Pretzien/Plötzky l Aus dem ansonsten so beschaulichen Schönebecker Ortsteil Pretzien gibt es seit etwa zwei Jahren immer wieder Berichte von einer Jugendbande, die Einwohner schikanieren soll. Die Bushaltestelle wurde mehrfach zerstört. Straßenschilder werden besprüht, mit Vorliebe mit dem Namen eines Fußballdrittligisten aus der Region. Einige Jugendliche sollen sich sogar auf die Straße geworfen und Unfälle vorgetäuscht haben, um Geld von Autofahrern zu erpressen.

Rufen Anwohner die jungend Leute zur Ordnung, soll sie schon mal bedroht worden sein. Die Jugendlichen sind in Pretzien angeblich auch bekannt. Sie sollen aus schwierigen Verhältnissen stammen, die Familien sind zugezogen, heißt es sowohl auf der Straße als auch im Ortschaftsrat. Im Stopshop werden gewisse Jugendliche auch nur noch in Kleingruppen eingelassen, damit die Betreiber die Übersicht behalten, ist zu erfahren.

Mehr Streife in Ostelbien

Immer wieder beschwerten sich Pretziener und auch Ortsbürgermeister Frithjof Meussling (CDU) über die Zustände und forderten eine stärkere Polizeipräsenz. Tatsächlich fuhr die Polizei auch vermehrt Streife in Ostelbien. Dabei wurden zwar Jugendliche in Pretzien angetroffen. Straftaten konnten die Beamten vor Ort allerdings nicht feststellen, was wiederum zu Verwunderung bis hin zu Verärgerung beim Ortsbürgermeister geführt hatte. Denn selbst aus seinem Haushalt war ebenfalls ein Motorrad gestohlen worden.

Mit der Veröffentlichung der neuesten Polizeilichen Kriminalstatistik hat die Volksstimme das Polizeirevier Salzlandkreis gebeten, gesonderte Zahlen für den Ortsteil Pretzien herauszugeben. Die Zahl der Sachbeschädigungen sank zwischen 2017 von 2019 sogar von vier auf zwei. Tatsächlich weisen die Ergebnisse keinen Anstieg der Kriminalität in den vergangenen Jahren auf. Auch im direkten Vergleich mit dem benachbarten Ortsteil Plötzky, der ebenfalls rund 1000 Einwohner hat, sind für Pretzien in der Kriminalstatistik keine Auffälligkeiten erkennbar. In Plötzky gab es 2019 mit 19 Einbrüchen fast doppelt so viele Vorfälle wie in Pretzien mit zehn Einbrüchen.

Doch wie kommt es zu dieser unterschiedlichen Wahrnehmung? „Die gefühlte Unsicherheit ist in der Bevölkerung immer größer als die tatsächliche“, sagte Marko Kopitz, Sprecher beim Polizeirevier Salzlandkreis in Bernburg. Vier Sachbeschädigungen mögen wenig sein – die Bürger empfinden es trotzdem als viel. „Vor allem, wenn immer wieder darüber geredet und berichtet wird“, sagte der Polizeisprecher. Die Wahrnehmung der Anwohner möchte er allerdings nicht kritisieren. „Das ist völlig normal“, sagte er. In einem Ort seien Jugendliche ein vermeintliches Problem, in einem anderen Ort sei es wieder etwas anderes. Letztendlich sei offenbar auch nicht auszuschließen, dass inzwischen schon die Präsenz der Jugendlichen ausreicht, um die Bürger an Vorfälle zu erinnern.

Mehr Jugendarbeit?

Ortsbürgermeister Frithjof Meussling ist angesichts der Polizeistatistik etwas ratlos. „Das kann auch heißen, dass es in Plötzky inzwischen genauso schlimm ist wie bei uns“, sagte er. Wichtig sei, dass die Einwohner auch sämtliche Vorfälle bei der Polizei anzeigen.

Auf der anderen Seite sollte auch dringend etwas für Jugendliche in Pretzien getan werden. „Zwei Stunden Jugendclub in der Woche reichen nicht“, sagte Meussling. Doch nach einer Ausweitung der Jugendarbeit sieht es nicht aus. Im Gegenteil: Ab kommenden Jahr werde dem Kinder und Jugendbüro Piranha, das bisher die Jugendarbeit in Ostelbien, die 77.000 Euro Fördergelder gestrichen. Für den wöchentlichen Jugendclub in Pretzien durfte dies das endgültige Aus bedeuten. „Dabei brächten wir dringend Perspektiven für junge Leute, damit sie hier bleiben“, sagte Meussling.