Glinde l Der Erbsenstrohbär ist neben Sonne, Bratwurst und Zylinder das bekannteste Symbol der Glinder Lichtmess. Wie Vorstand Christoph Randel alle Jahre wieder verkündet, sei er „kurz vor dem Fest aus dem Winterschlaf erwacht“. Und er erklärt, dass gefangene und abgerichtete Bären als tierische Tänzer bis in das 20. Jahrhundert als Jahrmarktsattraktionen im Einsatz waren. Philosophisch gesehen bringe die Bärin ihre Jungen in der Lichtmesszeit zur Welt. Damit beginne der Kreislauf des neuen Lebens.

Seit vielen Jahren hat Erbsenstroh-Bärenführer Georg Hasemann seine liebe Not, das gerade erwachte Tier im Zaume zu halten. Der Teddy scheint mit unglaublichem Schwung direkt aus der Winterruhe zu springen. Er attackiert das Publikum, das am Rand der Straße steht. Merkwürdigerweise scheint es so, als ob es der zottelige Petz auf junge Frauen abgesehen hat, die bei seiner Attacke mehr oder weniger juchzend zusammenzucken. Aber auch Kinder nimmt der Bär gerne aufs Korn.

Unter Kostüm verborgen

Wer aber verbirgt sich eigentlich unter dem Kostüm? Die restlichen hundert Lichtmess-Aktiven sind auf ihren ulkigen Vehikeln (zumeist) identifizierbar. Ihnen zollt der Mensch von Angesicht zu Angesicht Applaus.

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Also wer ist denn nun der Bär, der mit einer Energie los hampelt, als hätte er eine Hornisse im Pelz?

Männerfrühstück am Vormittag

Dieser Frage ging die Volksstimme kürzlich beim sogenannten Männerfrühstück nach, das am Lichtmess-Vormittag immer für einen proppenvollen „Goldenen Anker“ sorgt. Hier spielt die Blasmusik, kondensieren die Fensterscheiben mehrere Liter destilliertes Wasser, verputzen Männer mit und ohne Zylinder gut gelaunt bergeweise Bratwurst.

Wer also ist der Bär in dem Reigen von 220 Kerlen? Ist er überhaupt unter ihnen?

Bär am Tresen

Die Männer an der Kasse wissen Bescheid: „Geh mal zum Tresen, da steht er und trinkt sein Bier.“

Aha, das ist ein Hinweis. Doch im Reich von Wirt Henrick Fabian hat etwa ein Dutzend Kerle den Humpen in der Hand. „Stefan Randel kann dir den Erbsenbär zeigen“, sagt Henrick. Stefan sitzt in vollem Ornat - sprich Frack, Zylinder und Halstuch - auf dem Stuhl und schneidet sich gerade einen Schnippel Bratwurst ab. „Klar, kann ich dir Steffen zeigen“, legt Randel sein Taschenmesser beiseite, mit dem er eben noch Wurst portionierte.

Rolle des Einzelkämpfers

Es ist Steffen Piller (36) aus Staßfurt, der mit Stefan (man merkt an den Vornamen, dass die Beiden ein Alter sein müssen) in der Berufsschule die Bank drückten. „Stimmt, ich mime seit etwa 15 Jahren den Erbsenbär“, erzählt Piller, der (noch) Zivil trägt. Sein Kumpel aus Glinde habe ihm so lange etwas von der Lichtmess vorgeschwärmt, dass er eines Tages einfach nicht anders gekonnt habe, als mitzumachen. Und weil die Arbeit in den Bautrupps eigentlich schon aufgeteilt war, blieb nur die Rolle des Einzelkämpfers.

Steffen und Stefan sind Landwirte. Was eine gute Voraussetzung für das Bärenfell ist. Denn wer baut heute schon noch Erbsenstroh an?! „Ich drille jedes Jahr in meinem Garten rund 20 Quadratmeter der Sorte ‚Feldperle‘“, verrät Staßfurt-Steffen. Wenn neugierige Passanten wissen wollen, ob er gerade Futter für die Karnickel senst, antwortet der 36-Jährige ohne mit der Wimper zu zucken: „Nee, das ist für den Bären.“ Spätestens dann zeigen ihm die Leute einen Vogel oder trollen sich ihr Teil denkend … Alles klar, das Krankenhaus für Geistesschwäche ist ja in der Nachbarstadt.

Stohl als Fellersatz

Das Erbsenstroh braucht Steffen Piller, um das „Fell“ zu reparieren. Denn nach seinen ungestümen Attacken bleiben immer einige Erbsenbüschel auf der Strecke, wie die Federn einer Damen-Boa nach dem Fasching.

Wie aus gut informierter Quelle bekannt wurde, gründet sich das Bärenkostüm auf die Nationale Volksarmee (NVA). Genauer gesagt, auf eine der unkaputtbaren Schwarzkombis. Es war nicht alles schlecht ... Worin früher die Genossen beim Kloppen von Panzerkettengliedern schwitzten, steppt heute der Bär.

Intaktes Dorfleben

„Ich mache gerne in Glinde mit“, lacht Steffen Piller. Hier sei die Dorfgemeinschaft noch intakt. Woran nicht zuletzt das Gemeinschaftswerk Lichtmess einen Anteil habe.