Schönebeck l Während die Tänzerinnen der Gruppe „Beauties“ sich zu der Musik bewegen, fliegen ihre Haare durch die Luft, in der ab und zu durchscheinenden Sonne spiegeln sich die glitzernden Pailletten ihrer Tops. Als sie fertig sind, gibt es tosenden Applaus.

Eine Veranstaltung wie die 1.-Mai-Feier ohne Kulturprogramm? Wäre nur schwer vorstellbar. Dabei ist gerade die Kultur in Schönebeck derzeit ein wunder Punkt. Bei zwei Einrichtungen – dem Soziokulturellen Zentrum „Treff“ und dem „Haus der Vereine“ – sollen die Zuschüsse ab 2020 komplett gestrichen werden.

Nicht irgendein Feiertag

Auch die Kammerphilharmonie, die jedes Jahr auf dem Bierer Berg mit dem Operettensommer für einen der kulturellen Höhepunkte in der Elbestadt sorgt, soll bereits ab kommendem Jahr den Zuschuss in Höhe von 80.000 Euro nicht mehr erhalten.

Da für Moderatorin Sabine Dirlich (Die Linke) der 1. Mai ganz klar nicht nur „irgendein Feiertag, sondern auch ein Kampftag“ ist, sucht sie auf dem Bierer Berg auch das öffentliche Gespräch mit Schönebecks Oberbürgermeister Bert Knoblauch (CDU). „Natürlich fällt es mir nicht leicht“, sagt dieser, als Sabine Dirlich ihn auf den geplanten „Kahlschlag in der Kultur“ anspricht. Das Problem sei, so der Oberbürgermeister: „Die Ausgaben laufen uns in Schönebeck davon.“ Es gibt 65 Millionen Euro Ausgaben im Haushalt, dagegen stehen lediglich 62 Millionen Euro Einnahmen. Knoblauch: „Wir müssen uns durch Streichungen unsere Handlungsfähigkeit zurückholen.“

An der falschen Stelle

Der Oberbürgermeister vergleicht die Rotstift-Problematik mit einer zu kurzen Bettdecke. „Jeder zieht daran, doch es ist nicht genügend Decke für alle da.“ Letztendlich entscheide der Stadtrat.

Ähnlich sieht es Sabine Dirlich. „Rotstifte werden immer an der falschen Stelle angesetzt“, sagt die Linke-Politikerin.

Dass es auf der 1.-Mai-Feier der Linken zwar Unterhaltung, aber auch eine Portion Politik für das Publikum gibt, gehört für Sabine Dirlich fest zu der Tradition des Feiertages. „Die Leute wissen, was sie hier erwartet“, sagt die Politikerin. Sie sei dankbar, dass der Oberbürgermeister der Einladung gefolgt sei.

Eisiger Wind

Das greift auch der Magdeburger Kabarettist Lars Johansen auf – und zwar auf seine ganz eigene, humorvolle Art. „Mutig, dass er (der Oberbürgermeister) sich hier her traut“, sagt er und sorgt für herzliche Lacher aus dem Publikum. Bei der Gelegenheit spricht er auch den geplanten Tunnelbau in Magdeburg an („Während Schönebeck das Geld fehlt, baut Magdeburg da, wo bereits eine Brücke ist, noch einen Tunnel hin.“) Doch Johansen glaubt, den Grund zu kennen, warum es mit dem Tunnel in Magdeburg so lange dauert: „Die meisten Architekten studieren ja heutzutage nur noch bis zum Bachelor ...“

Neben dem Kabarettisten und den anfangs genannten „Beauties“ sorgen auch die Tänzerinnen der „Sweeties“ und die Turngruppe von Union 1861 für Unterhaltung. Den eisigen Wind nehmen die Sportlerinnen in ihren kurzen Turnhosen übrigens gelassen. Sabine Dirlich versichert dem Publikum: „Die Mädels haben mir gesagt, dass sie sogar schon bei Regen geturnt haben.“ Bei einigen der Turnerinnen handelt es sich sogar um Landesmeisterinnen. „Das alles ist mit sehr viel Zeit und hartem Training verbunden“, so die Abteilungsleiterin Turnen von Union 1861, Petra Jänichen.

Freiwillige Aufgaben

Jenseits des Rahmenprogrammes und der Informationsstände der Gewerkschaften und des Autoclubs Europa (ACE) nutzen die Besucher die Kulisse – den Heimattiergarten Bierer Berg für einen Spaziergang. Da sieht man ein kleines Kind, das glücklich einen Esel streichelt und Tierpfleger, die die langgliedrigen Schneehasen füttern. Der Heimattiergarten gehört auch zu den neun Prozent, die unter „freiwillige Aufgaben“ der Stadt fallen. Der Oberbürgermeister zählt einige der vielen Dinge auf, die weiterhin finanziell von der Stadt als freiwillige Aufgaben unterstützt werden. Darunter das Schwimmbad, die Sportstätten – und auch der Bierer Berg.

Noch können die Ausflugsgäste sich also glücklich schätzen, für eine Spende von 2 Euro Schneehase, Nutria, Ziege und Co. beobachten zu können. Noch. Denn auch hier oben, am idyllischen Bierer Berg, weht ein eisiger Wind – und der ist nicht nur wetterbedingt.