Calbe l Klimawandel oder lediglich eine Wärmephase: Diese Diskussion unterbleibt beim Besuch von Marcus Faber, FDP-Bundestagsmitglied, bei der Calbenser Agrargenossenschaft mit seinem Vorstandsvorsitzenden Steffen Gerber. Einigkeit besteht vor allem darin, dass es sich in 2018 um eine keine herbeigesponnene, sondern tatsächliche Extremwetterlage handele. Etwas noch nie Dagewesenes. „Wir sind seit 14 Tagen mit der Getreideernte fertig - das sagt eigentlich schon alles“, meint Gerber zu seinem Besuch. Faber ist stellvertretendes Mitglied im Ausschuss für Ernährung und Landwirtschaft und auf deutschlandweiter Reise, um sich ein Bild von den wetterinfernalischen Auswirkungen auf die Landwirtschaft zu machen.

Beim Getreide lägen die Einbußen nach Gerbers Einschätzung zwischen 30 und 50 Prozent. Zur Preisabsicherung können Landwirte sogenannte Vorkontrakte (Verträge) abschließen. Im Fall von Calbe wurden welche in Höhe von 4000 Tonnen geschlossen. Der vorher festgelegte Preis ist fix. Zusätzliche 2800 Tonnen können darüber hinaus zu derzeitigen Marktpreisen verkauft werden. Das Getreide ist aber nur ein Standbein von vielen bei der Agrargenossenschaft, die ansonsten mit ihren insgesamt 16 Kulturen breit aufgestellt ist.

Missernte in jeder Kultur

Das Bezeichnende beziehungsweise Fatale in diesem Jahr: Die zum Teil massiven Missernten ziehen sich über ausnahmslos jede Kultur. Deshalb, findet Gerber, der zugleich im Vorstand des Bauernverbandes Salzland sitzt, „ist diese Dürre es wert, den Notstand auszurufen“. Eine Begründung schiebt er umgehend nach: Der ausgerufene Notstand - der erst nach Eingang und Auswertung aller Ernteergebnisse etwa Ende August geprüft wird - könnte Landwirte beispielsweise vor Vertragsstrafen schützen, wenn Produzenten etwa ihre Lieferverträge teilweise oder ganz nicht erfüllen können.

Nach aktuellen Einschätzungen würde es unter anderem für den Digitalis Ianata knapp. Auf 30 Hektar wird der Wollige Fingerhut im benachbarten Üllnitz angebaut. Gebraucht wird er für die Pharmaindustrie zum Herstellen von Herzmedikamenten, die unter anderem bei Herzmuskelschwäche helfen sollen. Für die Verarbeitung sind vor allem die Blätter interessant. Diese liefert die Agrargenossenschaft Calbe als einziger Produzent des Digitalis in Deutschland und als größter in ganz Europa zur Verarbeitung nach Indien.

Etwa 200 Tonnen Blätter der Arzneipflanze könne man gewinnen - wenn die Umweltbedingungen mitspielten. Die Kombination aus zu hohen Temperaturen und zu wenig Regen ist dem Gedeihen allerdings mehr als abträglich. Deshalb vermutet Gerber in diesem Jahr sogar einen Rekordausfall bei dieser Kultur von rund 60 Prozent. Und das, obwohl der Fingerhut mittels gesonderter Genehmigung durch den Kreis nachts beregnet werden darf. Die Auflagen sind streng. Der Pegel des Teiches müsse ständig kontrolliert werden. Die Wassermenge ist festgelegt. Das Wasser dafür stammt aus einem nahegelegenen Teich.

Dieses Jahr Lieferengpass?

Ein endgültiges Urteil über Ernteausfälle könne er jedoch noch nicht fällen. Man müsse sehen, wie sich die Pflanze bis zur Ernte Ende September, Anfang Oktober entwickelt. Lieferengpässe? In diese Bedrängnis würde die Agrargenossenschaft in diesem Jahr geraten - wenn man nicht auf Reserven zurückgreifen könnte, um die Lieferverträge zu erfüllen. Angst, dass also nicht genügend Herzmedikamente auf Grundlage des Digitalis hergestellt werden können, gibt es also vorerst nicht.

Beregnet werde außerdem der für medizinische Tees verwendete Thymian, darüber hinaus 30 von 270 Hektar Zwiebeln. Die viel gekauften Zwiebelqualitäten seien allerdings immer noch nicht erreicht. Statt im Durchmesser 50 und 70 Millimeter weist der Großteil der Zwiebeln nur einen Durchmesser auf, der halb so groß und kleiner ist. Das veranlasst Gerber zu einer realistisch scheinenden Vorahnung: „Es kann passieren, dass wir in diesem Jahr einige Kulturen gar nicht ernten können“. Der Agrar-Chef verweist auf die Zwiebeln. Sind sie zu klein, fallen sie wortwörtlich durchs Raster. Bei den Schalotten freunden sich die Mitarbeiter bereits mit einem Totalausfall an.

Weit weg vom Prädikat „berauschend“ fällt zudem die Einschätzung des ersten eingefahrenen Maises aus. „In weniger als der Hälfte waren Kolben drin“. Anhand seiner Aufzählungen unterlegt Steffen Gerber die Außergewöhnlichkeit der Situation. Mit Zahlen zum Majoran legt er nach: Durchschnittlich würden zwei bis 2,5 Tonnen pro Hektar geerntet. In diesem Jahr sind es 300 Kilogramm pro Hektar - ein gutes Zehntel. Im Umkehrschluss bedeutet das eine Missernte von rund 90 Prozent. Auf einer Fläche von 50 Hektar. Nicht alles von der Majoranpflanze kann weiterverarbeitet werden. Lediglich die Blätter und Blüten sind von Bedeutung. „Das heißt, wir sprechen von etwa 150 Kilogramm Fertigware, die verkauft werden kann“, rechnet der Landwirt vor. Die untersten Blätter waren bereits vertrocknet. Deshalb entschloss sich das Team zum jetzigen Ernten, anstatt diese erst Ende August/Anfang September durchzuführen. „Wir hatten Angst, dass die Qualität bis dahin noch schlechter wird“, setzt Gerber erklärend hinzu.

Viel Handarbeit nötig

Trotz allem ist das Ergebnis angesichts des Aufwandes ein Schlag ins Gesicht. Denn die Genossenschaft wendet zur Pflege zwischen 80 und 100 Arbeitsstunden pro Hektar auf, damit in Handarbeit die feinen Unkräuter via Hacken entfernt werden. Das Vorgehen beruhe auf dem Anspruch, möglichst wenig Pflanzenschutzmittel zu verwenden. Mit dem Ertragsergebnis könnten gerade so die Abnahmemengen der Stammkundschaft bedient werden. Mehr sei nicht drin. Enorme Preissteigerungen werde es aber wohl zunächst nicht geben. Die Preise seien relativ stabil.

Für Marcus Faber ist klar: „In Süddeutschland sind die Verluste längst nicht so stark wie hier“. Dürrehilfen müssten eine individuell angepasste Lösung sein. Gerber nickt zustimmend. Das und auch die Idee der steuerfreien Rücklagen nimmt Faber aus Calbe mit.

Aber auch kritische Anmerkungen zu einigen Vorschlägen des Landwirtschaftsministeriums Sachsen-Anhalts. Dies hatte zuletzt unter anderem den Kauf von landwirtschaftlichen Flächen an die Landgesellschaft mit Rückkaufoption für den Bauern eingeräumt. Dies soll die kurzfristige Liquidität sichern. Für Gerber wäre das die letzte aller Möglichkeiten, „denn damit würden wir unsere Produktionsfläche aus der Hand geben“. Und natürlich könne man Sorten züchten, die längere Trockenheit und höhere Temperaturen aushalten, aber ohne Wasser geht es bei diesen auch nicht. Außerdem dauere dies mit dem daran hängenden Zulassungsprozedere im Schnitt zehn bis 15 Jahre.

Firma zahlt auch Steuern

Zudem will Steffen Gerber ein seiner Ansicht nach verschobenes Bild in der Öffentlichkeit gerade rücken: „Wir werden von staatlicher Seite nicht nur für die höheren Auflagen unterstützt, sondern zahlen auch Steuern. In Jahren wie diesen fehlen sie hier in der Region“, sagt er.

Bereits bei der Herbstbestellung wird es in Calbe mit bis zu einem Drittel oder einem Viertel weniger Rapsanbaufläche Änderungen geben. Raps benötigt einiges an Wasser. „In diesem Jahr ist mir das zu risikoreich“, ergänzt er. Welche Veränderungen es langfristig bei den angepflanzten Kulturen auf 3.200 Hektar noch geben wird, ist unklar. Das werde geklärt, wenn die Kulturausfälle nachhaltig seien und feststeht, dass es sich 2018 um mehr als ein Ausnahmejahr handelt.