Pömmelte l Ob bei Behörden, im Arbeitsleben, bei Ärzten ...: Die Einsatzgebiete der Gebärdensprachdolmetscher sind vielfältig. Das weiß auch Marie Kohlen.

Doch der Februar wird für die 25-jährige Wahl-Pömmelterin etwas Besonderes werden: Mit einer Kollegin will sie in Bangkok auf ein Kreuzfahrtschiff gehen und eine Gruppe von 50 Gehörlosen aus ganz Deutschland begleiten, die zwei Wochen lang Südostasien erkunden. „Wir dolmetschen bei den Ausflügen“, erzählt sie. Organisiert wurde die Tour von einem Anbieter, der auf Reisen für Gehörlose spezialisiert ist. Über den Berufsverband der Gebärdensprachdolmetscher in Sachsen-Anhalt sei dann die Anfrage gekommen, welche Mitglieder mitreisen könnten. Sie konnte und wollte - und freut sich nun auf Februar.

Marie Kohlen liebt ihren Beruf. Und ist glücklich, dass ihre Mutter ihr damals zu der Förderschule für Hören und Sprechen in Düsseldorf geraten hat. Die in Neuss Aufgewachsene hat nämlich ihr Fachabitur in Soziales und Gesundheitswesen absolviert, wobei in der elften Klasse ein Jahrespraktikum verlangt worden ist. Drei Tage in der Woche über ein Jahr lang.

Zuerst eigener Name

Sie kam erstmals in Kontakt mit der Gehörlosenkultur. „Bis dato hatte ich damit null Erfahrung“, erzählt sie. „Durch den fast täglichen Kontakt habe ich mich mit der Gebärdensprache befasst und zuerst zuhause gelernt, meinen Namen per Finger-Alphabet zu zeigen.“

Die Eindrücke, die sie beim Praktikum gesammelt hat, haben sie nicht losgelassen. So war für sie schnell klar, dass sie nach dem Fachabitur etwas machen wollte, das mit Gebärdensprache zu tun hat. Zum Beispiel Gebärdensprachdolmetschen studieren, möglich ist dies unter anderem an der Fachhochschule Magdeburg-Stendal, in Berlin, Hamburg, Zwickau oder Landshut.

Magdeburg erste Wahl

Für sie fiel die Wahl auf Magdeburg. Um dort Chancen zu haben, musste sie einen 60 Stunden umfassenden Gebärdensprachkurs absolviert haben. Gesagt, getan - und sie hat nach einem Aufnahmetest 2010 angefangen, in Magdeburg zu studieren.

Für ihre Bachelorarbeit zum Thema „Dolmetschen für mehrfach behinderte Taube“ hat sie per Fragebogen Dolmetscher in ganz Deutschland dazu interviewt, Schlüsse gezogen und Bewältigungsstrategien erarbeitet.

Nach dem Studium hat sie sich selbständig gemacht. „Natürlich hier“, betont sie. Natürlich - weil sie während des Studiums ihren Freund kennengelernt hat und mittlerweile Pömmelterin ist. Und: Sachsen-Anhalt gefalle ihr, Magdeburg sei sehr schön, die Menschen in der Region sehr offen. „Schon nach zwei Wochen Studium war klar, dass ich nicht nach Nordrhein-Westfalen zurückgehen werde“, sagt sie.

Marie Kohlen ist im Berufsverband der Gebärdensprachdolmetscher in Sachsen-Anhalt, kurz Begisa, und fühlt sich dort gut aufgehoben. „Wir sind etwa 20 Dolmetscher. Der Kontakt mit den ansässigen Kollegen ist mir super wichtig.“

Bedarf im Lande

Ihr Einsatzgebiet sei groß: ob im Gesundheitsbereich (Arztbesuche, Krankenhausaufenthalte), im Sozialbereich (Pflegeeinrichtungen), im Schulalltag (gehörlose Kinder, die eine Schule für Hörende besuchen), im Berufsleben (Mitarbeitergespräche, Versammlungen) oder auch im ganz privaten, persönlichen Bereich (Beerdigungen, Hochzeiten, Wohnungsbesichtigung, Autokauf ...).

Sie werde von beiden Seiten kontaktiert: Wenn Hörende etwas für Gehörlose dolmetschen lassen wollen, wenn Gehörlose Hörenden etwas „sagen“ wollen. Die Aufträge erhält sie telefonisch, per Mail oder Kurzmitteilung übers Handy. Auch über den Verbandsverteiler können Termine angefragt werden. „Wir fahren sehr viel mit dem Auto. Wir decken ja den Bedarf in ganz Sachsen-Anhalt ab“, erzählt Marie Kohlen.

Feste Arbeitszeiten gebe es nicht, sie seien je nach Bedarf gefordert. Im hiesigen Verband sind sie bis auf einen Mann nur Frauen. „Das klingt vielleicht etwas komisch, wenn ich einem Mann meine Stimme gebe. Aber vielleicht ist es auch nur Gewöhnungssache“, merkt sie über eine alltägliche Situation an.

Reise nach London

Besondere Erlebnisse, die in Erinnerung bleiben? Ja, die gibt es, sagt sie und erzählt von einer Reise nach London, auf der sie Gehörlose als Dolmetscherin begleitet hat. „Da mussten meine Kollegin und ich in manchen Situationen erst selbst für uns im Kopf die englische Lautsprache übersetzen und dann in die Gebärdensprache dolmetschen“, so die 25-Jährige mit einem Schmunzeln.

Und bei aller Barrierefreiheit, an die in wohl allen Bereichen noch gearbeitet werden kann: Der Landtag von Sachsen-Anhalt nimmt eine Vorreiterrolle ein, weiß Marie Kohlen: Die Plenarsitzungen werden seit dem vergangenen Jahr gedolmetscht.

Übrigens: Es gibt für jedes Wort eine Gebärde. Für eine Gebärde kann es verschiedene Bedeutungen geben. Und: So wie es verschiedene Sprachen gibt, so gibt es auch verschiedene Gebärdensprachen. Und sogar Dialekte. In beiden Fällen heißt es: „Da muss man sehr genau aufs Mundbild schauen.“