Schönebeck l Chef sein, und noch nicht mal den Schul- oder Berufsabschluss in der Tasche zu haben – eigentlich ausgeschlossen. Die Aktionen „Ein Tag Chef“ der Wirtschaftsjunioren, einem Zusammenschluss junger Unternehmer, macht dies aber möglich. Der Sinn der Sache: Junge Menschen sollen schon frühzeitig erfahren, worauf es im späteren Berufsleben einmal ankommt, gerade in leitenden Positionen. Das hilft den einen bei der Berufswahl, und für die anderen lässt sich vielleicht schon Kontakt zu einer späteren Führungskraft knüpfen.

Afaf Homsi ist so eine potentielle Chefin. Die 16-Jährige hat in Schönebeck in die Arbeitsrealität bei Ambulanz-Mobile geschaut. Erst vor Kurzem ist sie mit ihren Eltern aus Syrien über den Libanon nach Deutschland geflüchtet. Derzeit lernt sie auf dem Campus Technicus in Bernburg, einer Schule mit Schwerpunkt in technischen Fächern.

Für das Unternehmen genau das Richtige. „Wir finden schon jetzt kaum Azubis“, sagt Geschäftsführer Karsten Albrecht. Vor allem die Abi-turierenten bleiben aus, obwohl duale Ausbildungswege mit Studium locken. Sowohl Produktionsarbeiter als auch Führungskräfte müssten sich auf die „Herausforderung als Mittelständler“ einstellen. Soll etwa heißen, dass ein Arbeiter, anders als bei großer Fließbandproduktion, nicht nur ein Bauteil bearbeitet, sondern flexibel eingesetzt werden kann. Ähnliches gelte für die Chefetage.

Afaf Homsi hat aber nicht nur die Produktion kennengelernt, sondern als Chefin für einen Tag natürlich auch die Verwaltungsebene. Die Aufgaben: Kontrolle, Koordination und vor allem: Ein Chef muss den Überblick behalten, was in seinem Unternehmen passiert. Ein Lieferantengespräch gehörte auch zum Programm des Chef-Tags. Dabei ging es zum Beispiel darum, Angebote zu verhandeln.

Frauen in der Informatik – im Nahen Os

Die junge Bernburgerin interessiert sich vor allem für Computertechnik. Mathe und ähnliche Fächer sind ihre Favoriten in der Schule. Sie möchte das Abitur ablegen und danach studieren. In Deutschland sind Frauen in Informatik-Vorlesungen noch die Ausnahme, in Afafs Herkunftsland stellen sie die Mehrheit. In manchen arabischen Ländern sind ein Dreiviertel der Studierenden in technischen Fächern weiblich, sagt die Statistik.

Für später kann sich Afaf vorstellen, als Programmiererin zu arbeiten. Auch die finden bei Ambulanz-Mobile eine Beschäftigung. Aber Afaf Homsi glaubt nicht, dass sie in der Region bleiben wird. „Lieber eine größere Stadt“, sagt sie.

Flüchtlinge als Chance gegen Abwanderung

Die Abwanderung bleibt ein Problem für regionale Unternehmen. „Wir wollen auch der Abwanderung entgegensteuern“, sagt Karsten Albrecht. „Auch bei uns gibt es gute Unternehmen.“ Eine Chance für sein Unternehmen ist das Leid im Nahen Osten. Zwei nach Deutschland geflüchtete Syrer absolvieren derzeit eine Ausbildung. „Wir waren positiv überrascht. Keine Lust zu arbeiten – das gibt es bei ihnen überhaupt nicht“, sagt Albrecht. Trotzdem: „Viele Flüchtlinge zieht es aber dennoch in die Ballungszentren.“