Demografischer Wandel

Firmen in Calbe ringen um Nachwuchs

Unternehmen in Calbe fällt es immer schwerer, geeignete Azubis zu finden. Der demografische Wandel sorgt für einen Mangel an Fachkräften.

Von Andreas Pinkert

Calbe l Seit 2004 hat der Pflegedienst Koschmieder mit seinem häuslichen Pflegedienst, Seniorenwohnheim und dem Betreuten Wohnen elf junge Menschen zu Altenpflegern ausgebildet. "Während wir am Anfang noch aus einem Stapel von Bewerbungsschreiben wählen konnten, hatten wir in diesem Jahr nicht eine einzige geeignete darunter", sagt Geschäftsführerin Annett Koschmieder. Vier Lehrstellen seien zum neuen Ausbildungsjahr verfügbar, bislang können lediglich zwei davon mit 25-Jährigen besetzt werden, die beruflich umsatteln.

Branchen mit schlechtem Image bangen

"Darüber sind wir froh", sagt Koschmieder. Neben den schulischen Leistungen müsse vor allem auch das soziale Verhalten der Bewerber stimmen. Stimmt die Chemie nicht, trenne sich der Pflegedienst in der dreijährigen Ausbildungszeit von seinen Lehrlingen. "Unsere unternehmerische Zukunft hängt von gut qualifizierten Arbeitskräften ab", sagt Koschmieder, die derzeit fünf Auszubildende in einer Branche beschäftigt, deren Image deutlich hinter denen anderer Berufe steht. Die Sicherung gut ausgebildeter Arbeitskräfte gilt für den Pflegedienst Koschmieder, der seit 20 Jahren am Markt ist, als größte Herausforderung.

Branchenwechsel: Das Grafische Centrum Cuno (GCC) beschäftigt als Mediendienstleister auf 12 000 Quadratmetern rund 150 Mitarbeiter. Seit 1980 legt das Calbenser Traditionsunternehmen viel Wert auf die Ausbildung eigener Mitarbeiter. Nach eigenen Angaben haben bislang im GCC 91 Auszubildende erfolgreich ihren Beruf erlernt. 70 von Ihnen arbeiten noch heute dort. Doch auch für Kathrin Rieger, in der Geschäftsleitung zuständig für das Personal, wird die Suche nach neuen Medientechnologen für Druck bzw. Druckverarbeitung, Mediengestaltern sowie Kaufmännern für Büromanagement immer schwieriger. "Zum neuen Ausbildungsjahr haben wir vier Lehrstellen besetzen können, eine ist noch offen", sagt Rieger auf Nachfrage. "Zwei weitere Ausbildungsstellen werden wir dank eines externen Bildungsträgers ab September mit zwei jungen Spaniern besetzen, die bei uns noch ein Praktikum absolvieren."

Besser sieht es dagegen nur wenige Meter weiter im Gewerbegebiet West bei der CNC-Dreherei und Fräserei Werner Brandt aus. "Alle drei Ausbildungsplätze zum Feinmechaniker sind vergeben", sagt Geschäftsführer Andreas Ernst. Man müsse sich aber als Unternehmer mittlerweile um Auszubildende aktiv bemühen, ein Selbstgänger sei das schon längst nicht mehr.

Firmen müssen sich aktiver präsentieren

Das weiß auch mit 440 Arbeitnehmern der größte Arbeitgeber der Saalestadt, die Doppstadt Calbe GmbH. Erst jüngst äußerte Ferdinand Doppstadt, Chef des Umwelttechnikkonzerns, dass es mittlerweile schwieriger geworden sei, Bewerber für eine Schweißerausbildung zu finden.

Fazit: Unternehmen müssen sich künftig stärker den Schulabgängern präsentieren. Betriebsbesichtigungen und Schülerpraktika werden daher in Zukunft zum notwendigen Standard gehören.

Beim ersten Unternehmertag von Calbe empfahl Stefanie Deutschbein von der Bundesagentur für Arbeit den anwesenden Firmenchefs: "Je umkämpfter der Markt, je knapper das Bewerberpotential, je höher ihre Ansprüche, desto früher sollte die Auswahl beginnen." Der Wettstreit der Unternehmer um die Schulabgänger habe längst begonnen. In diesem Jahr haben nach ihren Angaben 52 Abgänger das Calbenser Gymnasium und 38 Abgänger die Calbenser Sekundarschule verlassen. Bei weitem nicht jeder wolle eine betriebliche Ausbildung machen.

"Stadt, Schulträger und Wirtschaft müssen alles dafür tun, dass künftige Schulabgänger die Ausbildungs- und Arbeitsmöglichkeiten vor Ort noch besser kennen und nutzen", meint Calbes Bürgermeister Sven Hause. Eine erfolgversprechende Veranstaltung ist seit Jahren der Tag der Berufswahl in der Sekundarschule "J. G. Herder". Dabei treffen Unternehmen direkt auf potentielle Mitarbeiter der Zukunft, die ihre Bewerbungsunterlagen gleich mitbringen und mit Personalverantwortlichen sprechen können. Die Neuauflage ist für den 17. September geplant.

"Wir sind gern wieder mit dabei", sagt GCC-Personalchefin Kathrin Rieger. "Das ist eine tolle Veranstaltung, schließlich wollen wir am liebsten guten Auszubildenden aus der Region eine Chance geben." Auch Annett Koschmieder wird erstmals mit dabei sein und für den Ausbildungsberuf des Altenpflegers geeignete Bewerber suchen.