Barby l „Ich weiß noch, wie Pilzgretchen und ihre Tochter mehrmals in der Woche zu uns in den Laden kamen. Sie hatten eimerweise Mischpilze und Blaubeeren in Wiesenburg gesucht“, erzählt Birgit Tietze aus Schönebeck. Ihre Eltern hatten einen Lebensmittelladen im Magdeburger Tor, in dem die Sammlerinnen ihre Naturkost verkauften. Die Frauen fuhren frühmorgens mit dem ersten Zug in den Fläming, kamen mit dem letzten nach Barby zurück.

Rüdiger Uhlmann aus Calbe: „Geradeaus wurden im Bahnhofsgebäude Fahrkarten verkauft. Wer auf den Bahnsteig wollte, musste für 10 Pfennige eine Bahnsteigkarte lösen. An der Tür stand ein Eisenbahner, der alle Karten entwertete. Im Bahnhofsgebäude rechts war die Expressgut-Annahme/Ausgabe. Uhlmann hat fast fotografische Erinnerungen: Wer 10 Kilo Zwiebeln nach Dresden schicken wollte, stellte sein Paket auf die etwa 50 Zentimeter hohe Übergabefläche, der Bahnbeamte öffnete seine Schiebetür, nahm das Paket entgegen, berechnete und kassierte die Frachtgebühr. Mit dem nächsten Personenzug wurde das Paket zum Postwagen gebracht, in dem der Postschaffner saß, der dann gleich festlegte, wo das Paket umgeladen werden musste, um nach Dresden zu kommen. Der Postwagen war immer der erste Wagen nach der Lok. Garantiert am nächsten Tag konnte der Empfänger das Paket in Dresden vom Bahnhof abholen. Beeindruckt ist Uhlmann noch heute, wie gut organisiert und schnell die Bahn transportierte. Gab ein Großhändler in Magdeburg eine Lieferung morgens auf, konnte die am gleichen Tag nachmittags in Barby abgeholt werden

Der Bahnhof

Rechts vom Bahnhofsgebäude war ein verschlossenes Tor, um auf den Bahnsteig zu gelangen. Das Postamt am Markt hatte den Schlüssel dafür. Sie fuhr mehrmals am Tage zum Bahnhof, um Post zum Zug zu bringen und auch gleich vom Postwagen Post für Barby in Empfang zu nehmen. Wer Frachtgut mit der Bahn versenden wollte, tat das am Frachtschuppen an der Ladestraße. „Ich musste öfter mit dem Handwagen dorthin fahren, der noch Holzräder mit Eisenringen hatte und Expressgut und Frachtgut abholen. Das war vor 70 Jahren“, schreibt Rüdiger Uhlmann.

Bilder

Christa Götze aus Klein Rosenburg erinnert an einen historischen Sachverhalt: „Durch das Portal gingen hervorragende Persönlichkeiten wie Bismarck, Moltke, Kaiser Wilhelm I. und II.. Sie wurden vom Rittergutsbesitzer von Dietze zur Jagd eingeladen. Damals gab es noch Fasane, Rebhühner, Hasen und anderes Wild. Auch in der Bahnhofsgaststätte herrschte reges Leben, es wurde getrunken, gegessen, geraucht, erzählt“, schreibt sie. Dies habe sich nach der Einstellung des Personenzugverkehrs geändert, die Gaststätte wurde geschlossen. „Mit dem Bahnhofsgebäude hatte man danach viel vor, unter anderem sollte ein Pop-Center und Musikbetrieb entstehen. Auch war Udo Lindenbergs ‚Sonderzug‘ im Gespräch, der nach Barby dauerhaft umgesetzt werden sollte. Alles hochtrabende Pläne, aus denen nichts wurde.“

Günter Bosse aus Schönebeck erinnert sich auch noch an das riesige Spektakel, als Udo Lindenberg zusammen mit anderen Promis 2003 mit seinem Sonderzug eine „Frustmauer“ aus Styropor durchbrach. Matthias Beckers (Pömmelte) Onkel Wolfgang Schäfer hatte mal die Bahnhofskneipe bewirtschaftet. Von hier sei er oft über Güterglück nach Dessau gefahren, wo er bei der NVA diente.

Der letzte Zug

Armin Wellnitz (Schönebeck) weiß noch, wie seine Maizena-Brigade eine Feier in der „Mitropa“ machte. „Von Barby aus sind wir oft zum Tanzen in den Calbenser Roland gefahren. Kurz nach Mitternacht ging der letzte Zug von Calbe (West) nach Barby zurück.“

Die Pömmelterin Frau Müller hinterließ auf dem Anrufbeantworter, dass ihre Mutti Rosel Fischer in der Gepäckabfertigung gearbeitet habe.

Elke Bauer (geb. Pasenau) aus Ranies brauchte bloß aus dem Kinderzimmerfenster zu gucken, um die Züge zu sehen und zu hören. Sie wohnte mit ihren Eltern in einem der AWG-Wohnblöcke, die Anfang der 1960er Jahre am Bahnhof gebaut wurden.

Im Gebäude geboren

Der beste Zeitzeuge ist jedoch Barbys ehemaliger Bürgermeister Jens Strube, der im Juni 1951 im Bahnhofsgebäude das Licht der Welt erblickte. Seine Eltern waren Reichsbahn-Mitarbeiter, deren Dienstwohnung sich in dem Gebäude befand. „Wir waren in dem Haus acht Kinder, die striktes Verbot hatten, die Gleisseite zu betreten. „Es hat nur eine Ausnahme gegeben: Zum Tag des Eisenbahners haben wir auf dem Bahnsteig das Flügelrad aus Kleinpflaster gepflegt.“ Es sei schräg angeordnet und mit Blumen bepflanzt gewesen. Sein Vater Otto Strube war zeitlebens Reichsbahner. „Er hat unter anderem die Standgeldberechnung für die Maizena- und Maisan-Waggons gemacht“, erinnert sich Jens Strube. Dies sei bei den Ökonomen der Maisan eine „gefürchtete Tätigkeit“ gewesen. Denn der Betrieb hatte oft Probleme, nach Feierabend und an Wochenenden Kollegen zu organisieren, die die Wagen ausluden. Parkten die zu lange in Barby, gab es ein saftiges Standgeld. Strubes Mutter Frieda legte die Weiche am „Abzweig Werkleitz“ um, wenn Züge von der Kanonenbahn auf die Magdeburg-Leipziger Strecke rollten. (Hier arbeitete der gelernte Reichsbahner Jens Strube in seiner „bürgermeisterlosen Zeit“ zwischen 1990 und 1994 ebenfalls.)

Der 67-Jährige hat noch andere Episoden vor dem geistigen Auge, die den Bahnhof betreffen. In der Gaststätte wechselten die „Kneiper“, oft, die alle „nicht reich geworden“ seien. Anfang der 1960er Jahre kamen Westdeutsche auf dem Bahnhof an, die in das Aufnahmeheim überstellt wurden. Sie hatten in den ersten Jahren Ausgang, was später unterbunden wurde. „Auch wenn das jetzt komisch klingt: Die rochen ganz anders“, spielt Strube auf Textil-Weichspüler und Deodorant an, die es in der DDR eher weniger gab. Was bei einigen Barbyer Damen Eindruck machte, und es zu handfesten Auseinandersetzungen mit Einheimischen in der Bahnhofskneipe kam. Es war die Zeit, als über die Kanonenbahn (Spitzname der Strecke von Berlin über Barby nach Wetzlar) bis zu 40 Güterzüge rollten. Jens Strube schüttelt noch eine Episode aus dem Ärmel. Weil eine Bahn-Mitarbeiterin die Weiche falsch gestellt hatte (sie hatte am Abend zuvor etwas zu sehr gefeiert ...) wurde ein Zug der Alliierten auf ein falsches Gleis fehl geleitet. Die Alliierten-Züge verkehrten von West-Berlin über die Kanonenbahn in Richtung BRD.

Die richtige Antwort wussten auch Peter Klein, Dagmar Müller, Hans-Jürgen Schnee, Detlef Reske, Gerd Heinze, Fritz Wehling, Harald Heinrich und Egbert Richter aus Trabitz. Gewonnen hat Elke Bauer aus Ranies, die sich einen Biber-Gutschein in der Schönebecker Redaktion Hellgestraße 71 abholen kann.