Volksstimme: Sie sind in Schönebeck aufgewachsen. Was fällt Ihnen als erstes ein, wenn Sie an Ihre Jugend zurückdenken?
Jan Kralitschka: Ich bin ja im idyllischen Stadtteil Grünewalde aufgewachsen. Damals, mit 14/15 Jahren waren mir Metropolen wie London oder New York noch völlig fremd. Da war Schönebeck für mich eine riesige Stadt. Das habe ich jedenfalls jedes Mal gedacht, wenn ich über die alte Elbbrücke zum Gymnasium geradelt bin, das damals noch am Malzmühlenfeld war.

Haben Sie gute Noten nach Hause gebracht?
Sagen wir es mal so: Ich war kein Streber, aber wenn ich schon in die Schule musste, habe ich dort auch viel mitgemacht. Das hatte einen besonderen Grund: Ich habe während meiner Schulzeit sehr viel Basketball gespielt, fünfmal pro Woche hatte ich Training. Wenn es sein musste, habe ich deshalb oft noch vor der Schule, zwischen 5 und 7 Uhr morgens, meine Hausaufgaben gemacht, damit ich nachmittags zum Training konnte. Damals waren Holger Glanz und Thomas Bombach, der Nationalspieler in der DDR war, meine Trainer. Letzterer hat mich damals einem Verein in Magdeburg vorgeschlagen. Und so bin ich sogar einst Landesmeister von Sachsen-Anhalt geworden.

Würden Sie sagen, dass diese Zeit Sie geprägt hat?
Ja, definitiv hat der Sport mir sehr viel gebracht im Leben. Ich habe dadurch Ehrgeiz und Disziplin gelernt.

Und außer dem Sport? Wo ist man damals zum Beispiel zum Feiern hingegangen?
Ich war nie so der große Partygänger und habe aufgrund meines Sports auch erst sehr spät meinen ersten Tropfen Alkohol getrunken.

Wann war das?
Ich war einmal mit 17 auf einem Gartenfest in Elbenau sowas von betrunken, dass ich danach fünf Jahre gar nichts mehr getrunken habe. Auch heute trinke ich noch relativ wenig. Auf den Geschmack, ab und zu ein Gläschen Wein zu trinken, bin ich erst so mit 25 gekommen.

 

Klingt ja sehr vernünftig. Was haben Sie dann statt Partys so unternommen?
Ich habe mich mehr in der Natur aufgehalten. Insgesamt gibt es sehr viele schöne Erinnerungen. Viele hatten ja damals einen Schrebergarten oder eine Datsche. Da habe ich ab und zu mit meinen Kumpels Zeit verbracht. Wir waren echt eine gute Truppe, ich habe auch noch zu allen guten Kontakt. Aber was Mädchen angeht, waren wir alle sehr zurückhaltend. Wir hatten dann zwar gute Gespräche und unsere Bierchen, aber irgendwie haben uns die Mädels gefehlt.

Kann man sich kaum vorstellen ... Woran lag das?
Naja, für die Mädels aus unserer Stufe waren wir damals wahrscheinlich einfach uninteressant. Die hatten alle ältere Freunde, die schon einen Führerschein und ein Auto hatten.

Und wann fing es bei Ihnen mit den Mädels an? Wann hatten Sie Ihren ersten Kuss?
Das weiß ich noch genau. Das war am 1. Januar 1992. Damals war ich 15. Nach einer Silvesterparty ist der Kuss am nächsten Tag passiert. Aber nicht mehr!

Themawechsel: Das Schönebecker Freibad ist in diesem Jahr geschlossen geblieben. Was sagen Sie dazu?
Ich habe zwar im Schönebecker Freibad das Schwimmen gelernt, bin als Jugendlicher aber lieber in der Natur baden gegangen. Zum Beispiel gab es den AWG-See bei Plötzky. Da bin ich dann im Sommer zum Schwimmen hingeradelt. Dort konnte man auch kilometerlang spazieren gehen. Dass das Freibad dieses Jahr geschlossen geblieben ist, ist natürlich traurig – vor allem für die Kinder und auch für die Senioren, die morgens dort ihre Bahnen schwimmen wollen. Ich finde: Nach dem Laufen sollte man irgendwann auch das Schwimmen lernen. Nicht zuletzt auch, weil es einfach ein gesunder Sport ist, der gut für den ganzen Körper ist.

Abgesehen vom Freibad – was hat sich hier noch geändert seit Ihrer Jugend?
Der neue Marktplatz in Schönebeck ist sehr schön geworden. Und was ich auch für sehr gelungen halte, ist das Gradierwerk und den ganzen Kurpark. Das ist auch, wenn ich nach Schönebeck komme, immer eine meiner ersten Anlaufstellen. Wenn ich mit meiner neunjährigen Tochter hier bin, gehe ich gerne mit ihr auf den Bierer Berg. Da kann man die Ziegen und Esel streicheln, die da rumrennen. Das ist echt total süß gemacht.

Und was fällt negativ auf?
Wir hatten in der sechsten/siebten Klasse das Fach „PA“– Produktive Arbeit. Damals sind wir einmal in der Woche mit der Schule ins Traktorenwerk oder Dieselmotorenwerk gefahren und haben da handwerklich gearbeitet und beispielsweise Dachrinnenhalter hergestellt. Da hat man auch das technische Zeichnen gelernt. Das Traktorenwerk war damals auf der Friedrichstraße/Ecke Am Stadtfeld. Und auf dem Platz wurde ja wirklich alles abgerissen. Da ist heute ja nur noch ein ödes Feld mit einem Supermarkt. Das finde ich schade. Gerade, weil ich da sehr positive Erinnerungen habe. Mir blutet das Herz, wenn ich diese riesige leere Fläche heute sehe.

Also liegt Ihnen das handwerkliche Arbeiten?
Definitiv. Mein Vater und mein Bruder sind beide Kfz-Mechaniker, ich bin dadurch sehr handwerklich erzogen worden. Das ist heute noch meine große Leidenschaft. Bei mir im Haus in Bad Honnef baue ich auch sehr viel selbst. Und ich finde es gut, wenn man – egal ob Mann oder Frau – nicht für alles einen Handwerker holen muss, sondern auch eine Tür selbst einbauen kann.

Sie haben viele positive Erinnerungen an Schönebeck. Wann war Ihnen klar, dass Sie die Stadt dennoch verlassen werden?
Ich habe 1995 mein Abitur gemacht. Bis 1996 war ich bei der Bundeswehr. Dadurch bin ich damals nach Holland gekommen. Meine damalige Freundin hatte einen Studienplatz in Münster bekommen, da bin ich dann später auch hingezogen. Damals war ich noch bestimmt jedes zweite Wochenende in Schönebeck. Als ich meine Anwaltszulassung hatte, habe ich damit geliebäugelt, mich in Schönebeck niederzulassen. Dann kamen jedoch die ersten Jobs im Model- und TV-Bereich ...

Und heute? Könnten Sie sich vorstellen, in die Heimat zurückzukommen?
Ich bin ja eh ständig unterwegs, für meine Arbeit muss ich viel reisen. Von daher habe ich schon oft darüber nachgedacht. Schließlich sind in Schönebeck meine Eltern, meine Familie. Allerdings habe ich im Rheinland meine Tochter. Deswegen werde ich zumindest die nächsten zehn Jahre hier nicht wegziehen. Trotzdem bin ich immer wieder super gerne in Schönebeck – und überhaupt in Ostdeutschland.

Haben Sie sich als Jugendlicher in Schönebeck jemals erträumt, dass Sie als Model und TV-Persönlichkeit so erfolgreich werden?
Nein, bei mir im Leben ergeben sich viele Sachen. Ich hatte schon immer Glück, dass ich mir mit Dingen mein Geld verdient habe, die mir Spaß machen. Mein Studium habe ich mir als Möbelpacker finanziert. Da habe ich körperliches Arbeiten gelernt. Durch viele zufällige Geschichten bin ich dann zum Modeln, ans Fernsehen und letztendlich auch zum Bachelor geraten. Zurzeit moderiere ich viel und arbeite sogar nebenbei noch als Anwalt. Die Kopfarbeit macht mir eben auch sehr viel Spaß. Ein Traum von mir wäre jedoch eine Handwerkersendung. Viele denken von mir, dass ich den ganzen Tag nur im Anzug rumrenne. Das ist nicht so. Ich liebe zum Beispiel alte Jeeps, bin gefühlt jeden zweiten Tag auf dem Recyclinghof, um alte Dinge auszukramen, die ich aufwerten kann. Auch im Baumarkt findet man mich häufig. Und irgendwann mal möchte ich Hühner haben und ein paar Schafe, die bei mir auf dem Hof rumlaufen.

Die Kindheit und Jugend in Grünewalde war für Sie offenbar prägend. Geben Sie diese Leidenschaft für die Natur auch an Ihre Tochter weiter?
Ja, auf jeden Fall. Wir haben zum Beispiel ein kleines Baumhaus, da schlafen wir häufig. Da, wo ich jetzt lebe, im Siebengebirge, ist es sehr mythisch – mit vielen Schlössern und alten Burgen. Mit meiner Tochter nehme ich dort auch an Waldwandertagen teil, die von der Kita veranstaltet werden. Denn ich halte es für sehr wichtig, dass die Kinder einen Bezug zur Natur bekommen.

Haben Sie einen Tipp für Jugendliche, die hier in Schönebeck aufwachsen und es hier vielleicht schwierig oder langweilig finden? Und deshalb eventuell auch zu Drogen oder Alkohol greifen?
Ich finde, dass jeder Mensch etwas besser kann als der Durchschnitt. Die Aufgabe besteht darin herauszufinden, was das ist. Bei mir war das früher der Sport. Das hätte aber auch etwas völlig anderes wie die Schülerzeitung oder ein Unterrichtsfach sein können, in dem man total aufgeht. Wenn man da etwas gefunden hat, dann ist einem nicht mehr langweilig, dann brennt man dafür – und hat gar keine Zeit mehr für Blödsinn. Eine Leidenschaft, gepaart mit dem nötigen Mut, etwas Besonderes umzusetzen – das ist unbezahlbar.

Mehr Texte und Videos gibt es im Dossier „Zukunft Schönebeck".