Die „60:40-Regel“

• Zur Durchsetzung der Kulturpolitik der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands gab es die „60:40-Regel“. Sie war politisch-ideologisch begründet, aber auch dem chronischen Devisenmangel der DDR geschuldet.

• Damit wollte man den devisenpflichtigen Teil des West-Repertoires der Unterhaltungskünstler auf 40 Prozent begrenzen. Hin und wieder kam es zu Kontrollen. Kaum eine Band hielt sich jedoch an diese Vorgabe.

Barby l „Anstecker, auf Neudeutsch auch Buttons genannt, sind der größte Renner bei Jugendlichen. Viele tragen so ‚ihre‘ Schlagerstars oder Lieblingsgruppen zur Schau“, heißt es 1987 in der Zeitschrift „practic“, die Tipps und Selbstbau-Anleitungen für Heimwerker und Bastler gab. Es wird altbacken erklärt, dass solche Anstecker „auch die persönliche Haltung zu aktuellen und ernsten Fragen unserer Zeit zum Ausdruck bringen.“

Damit sind nicht etwa „Schwerter zu Pflugscharen“ gemeint, sondern Inhalte offizieller Staatsdoktrin. Um bei den Buttons nicht zu sehr die „West-Idee“ heraus hängen zu lassen, beeilt sich der practic-Redakteur klarzustellen: „Frieden und Solidarität mit den vom Imperialismus unterdrückten und bedrohten Völkern und Führern von nationalen Befreiungsbewegungen ...“ Dennoch bietet das Jugendmagazin „neues leben“ in Kooperation Ansteckerbildchen zum Ausscheiden an, auf denen weder Fidel Castro noch Che Guevara, sondern Grönemeyer, Carlos Santana oder Tina Turner zu sehen sind. Natürlich auch „angesagte“ DDR-Stars wie Inka Bause, City oder Karussell. Schließlich musste ja die Regel 40:60 gewahrt werden.

Gästebuch des "Meeting"

Simone und Axel Schäfer sind die Betreiber des privaten DDR-Museums, das nur zu besonderen Anlässen geöffnet ist. Und ein solcher wäre der Tag der Deutschen Einheit, der dem Tag der Republik (7. Oktober in der DDR) voraus geht. „Ich hatte das Thema schon eine ganze Weile im Hinterkopf“, gesteht Axel Schäfer (56). Mit Unterstützung seiner Ehefrau sichtete er das Archiv, was zum breit gefächerten Bereich der DDR-Unterhaltungsmusik zu finden ist. Neben zahlreichen Schallplatten, Audio-Kassetten oder Zeitschriften trieb der 56-Jährige das Gästebuch der Barbyer Vorzeige-Disco „Meeting“ auf. Ein viertel Jahrhundert vor heutiger Kartoffelhaus-Innengestaltungsmode bestach die Meeting-Disco durch ihr rustikales Mobiliar. Tische und Bänke wie in der Gesindestube, Pferdegeschirre, Kummets und anderes ländliches Gerät zierten die Wände. „Meeting“ avancierte schnell zum ständig ausverkauften Geheimtipp. Der sich sogar bis zum ZDF rum sprach, das 1974 hier drehte.

Zurück zum Gästebuch. „Bleibt nur zu hoffen, daß es beim Schwung der Anfangszeit bleibt“, schreibt Frank Lichtenecker, Redakteur bei der „Aktuellen Kamera“ 1973 hinein. Lehrerin Hannelore Otte lobt 1977 „die Fähigkeit, sich auf Gäste und ihr Temperament einzustellen“. 1981 scheint die Befürchtung von Frank Lichtenecker einzutreten. „In letzter Zeit hat der Jugendklub in Barby stark in seinen Leistungen abgebaut“, kritisiert Bernd Roßdeutscher.

Bilder

„Egal, wir haben jedenfalls viele gute Erinnerungen daran“, lächelt Simone Schäfer. Hier lernte die Schwerinerin ihren späteren Mann kennen. Sie war zur Ausbildung im Lehrlingswohnheim des Volksgutes, das verbunden mit einer Betriebsberufsschule Biolaboranten und Zootechniker ausbildete. Es war die Zeit, als die Audio-Kassetten (60 Minuten) stolze 20 Mark kosteten.

Mehr Kür als Pflicht

Für Axel Schäfer ist die aktuelle Sonderausstellung mehr Kür als Pflicht. Sein Vater Wolfgang galt in den 60er Jahren in Barby als wandelndes Tonarchiv. „Es gab kaum einen Schlager oder Beattitel, den er nicht auf dem Tonband hatte“, erinnert sich Axel. Zuhause habe sich der Alltag nach potenziellen UKW-Sendungen gerichtet, damit Atta, so sein Spitzname, mitschneiden konnte. Natürlich zeigt Sohn Axel natürlich in seinem medienarchäologischen Fundus auch Attas erstes Tonbandgerät der Marke „Smaragd“.

Die Ausstellung ist am Marktplatz Barby (neben dem „Grünen Anker“) am 3. und 6. Oktober, jeweils 13 bis 16.30 Uhr, geöffnet.