Schönebeck l „Wir Musiker kennen bereits das Gefühl, am Abgrund zu stehen“, sagt Susanne Reichel-Visontay, die 2019 seit 30 Jahren in den ersten Geigen bei der Mitteldeutschen Kammerphilharmonie spielt. Denn finanzielle Sorgen – die kennt das Orchester bereits zu gut aus der Vergangenheit.

Doch zurzeit kommen gleich zwei Dinge zusammen: Ab 2019 fehlen 80.000 Euro, die die Stadt Schönebeck sonst jährlich freiwillig dazugegeben, doch ab kommendem Jahr im Rahmen der Haushaltskonsolidierung gestrichen hat. Die zweite Quelle der Unsicherheit: Der neue Theatervertrag liegt noch nicht vor.

1,1 Millionen jährlich

Dieser Kooperationsvertrag zwischen Land und Kreis ist für das Bestehen des Orchesters unentbehrlich. Denn 1,1 Millionen Euro bekommt das Orchester derzeit jährlich an Zuschüssen – zwei Drittel vom Kreis, ein Drittel vom Land.

Der Summe stehen 1,3 Millionen Euro Personalkosten gegenüber. „Und zwar sind das nur die Kosten für die festangestellten Musiker und die Verwaltung“, so Anita Bader, Geschäftsführerin des Orchesters. Bezahlt werden müssen unter anderem noch die Künstlergagen für Solisten und weitere Musiker – etwa, wenn für Konzerte eine größere Besetzung notwendig ist. Kostenpunkt: zirka 260.000 Euro jährlich. Diese Gelder schafft es das Orchester nur aufzubringen, da es nochmal etwa 50 Prozent der Zuschusssumme über Konzerteinnahmen dazu erwirtschaftet – das meiste Geld während des Operettensommers.

Laut Bader zwar ein „sensationeller Betrag“, aber in der Summe noch immer nicht genug, um den Angestellten 75 Prozent des Flächentarifes für Musiker in Kulturorchestern (TVK) zu bezahlen. Bader: „Damit wir den zahlen können, unterstützt uns derzeit der Kreis nochmal jährlich mit 100.000 Euro zusätzlich.“

Tickets werden teurer

Dass ab 2019 80.000 Euro von der Stadt fehlen, macht das Warten auf den Theatervertrag nicht leichter. Deshalb erhöht das Orchester ab dieser Spielzeit, die am 28. September beginnt, seine Ticketpreise. „Jedoch bleiben die Erhöhungen im moderaten Bereich“, so Anita Bader. So beträgt der Normalpreis für eine Eintrittskarte ab sofort 19 statt 17 Euro, ein Abonnement der „Großen Reihe“ kostet jetzt 120 Euro, eins der „Kleinen Reihe“ 60 Euro. Eine positive Änderung: Hartz-IV-Empfänger können für einen Euro an der Abendkasse ein Ticket erwerben.

Zusätzlich zu den erhöhten Ticketpreisen müsse man schauen, ob Veränderungen im Konzertprogramm der Spielzeit vorgenommen werden. „Wir haben nur bis Silvester Planungssicherheit“, so Anita Bader. „Für die Musiker und Chefdirigent Gerard Oskamp eine schauderhafte Situation.“

Schlechte Finanzlage

Wenn der Theatervertrag vom Land da ist, muss dieser noch durch den Kreistag beschlossen werden. In dem Zusammenhang verweist Landrat Markus Bauer (SPD) auf die derzeit schlechte Finanzlage des Salzlandkreises hin. Und die hat sich jüngst durch die Klage der Stadt Hecklingen gegen die Kreisumlage noch verschärft. Bauer hält die Kammerphilharmonie jedoch für absolut wichtig für den Kreis. „Wir haben hier eine große Verantwortung gegenüber der Kultur“, sagt er. Denn das Orchester erfülle neben den Konzerten, die überall im Salzlandkreis stattfinden, auch einen Bildungsauftrag an den Musikschulen.

Zum Ausstieg Schönebecks sagt er: „Schade, wenn eine Partnerschaft am Geld scheitert.“ Er erhofft sich für die Zukunft, dass Schönebeck – und andere Partner im Kreis – wieder einsteigen. Bauer: „Wir machen hier ja keine Ein-Mann-Schau, sondern sollten einen gemeinsamen Weg finden.“

Auch Schönebecks Oberbürgermeister Bert Knoblauch (CDU) schließt eine Unterstützung des Orchesters in der Zukunft nicht aus. „Wenn die Möglichkeiten es erlauben, steigen wir wieder mit ein. Derzeit tun sie das jedoch nicht“, sagt er.

Die Musiker und Mitarbeiter des Orchesters bleiben dennoch optimistisch. „Es ist eine Durststrecke – die müssen wir überwinden“, so Anita Bader. Und Susanne Reichel-Visontay? Die sagt: „Die Unsicherheit etwa alle fünf Jahre – die ist wie eine chronische Krankheit, die uns Musiker zwar begleitet, aber mit der wir gelernt haben, zu leben.“

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