Calbe l Euphorisch und mit einem Hauch Aufgeregtseins fegt Carola Schmidt vor rund 30 Gästen im Feuerwehrdepot umher. Schließlich geht es um Unterstützer, welche die Initiative „Kornspeicher vor Abriss bewahren“ mittragen. Gedanklich, im besten Fall durch finanzielles Mitwirken.

Schmidt selbst ist keine Calbenserin, aber als Kunst- und Geographielehrkraft am Friedrich-Schiller-Gymnasium gewissermaßen eine Frau vom Fach, die Situationen einschätzen kann. Nach ihren Idealvorstellungen sollte der ehemalige Kornspeicher als geschichtsträchtiges Gebäude für die Nachwelt erhalten werden. Den historischen Wert des neo-romanischen Gebäudes hat sie an selbstgestalteten Schautafeln mit Hilfe der Heimatfreunde deutlich herausgestellt.

60 Einladungen verschickt

Insgesamt 60 Einladungen an den Bürgermeister sowie Vereine und Institutionen der Stadt wurden im Vorfeld versandt. Zur Informationsveranstaltung kommen rund die Hälfte. Insgesamt elf bekunden ihr Interesse für eine Weiternutzung. Sieben stimmen für den Abriss. Zwei enthalten sich.

Bilder

Die übrigen halten sich aus der Abstimmung heraus, weil die Interessensbekundung noch vor einem möglichen Finanzierungsvorschlag abgegeben werden soll.

Sven Wüstenhagen vom Halleschen Kompetenzzentrum für soziale Innovation macht auf die Gründung einer Genossenschaft aufmerksam. Sie könnte das Objekt betreiben. Mit „Kultur und Freizeit“ als Betriebszweck. Beispiele folgen. Unter anderem der Verweis auf die Festhallengenossenschaft in Annaberg-Buchholz. Sie hatte sich Mitte März nach zehn Jahren aufgrund von wirtschaftlicher Unrentabilität aufgelöst.

Investsumme: 1.000.000 Euro

Ein Rechenbeispiel soll unter den Anwesenden die Scheu vor dem Mysterium der Genossenschaft abbauen. Zugrunde gelegt wird eine Investitionssumme von 1.000.000 Euro. Mit Fördermitteln und vielleicht der Option auf ein Pilotprojekt könnten Mittel von der EU, Bund und Land mit bis zu 90 Prozent Förderquote eingeworben werden. Was bliebe, wäre - laut Beispielrechnung - ein Beitrag von 100.000 Euro. Aufzubringen durch finanzielles Mitwirken der potenziellen Genossenschaftsmitglieder.

Das „Zündpulver“ für eine kontroverse Diskussion liegt nun vor - und mit dem geteilten Echo halten die Teilnehmenden auch nicht hinter dem Berg. Während Uwe Klamm und Dieter Horst Steinmetz vom Calbenser Heimatverein sich für eine Weiternutzung und gegen den Abriss aussprechen, gehört unter anderem Bürgermeister Sven Hause zu den Kritikern der Initiative. Er stellt sich gegen die Argumentation Steinmetz‘, der den Kornspeicher auf dem Gelände des Friedrich-Schiller-Gymnasiums als eines der letzten (nicht denkmalgeschützten) Baudenkmäler der Stadt Calbe bezeichnet. Hause verweist auf tatsächlich historische Gebäude. Beispielhaft führt er die Rathäuser der Saalestadt an.

Hauses Priorität - das bekundet er ganz offen - liegt auf der Schaffung und Erhaltung eines modernen, zukunftssicheren gymnasialen Schul- standortes. „Mir ist wichtiger, die Altsubstanz des Gymnasiums sanieren zu können“, bekräftigt der Stadtchef.

Abriss in der Planung

Der Salzlandkreis als Träger des Gymnasiums sieht für den Altbau eine energetische Sanierung in Höhe von 3,5 Millionen Euro vor. Zum Sanierungskonzept gehöre allerdings auch der Abriss des Kornspeichers. Hause befürchtet nun, dass es einen Stopp bei Planungen und Vorbereitungen des Sanierungsvorhabens gibt, welcher die Arbeiten nach hinten verlagern könnte.

Ein möglicher Grund dafür sei, dass der Kreis zunächst schauen möchte, wie sich die Initiative gegen den Abriss entwickele. Inwieweit dieser Sachverhalt tatsächlich für Beeinträchtigungen im Sanierungsgeschehen sorgen könnte, bleibt offen. Eine entsprechende Anfrage an den Salzlandkreis wurde gestellt; blieb allerdings bis zum Redaktionsschluss offen.

Historische Gebäude müssten erhalten werden, schlägt Alexander Sieche, Vorsitzender des Fördervereins des Schiller-Gymnasiums, zunächst eine Brücke zu den Befürwortern. „Wenn der Landkreis und die Stadt aber nicht 100-prozentig dahinterstehen, wird das nichts“, betont Sieche und bekräftigt gleichzeitig sein Verständnis dafür. Schließlich hätten beide ihre eigenen Baustellen. Auch zweifelt Sieche die vorgerechneten Betriebskosten von rund 12.000 Euro als zu niedrig kalkuliert an.

Zustimmugng von Calbensern

Dieter Bollmann vom Calbenser Behindertenverband kann der Initiative Positives abgewinnen. Vor allem, wenn im Seitenturm ein Fahrstuhl integriert würde. Einen Saal und Vereinsräume, in denen sie sich präsentieren könnten, sprächen ihn darüber hinaus an. Ebenso Judith Lindau vom Naturschutzbund. Auch sie findet Gefallen an den Ideen der Vereinspräsentation und außerschulischen Lernorte. Susanne Giest vom Kirchbauverein plädiert ebenfalls für das Projekt. Vor allem, weil es dann mindestens einen Saal gäbe. Die Calbenser Abiturienten könnten so in ihrer Schulstadt den Abschluss feiern und müssten nicht auf das Salzlandcenter in Stassfurt ausweichen, begründet sie. Lutz Schmidt vom Verein „Historische Fahrzeuge“ stimmt zusätzlich für die Weiternutzung. Auch ihn spricht das Konzept mit der Möglichkeit der Vereinsräume an.

Christian Behlau, Stadtratsvorsitzender und Mitglied der Linken/WG Calbe, hat Initialgeberin Carola Schmidt von Anfang an unterstützt. Ausschlaggebendes Erlebnis, sich für den Kornspeicher-Erhalt stark zu machen, war nach seinen Angaben das Konzert der amerikanischen Musiktalente des Projektes „Blue Lake“ vergangenem Sommer in der Hegersporthalle. „Bei gefühlten 70 Grad“, denkt Behlau laut zurück. Nach seinen Ideen könnten in der zurechtgemachten einstigen Pestalozzi-Schule neben Ausstellungen auch Konzerte stattfinden. Aus brandschutzrechtlichen und bauordnungsrechtlichen Gründen musste die Schule das Objekt 2008 verlassen.

„Das Haus steht leer; es sind darin keine technischen Gerätschaften. Somit fallen keine Kosten an“, beruft sich Behlau auf eine Aussage des Landkreises zur Kostenstruktur bei Nichtnutzung. Für die Fläche, auf die der Kornspeicher steht, ist laut Erbbaupachtvertrag der Kreis verantwortlich. Zur Nutzung, Bebauung und Unterhaltung der Objekte zahlt der Kreis einen Zins an die Stadt. Kurzum: Der Kreis ist nicht Eigentümer, sondern nur verfügungsberechtigt. Und der Vertrag sei jederzeit kündbar, hat Behlau recherchiert.