Schönebeck l Der heiße Sommer sorgte für einen Besucherandrang auf dem Bierer Berg, als von der Mitteldeutschen Kammerphilharmonie die heitere Operette „Der Vogelhändler“ gespielt wurde. Es kamen 17.300 Gäste, mehr als zuvor. Dass heute – einige Monate später – die Zukunft eben jenes Orchesters auf dem Spiel steht, hätte damals niemand wirlich geglaubt.

Doch es sind Diskussionen wie die im Haushalts- und Finanzausschuss des Kreises, die teils selbst die inhaltlichen Ausmaße einer Oper annehmen. Jedoch scheinen hier eher die Sticheleien und das Drama einer ernsthaften Opera seria Überhand zu nehmen, als die Heiterkeit und der Wortwitz einer lustigen Operette.

Zuschuss vom Land

Hintergrund ist die Erneuerung des Theatervertrages, der Ende diesen Jahres ausläuft. Vom Land sind zwei Vertragsentwürfe für Theaterverträge gekommen, über die der Kreistag heute beschließen soll

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Dezernentin Petra Czuratis betonte, dass nur mit einem Abschluss des Theatervertrages auch der Zuschuss des Landes (zirka 450.000 von 1,2 Millionen Euro jährlich) und die Bezahlung der Orchestermitglieder nach Haustarif gesichert seien.

Dramatische Konsequenzen

Doch aufgrund von Anfragen in vergangenen Ausschüssen wurde auch der Extremfall – die Auflösung des Orchesters – vorgestellt. Der würde eintreten, sollten heute die Mehrzahl der Kreistagsmitglieder gegen einen Theatervertrag stimmen. Die Konsequenzen machte Petra Czuratis deutlich: Eine Ablehnung des Theatervertrages würde bedeuten, dass zum 1. Januar 2019 alle Musiker automatisch in den Flächentarif rutschen. Und der liegt 25,4 Prozent über dem Haustarif. Heißt, dass bis eine tatsächliche Auflösung des Orchesters zum 31. Juli 2020 greifen würde, alle Musiker 25,4 Prozent mehr verdienen würden, als sie es aktuell tun. Diese Mehrkosten müsste dann der Landkreis tragen – denn kommt kein Theatervertrag zustande, ist auch das Land nicht mehr zuständig.

Die beiden Vertragsentwürfe unterscheiden sich im Wesentlichen in der Höhe der Zuwendungen. So sieht Vertragsentwurf 1 eine jährliche Verpflichtung von 750.000 Euro vor, Entwurf 2 eine jährlich steigende Verpflichtung von 808.000 Euro im Jahr 2019 und 885.000 Euro im Jahr 2023. In beiden Entwürfen heißt es, dass der Kreis die Ausgeglichenheit des Wirtschaftsplans gewährleisten muss.

Keine Änderung möglich

Genau dieser Paragraph wurde bereits in vergangenen Ausschussitzungen bemängelt. Es stand die Frage im Raum, ob man diesen streichen könne.

Petra Czuratis hat beim Land nachgefragt. Die Theaterverträge werden in Sachsen-Anhalt alle mit den gleichen Rahmenbedingungen abgeschlossen, durch das Land könne hier keine Änderung erfolgen.

Eingespart ohne Ende

Georg Hamm (CDU-Fraktion) sagte, dass es einige Dinge gebe, die den Fraktionsmitgliedern „Bauchschmerzen“ bereiten. Generell sei man für das Orchester, man wollte aber einen Änderungsantrag stellen, in dem stehe, dass die zusätzlichen Zuwendungen nicht der Landkreis auszugleichen habe.

Und Silvia Ristow (Fraktion Die Linke) wollte wissen, wie Musiker in anderen Orchestren im Land bezahlt werden. Anita Bader betonte, dass die Kammerphilharmonie das einzige Orchester sei, das derzeit im Haustarif bleiben wird und bleiben muss. „Das ist schon 25 Prozent unter dem Flächentarif“, betonte sie. Auch so sei schon alles bedacht worden, was nötig sei, um einen ausgeglichenen Haushalt bekommen zu können. Mehr sei leider Gottes nicht mehr herauszuholen.

Vorwurf an SPD

Ulrike Selisko (SPD-Fraktion) betonte, wie wichtig die Musik und das Orchester für den Kreis seien. „Ich weiß um die Schwierigkeiten im kreislichen Haushalt. Es ist bewundernswert, dass der Kreis das Orchester weiterhin in dem Umfang unterstützen will“, sagte sie.

Der Ausschussvorsitzende Thomas Gruschka (CDU-Fraktion) kommentierte daraufhin: „Die SPD-Fraktion spricht mit zwei Zungen.“ Er spielte dabei darauf an, dass sie vergangenen Mittwoch im Sonderkreistag noch in einem Änderungsantrag eine Senkung des Hebe-satzes der Kreisumlage durchbringen wollten, sich jetzt aber für das Orchester aussprechen.

Zu wenig getan

Noch bevor Ulrike Selisko antworten konnte, folgte vom Ausschussvorsitzenden etwas, das den Zuschauer durchaus an ein Kreuzverhör erinnern könnte. Da wurden plötzlich Zahlen im Wirtschaftsplan infrage gestellt und gefragt, was das Orchester sonst noch so unternehme, um Geld einzusparen. Anita Bader erwähnte, dass in dieser Spielzeit alle Eintrittskarten um Euro erhöht wurden. Sie betonte auch, dass alle nötigen Puffer bereits eingeplant seien. „Dieser Sommer war sensationell. Wir können aber nicht jeden Operettensommer mit einem Ausverkauf von 93 Prozent planen. Das wäre fahrlässig“, betonte sie.

Emotional rundete Reinhard Luckner (Fraktion Die Linke) die Diskussionsrunde ab. Er sagte: „Mit dem Antrag der CDU kann ich nicht viel anfangen. Musik verbindet. Und für die Musik wird schon jetzt nicht so viel getan, wie erforderlich ist.“

Kritik geht zurück

Der Änderungsantrag der CDU-Fraktion wurde im Ausschuss abgelehnt, die Mitglieder stimmten mit einer knappen Mehrheit für die Unterstützung des Orchesters.

Und auch Ulrike Selisko ließ die Aussage von Thomas Gruschka nicht auf sich sitzen. „Herr Vorsitzender“, sagte sie, „wir versuchen alles, um das Orchester zu erhalten. Wenn Sie den selben Einsatz zum Ausgleich eines Haushaltes bringen würden, dann würden wir das befürworten.“

Kreistag entscheidet

Ein wenig Ärger, der gehört zu jeder guten Operette dazu – doch am Ende geht es meist gut aus. So auch beim Vogelhändler: Hier finden die Verliebten nach Missverständnissen und Intrigen doch noch zueinander.

Wie das Stück „Zukunft der Kammerphilharmonie“ ausgehen wird, entscheiden jedoch keine Komponisten oder Schriftsteller. Das Libretto liegt am Mittwochabend in den Händen der Kreistagsmitglieder.