und ihrem Schwager das Leben gekostet.

„Wir hatten seit dem 21. Dezember 2019 Buschfeuer im Norden der Insel, die viele Farmen und deren Familienhäuser bedroht haben. Mein Mann war als Freiwilliger jeden Tag außer am Ersten Weihnachtstag unterwegs, um Freunden auf deren Farmen zu helfen, die Feuer zu bekämpfen, unter Kontrolle zu halten und Häuser zu sichern“, berichtet Sabrina Davis.

Keine Kontrolle über Feuer

Zunächst habe sich die Lage nach den Weihnachtsfeiertagen etwas beruhigt – bis ein unerwarteter Sommersturm über die Insel einbrach. „Gewitter mit viele Blitzeinschlägen mitten in der Nacht verursachten ein Feuer im Nationalpark im Westen der Insel“, erzählt die gebürtige Eggersdorferin. Das Feuer konnte nicht unter Kontrolle gebracht werden, breitete sich weiter aus und wurde am 3. Januar immer bedrohlicher für Familie Davis und ihr Grundstück.

„An der Panik in den Augen meines Mannes habe ich erkannt, wie ernst es doch nun wurde“, hat sich der betreffende Freitag bildlich in das Gedächtnis von Sabrina Davis eingebrannt. Am Mittag verließ sie zusammen mit ihren beiden Kindern die Farm, ihre Davis-Farm. Ben Davis und dessen Vater jedoch blieben – eine Entscheidung, die den Männern beinahe das Leben kostete.

Raus aus der Gefahrenzone

Zuvor war ihr Schwiegervater am frühen Morgen des 3. Januar zur Davis-Farm gekommen, um gemeinsam mit seinem Sohn die Lage einzuschätzen. „Daraufhin hatte mein Mann dann relativ schnell beschlossen, dass die Kinder und ich nicht in Sicherheit sind und hat uns und die Hunde mit dem Auto eskortiert, bevor die Lage noch heikler wurde.“ Das war um kurz nach 13 Uhr. „Keiner hat geahnt, dass dieses Feuer so nah an unser Grundstück kommt und überhaupt jemals so groß wird“, blickt Sabrina Davis keine Woche nach den Geschehnissen dieses Tages zurück.

„Wir sind dann in die Inselhauptstadt Kingscote, die eine Stunde von unserer Farm entfernt liegt, gefahren. Dabei ging es für uns durch bereits abgesperrtes Gebiet. In Kingscote, dem Wohnort meiner Schwiegereltern, angekommen, haben wir stundenlang zusammen mit meiner Schwiegermutter auf Nachricht gewartet“, erzählt die 37-Jährige.

Männer filmen in der Flammenhölle

Was nach der Abfahrt von Sabrina Davis und den beiden Kindern auf der Farm passiert, grenzt an ein Wunder. „Mein Mann, sein Vater und sein Bruder haben die Farm und speziell das Haus soweit sichern wollen, wie möglich. Schafe eintreiben, Fahrzeuge sicher unterstellen, Haussprinklersystem einschalten, das Haus absprühen, mit Traktoren eine Schneise ums Haus fahren, Bäume fällen, und und und.“

Um 16 Uhr, drei Stunden nach der Evakuierung von Sabrina Davis und den Kindern, hatte sie den Telefonkontakt zu ihrem Mann verloren. Sowohl Mobilfunknetz als auch Strom waren ausgefallen. „Ich habe dann einen Freund um Hilfe gebeten der in Richtung der Farm gefahren ist. Zwei Stunden lang haben wir nichts gehört und gebangt. Der Freund hat um 18 Uhr geschrieben dass er nichts mehr tun könnte und die Jungs leider durch die Hölle gehen werden.“

Bangen um das Leben des Ehemannes

„Um 19.30 Uhr schrieb er uns, dass die Farm komplett verbrannt ist und dass es ihm schrecklich leid tut.“ Alles schien, als hätten die drei Männer bei dem Versuch die Farm vor dem Feuer zu schützen, ihr Leben gelassen. „Drei Stunden lang haben meine Schwägerin, meine Schwiegermutter und ich geweint um unsere Männer“, erzählt Sabrina Davis von den wohl schlimmsten Stunden in ihrem Leben „bis diese sich plötzlich aus Sicherheit gemeldet haben.“

Weitere zwei Stunden später standen ihre Männer vor der Tür – in Sicherheit aber gebrochen, innerlich und körperlich. Was sie erlebt haben, sagten sie, wünschen sie ihrem ärgsten Feind nicht und hoffen so etwas nie wieder zu sehen. „Eine 15 Meter hohe Feuerfront zog als Feuertornado über unser Haus, während sie sich in der Küche des brennenden Hauses versteckt und gebetet haben“, berichtet Sabrina Davis.

Von diesem Augenblick, den die drei Männer glücklicherweise überlebt haben, hat Sabrina Davis Schwager ein Video gemacht, das die 37-Jährige bei Facebook hochgeladen hat. Als Warnung an alle, die versuchen Haus und Hof auch bis zur letzten Minute retten zu wollen. Denn Ben, Davis, sein Bruder und deren Vater hätte dieses Vorhaben fast das Leben gekostet.

Zurück zur Farm, um Realität anzunehmen

Als die Feuerfront vorbei war, haben die drei Männer versucht, so viel es geht zu retten „aber da sie unseren Truck und drei weitere Fahrzeuge verbrannt vorgefunden haben und nur noch eines hatten, war wenig Platz und ohnehin keine Zeit. Das Dach fiel über ihnen zusammen, und sie haben sich mit der Ruine im Hintergrund versucht in Sicherheit zu bringen, während das Feuermonster noch in der Nähe brannte.“ Die Fahrt nach Kingscote beschrieben die drei Männer als Apokalypse und berichtete von einer Landschaft, wie man sie sich nach einer Atombombe vorstellt: überall tote Tiere, keine Blätter mehr an den Bäumen und kaputte Gebäude an jeder Ecke.

Um die Realität zu akzeptieren, ging es für Sabrina Davis und ihre Familie am Mittwoch, 8. Februar, für einen Tag zurück auf die 3,8 Quadratkilometer große Farm, der das Leben, fast gänzlich genommen wurde. Alle 500 Schafe der Familie sind Opfer des Feuers geworden. Auch 60 der 200 Bienenvölker sind vernichtet. Die Existenzgrundlage der Familie zerstört.

Bei Freunden untergekommen

„Wir sind nun in einen kleinen Stall umgezogen, der der Familie gehört, bei der wir ein kleines Gartenstück haben“, berichtet Sabrina Davis von der aktuellen Situation ihrer Familie. Wie es nun weitergeht? Das weiß die 37-Jährige selber nicht so genau. „Wir planen von Tag zu Tag, es gibt einfach viel zu tun“, sagt sie.

Die übrigen Bienenvölker haben auf der Farm der Familie keine Lebensgrundlage, müssen deshalb dorthin gebracht werden, wo sie Futter finden. Gebäude müssen auseinander gebaut, Versicherungen anrufen werden. „Wir haben Versicherung, aber nicht für alles. Unsere Tiere als Haupteinnahmequelle waren nicht versichert, auch die Ställe, nicht aber das Haus“, sagt Sabrina Davis.

Familie braucht Spenden

Die Familie ist zur Zeit auf Spenden angewiesen, sucht derzeit regelmäßig ein Spenden-Haus auf Kangaroo Island auf. „Aktuell planen wir hier zu bleiben, bis es auf der Farm sicher ist und wir ein neues Haus bauen können“, schildert Sabrina Davis, schließlich gehört das Grundstück der Familie.

„Wir sind nicht die einzigen Betroffenen. 56 Familien haben auf Kangaroo Island am 3. Januar 2020 ihr Heim verloren. Die meisten davon sind Freunde und Bekannte aus unserem Sportverein, der auch in Flammen aufgegangen ist“, erzählt Sabrina Davis. „Da wir das alle zusammen durchmachen, helfen wir einander viele und die Gemeinde auf dieser kleinen Insel ist der Wahnsinn. Wir sind von der Großzügigkeit und Hilfsbereitschaft überwältigt.“

Hilfe auch aus Deutschland

Die Hilfsbereitschaft bekommt die Familie aber nicht nur vor Ort, sondern auch aus der Ferne zu spüren. Denn Sabrina Davis Freundin Cornelia Klotz aus München – in der 11. Klasse ist Sabrina Davis von Eggersdorf aus in die bayerische Landeshauptstadt gezogen – hat nur wenige Stunden nach der Katastrophe eine Spendenseite ins Leben gerufen.

Nach nicht einmal einer Woche kamen auf der Seite über 19.000 Euro von Familie und Freunden zusammen – mehrere vierstellige Beträge auch aus dem Salzlandkreis. „Meine Großeltern leben noch in Eggersdorf und meine Schwester mit Familie in Calbe, wie auch viele Freunde in Eggersdorf und Schönebeck, da ich dort zur Schule gegangen bin.“

Deutschlandurlaub fällt flach

Die Großzügigkeit aus der Ferne überwältigt Familie Davis. „Wir können gar nicht sagen, wie unfassbar dankbar wir allen sind“, sagt Sabrina Davis. Wie viel Geld die Familie für den Neubau von Haus und Hof tatsächlich braucht, kann Sabrina Davis aktuell nicht sagen.

Was fest steht ist, dass der jährliche Deutschlandbesuch im Sommer, um ihre Familie zu sehen und die Sprachkenntnisse der zweisprachig aufwachsenden Kinder auf dem Laufenden zu halten, definitiv flach fällt. Denn jetzt geht es erstmal darum, die Existenz ihrer Familie wieder aufzubauen und zu hoffen, dass die Buschfeuer schon bald gelöscht sind – dabei beginnt der australische Sommer jetzt erst richtig.