Wie Philipp Weise in die Staaten kam

Der Sport und das Studium haben den jungen Ascherslebener in die USA geführt.

Schon früh hat er sich für das Tennisspielen begeistert. Ist in Deutschland dieser Sport mittlerweile nicht mehr so umjubelt wie einst, so ist College-Tennis in den USA noch sehr populär.

Im Januar 2018 gelangt Philipp Weise mithilfe eines Stipendiums erstmals in die USA. Parallel zum Studium spielt er in einer College-Mannschaft einer Privatuniversität in Phoenix, Arizona, Tennis.

Lediglich zu Weihnachten und im Juni und Juli kehrt er nach Aschersleben zu seiner Familie zurück.

Im Sommer 2020 wechselt Weise an die „University of Nevada – Las Vegas“. College-Tennis spielt er hier nicht mehr, widmet sich dafür aber umso mehr seinem „Economics-Studium“ (Ökonomie). Aktuell ist er zehn Monate am Stück in den Staaten.

(pc)

Volksstimme: Herr Weise, die Stimmung in den USA wirkt sehr aufgeladen. In Arizona haben Trump-Anhänger, mit Gewehren bewaffnet, vor einem Wahllokal protestiert. Haben Sie Angst vor gewaltsamen Ausschreitungen?

Philipp Weise: Ich bin ein sehr optimistischer Mensch und versuche, nicht alles schwarzmalerisch zu betrachten. Daher glaube ich nicht, dass es flächendeckend zu bürgerkriegsähnlichen Zuständen kommt. Längst nicht alle Trump-Fans sind so fanatisch. Vereinzelte Proteste sind aber schon vorstellbar. Und das mit den vielen Waffen ist für uns als Europäer ohnehin sehr ungewohnt, aber hier in den USA gehören sie einfach dazu.

In deutschen Medien ist immer wieder die Rede davon, dass die US-Amerikaner so gespalten sind, wie nie zuvor. Wie erleben Sie das vor Ort?

Es gibt Streit in den Familien, weil einer Trump wählte und einer Biden. Es gibt Demokraten, die alle Trump-Fans als Idioten darstellen. Auf der anderen Seite verunglimpfen die Anhänger der Republikaner die Demokraten. Und es gibt halt nur diese zwei Lager: Republikaner und Demokraten. Und die meckern gegenseitig über die anderen. Dadurch sind viele Themen ‚spalterisch‘. Entweder A oder B – darauf läuft es immer wieder hinaus.

Zum Beispiel?

Zum Beispiel in Bezug auf die Corona-Pandemie. Ich wohne und studiere derzeit in Las Vegas in Nevada. Mit ihren zahlreichen Hotels und Casinos hängt die Stadt natürlich sehr stark vom Tourismus ab. Im Zuge der Pandemie wurden aber die Casinos geschlossen und der Tourismus ist massiv eingebrochen. Zwar sind die Casinos nun wieder offen, aber es wird weiterhin sehr viel diskutiert. Die Republikaner sind überwiegend der Meinung, dass das normale Leben weitergehen muss, dass man Beschränkungen lockern muss – trotz Pandemie. Die Demokraten bilden dazu eher das Gegenstück. Das ganze Thema rund um die Casinos und Hotels ist in Las Vegas politisch enorm aufgeladen. Aber das ist auch verständlich, schließlich hängen zahlreiche Jobs und Existenzen daran.

Bilder

Waren Sie auch in einem Casino? Wie läuft das da unter Corona-Bedingungen ab?

Kurz nachdem sie wieder geöffnet wurden, bin ich mit meiner Freundin mal in eines hineingegangen. Es war unfassbar voll. Die Menschen standen dicht an dicht, Schulter an Schulter. Kaum jemand hatte eine Maske auf. Und wenn ein Platz an einer Slot-Machine (Anm. d. Red.: Spielautomat) frei wurde, setzte sich direkt der Nächste ran. Um eine Reinigung oder Desinfektion zwischendurch hat sich scheinbar niemand gekümmert. Das hat sich aber inzwischen wieder geändert. Auch in Casinos, Hotels oder Restaurants gilt hier in Nevada jetzt eine Maskenpflicht. Interessant ist auch, dass die Hotels die Preise enorm gesenkt haben, um doch noch irgendwie Gäste zu bekommen. Das hat aber scheinbar auch Kriminelle angezogen. Alleine an einem Wochenende gab es hier kürzlich über 100 Festnahmen und noch weit mehr Polizeieinsätze.

Wen hätten Sie denn den Wahlsieg gewünscht – Trump oder Biden?

Ganz ehrlich: Mir ist es egal. Hier umgebe ich mich mit Leuten, mit denen ich klar komme. Dass sind sowohl Biden-Anhänger, als auch Trump-Fans ... auch wenn es mit denen manchmal etwas schwieriger ist. Einige von ihnen sind einfach sehr frontal in ihrer politischen Gesinnung. Anstecker, Flaggen, Aufkleber – das volle Programm.

Gibt es in diesem Zusammenhang etwas, was Ihnen besonders in Erinnerung geblieben ist?

Ja, ich erinnere mich noch an einen meiner Lehrer, an der Uni in Phoenix in Arizona, die ich vor meiner Zeit in Las Vegas besucht habe. Der Lehrer verglich die von Trump angepriesene Mauer nach Mexiko mit der Mauer, die einst Deutschland trennte. Er sagte, dass diese viel Gutes gebracht habe. Und auch, wenn ich die Zeit, in der Deutschland geteilt war, nicht miterlebt habe, so weiß ich doch, dass da nicht viel Positives dran war. Das habe ich ihm dann auch gesagt.

Wie hat er reagiert?

Er war wohl etwas perplex, dass ich ihm da so sehr widerspreche. Ich muss aber dazu sagen, dass ich Arizona als sehr republikanisch und konservativ geprägten Staat kennengelernt habe. Dass Biden den Staat gewonnen hat, überrascht mich daher schon. Das hätte ich mir nicht mal in meinen Träumen vorstellen können.

Fehlt Ihnen etwas aus Ihrer Heimat?

Obwohl ich nie ein großer Brot-Esser war, fehlt mir deutsches Brot. Das, was hier als Brot verkauft wird, würde man in Deutschland direkt in den Müll werfen. Und generell ist gesunde Ernährung hier schwieriger, weil es so unfassbar einfach und schnell geht, sich einen Burger zu holen. Und auch das „gemütlich Ländliche“ vermisse ich. Hier ist einfach alles größer, schneller, breiter, höher – das ist manchmal etwas anstrengend. Ich meine: Allein der Flughafen von Phoenix, wo ich damals ankam, ist wahrscheinlich schon größer als Aschersleben. Am meisten vermisse ich aber meine Familie. Ich bin ein absoluter Familienmensch und war jetzt schon fast ein Jahr nicht mehr zuhause.

Wie geht es für Sie jetzt weiter?

Ich will auf jeden Fall mein Studium hier abschließen. Ich will aber auch sobald wie möglich meine Familie wiedersehen.

Und in nächster Zukunft? Aschersleben oder Vegas?

Wo der Weg hin geht, das weiß ich noch nicht. Vielleicht geht es auch nach London, Kopenhagen oder sonst wo. Ich bin für viele Dinge offen und lasse es auf mich zukommen.