Auf gute Nachbarschaft

Nachbarn kann man sich in den seltensten Fällen aussuchen. Sie leben im gleichen Haus oder auf dem benachbarten Grundstück und sind oft nicht mehr als flüchtige Bekanntschaften.

Doch in Zeiten von Corona wandeln sich viele solcher Nachbarschaften zu kleinen Schicksalsgemeinschaften.

Während der Kontakt- und Reisebeschränkungen rückt das direkte Umfeld in den Fokus. „Ein gutes Verhältnis zu den Nachbarn wirkt sich in vielerlei Hinsicht positiv auf die Lebensqualität aus – nicht nur in der Krise“, sagt Christian Vollmann, Gründer des Nachbarschaftsportal nebenan.de.

Ein gutes Verhältnis reduziert die Einsamkeit, bietet Sicherheit und ermöglicht Synergien, etwa wenn Nachbarn sich bei kleineren Arbeiten – mit genügend Abstand – gegenseitig unterstützen.

Grundsätzlich ist ein kurzer Besuch zum Einzug eine gute Basis für eine gelungene Nachbarschaft - und auch derzeit mit genügend Abstand möglich. „Der Aufhänger ist da und man kommt, ohne was zu wollen. Wenn ich nach drei Monate mich das erste Mal blicken lasse, um mir etwa die Bohrmaschine auszuleihen, kann das sehr unangenehm werden“, sagt Vollmann. Einige würden sich dann aus Scham den Gang zum Nachbarn wahrscheinlich sparen, vermutet er.

Ein gutes Verhältnis zu den Nachbarn verstärke die Identifikation mit dem Wohnort und sorge für ein Gefühl der Zugehörigkeit, erklärt Vollmann. „In der Krise zeigt sich, wie wichtig ein bestehendes Vertrauensverhältnis zu den Nachbarn ist.“

Grundsätzlich können gemeinsame Aktionen, die über den Flur-Smalltalk hinausgehen, das Verlangen nach sozialem Austausch und Gemeinschaft stillen. Gemeinsame Aktivitäten sind aber keine Pflicht, und wohl eher die Ausnahme.

„Man muss keine enge Freundschaft zum Nachbarn aufbauen“, erklärt Vollmann. Für ihn bedeutet eine gute Nachbarschaft, dass Menschen nicht aneinander vorbeilaufen, sich für die zufälligen Begegnungen etwas Zeit nehmen, ein grundlegendes Interesse am anderen zeigen – nicht nur, aber eben auch in der Corona-Krise.(dpa)

Schönebeck l Einsam sei sie nie, sagt Dora Wagner aus Schönebeck. Nicht nach dem Tod ihres Mannes im August 2009 und auch in Corona-Zeiten nicht – obwohl sie sich über mehrere Wochen sogar in Selbstquarantäne begeben hat. Schließlich zählt die Schönebeckerin nicht nur aufgrund ihres Alters von 81 Jahren sondern auch wegen der ein oder anderen Vorerkrankung zur sogenannten Risikogruppe für Covid-19.

Ihr Sohn samt Familie, Freunde und auch ihre Nachbarn in dem Mehrfamilienhaus in Schönebeck sind nämlich immer für sie da. „Traurig war und bin ich oft, aber einsam nicht. Weil ich das auch nie wollte“, sagt Dora Wagner bestimmt und meint damit nicht nur die Corona-Zeit.

Aktiv in Schönebeck

Das hat auch gute Gründe. Schließlich ist die Schönebeckerin im Alltag sehr aktiv, betreibt eigentlich wöchentlich Sport in einer festen Gruppe mit anderen Frauen und ist Mitglied einer Selbsthilfegruppe, die sich regelmäßig trifft. Und: Sie kann auf ihre Nachbarn zählen. Ihre Hausgemeinschaft in dem Schönebecker Mehrfamilienhaus beschreibt sie als hilfsbereit. Man sei freundschaftlich verbunden, habe einen gemeinsamen Partykeller in dem beispielsweise zusammen Silvester gefeiert wird. Sich gegenseitig zu helfen, sei selbstverständlich.

Und dann gibt es da noch einen Mann, der das Herz der 81-Jährigen seit einigen Monaten höher schlagen lasst, ihr beim Gedanken an ihn ein ganz besonderes Lächeln ins Gesicht zaubert. Hans-Dieter Daniel aus Leipzig.

Freunde kennen sich seit Jahrzehnten

Doch das war nicht immer so, obwohl sich die beiden 81-Jährigen eigentlich schon seit Jahrzehnten kennen. „Im November 2019 nahm der ehemalige Freund der Familie – seine Frau war auch vor einiger Zeit verstorben – wieder Kontakt mit mir auf“, erzählt Dora Wagner lächelnd. Kennengelernt hatten sich die Ehepaare samt Kinder über die Arbeit der beiden Frauen – vor 52 Jahren. Beide waren als Kindergärtnerinnen tätig und letztlich freundeten sich auch ihre Männer und die Kinder an. Die Familien waren mehrfach zusammen im Urlaub, mal in den Bergen und ein anderes mal am Meer.

Doch aufgrund von Hans-Dieter Daniels Jobs als Stahlbauer war die befreundete Familie der Wagners dann nach Leipzig gezogen. Der Kontakt allerdings blieb lange bestehen. „Das letzte Mal hatten mein Mann Manfred und ich die Freunde vor mehr als elf Jahren besucht, waren gemeinsam im Leipziger Zoo.“ Kurze Zeit später war ihr Mann dann verstorben, der Kontakt zu Hans-Dieter Daniel und dessen Frau brach ab – bis er sich Ende November 2019 telefonisch bei Dora Wagner meldete und die beiden ein Treffen in Leipzig vereinbarten.

Kerzen für Verstorbene angezündet

Gemeinsam waren sie auf dem Leipziger Weihnachtsmarkt, im Anschluss noch in der Thomaskirche. „Da haben wir dann, obwohl wir beide nicht sehr kirchlich sind jeder eine Kerze für unsere verstorbenen Ehepartner angezündet“, berichtet Dora Wagner. Eine Erinnerung, die ihr Tränen in die Augen steigen lässt. „Und dann hat er meine Hand genommen und sie nicht mehr losgelassen“, erzählt sie und lächelt, während die Tränen trocknen.

„Es begann eine schöne Zeit mit gemeinsamen Besuchen von Konzerten, Museen. Viele Gespräche aus vergangenen Zeiten mit unseren Familien, der Gedankenaustausch über Politik, Sport und Kultur beleben uns gegenseitig“, berichtet Dora Wagner. Weil beide ihren Ehepartner verloren haben, fühlen sie sich verbunden, die Verstorbenen sind kein Tabuthema, sondern gehören wesentlich zum Leben des jeweils anderen dazu – genau wie das Bild, das Dora Wagner von ihrem verstorbenen Mann Manfred, mit dem sie über 50 Jahre verheiratet war, im Wohnzimmer stehen hat.

Treffen durch Corona nicht mehr möglich

Doch die gemeinsame Zeit von Dora Wagner und Hans-Dieter Daniel endete mit Start der Corona-Krise, zumindest was Treffen angeht, abrupt. Denn in Leipzig, also in Sachsen, wohnt Hans-Dieter Daniel noch immer. Entsprechend trennt die beiden 81-Jährigen eine Landesgrenze. Und genau diese birgt aufgrund der Corona-Krise Probleme.

Schließlich dürfen Personen zu touristischen Zwecken nicht nach Sachsen-Anhalt einreisen. Und auch nach Sachsen reisen ist ganz abgesehen von einem Verbot der Einreise derzeit keine Option für Dora Wagner. Zwar fahre sie noch Auto, doch die Strecke traue sie sich dann doch nicht mehr zu. Sie habe sonst die Bahn genommen, hält das aktuell aber nicht für die beste Idee. „Ich habe keine Angst aber Respekt vor dem Virus“, sagt sie. Sehen können sich die beiden deshalb also noch nicht.

Warten auf ein Wiedersehen in Schönebeck

Doch die Zeit drängt. „Wir sind uns immer bewusst, dass unser gemeinsames Geburtsjahr 1938 nicht mehr viel Zeit eines gemeinsamen Lebens lässt. Allerdings wussten wir nicht, dass der 15. März unser vorerst letztes Wiedersehen war“, sagt Dora Wagner. Seit Wochen telefonieren die beiden deshalb jeden Tag gleich zweimal, schreiben sich Nachrichten über das Smartphone. Doch beide hoffen, sich schon bald wieder sehen zu können.

Der Plan dafür steht schon. Hans-Dieter Daniel will mit dem Auto nach Schönebeck kommen, eine Nacht bleiben und zusammen wollen die beiden 81-Jährigen dann nach Leipzig fahren, um dort ein paar schöne gemeinsame Tage zu verbringen.