Calbe l Blumen, Calbenser Gebäude, Landschaften, Akte – es gibt eigentlich nichts, das der Calbenser Künstler Hans Both noch nicht auf Papier gebannt hat. Und trotzdem sagt der 82-Jährige: „Ich habe noch so vieles in meinem Kopf, was ich machen möchte.“ Er ist rastlos – wenn es um die Kunst geht.

Heimisch angekommen hingegen ist der in Ostpreußen Geborene längst in Calbe. Mit seiner Frau Ulrike hat er sich ein gemütliches Reich in der Rolandstadt geschaffen. Sein Atelier, das sich über zwei Etagen erstreckt, hat er über die Jahre selbst ausgebaut. Hans Both ist eben kein Mann mit den sprichwörtlichen zwei linken Händen. Vor allem in seinem künstlerischen Dasein zeigt sich das.

Entscheidung für den Moment

Ob in seinen Zeichnungen, Aquarellen, Gemälden oder den besonders anspruchsvollen Lithographien, Hans Both hat seine Handschrift entwickelt. Er zeigt Details, wenn sie nötig sind. Er lässt etwas im Ungewissen, wenn es dem Motiv dient. Nicht uninteressant sind dabei auch sein Blickwinkel und die Entscheidung für den bestimmten Moment, den er festhält für die Ewigkeit. Dabei muss ein Aktbild nicht klassisch einfach nur den nackten Menschen an sich zeigen. Hans Both skizziert zum Beispiel den Augenblick, in dem sich das Aktmodell gerade den Pullover über den Kopf zieht. Auf einem anderen Bild wird alles nur schemenhaft angedeutet.

Bilder

Alles hat seine Wirkung. Geht es wiederum um sein Zuhause, sein Calbe, dann ist er sehr genau. Wie ein Chronist hat er über die Jahre einzelne Straßenzüge, Gebäude, Landstriche auf das Papier gebracht. Manches Haus steht heute nicht mehr, anderswo sind Häuser hinzugekommen.

Früher hat er sich oft den Menschen gewidmet. Heute, so sagt es der 82-Jährige, „habe ich die Menschen ein bisschen verloren“. Wehmut liegt dabei nicht in seiner Stimme. Es ist einfach eine Feststellung. Woran das liegt? Erklären kann er es nicht. Muss er auch nicht. Sein Fokus liegt nun eher auf den Landschaften. „Ich male das, was ich sehe und empfinde“, sagt er.

Blick durch seine Augen

Bestes Beispiel sei die Stadt Aschersleben. In den 1990er Jahren hat er an einer Art Kunstwettbewerb teilgenommen, bei dem Aschersleben gemalt werden sollte.

Den damaligen Hans Both hatten viele zerstörte Ansichten gestört, beeindruckt – beeinflusst. Wenngleich die Bilder als Werbung für die Stadt dienen sollten, ließ er den Müllberg vor der Kirche auf seinem Bild nicht weg. Kaputte Fenster, Obdachlose – er malte das, was er sah.

Ob er damit auf Zurückweisung stößt oder nicht, das war dem jüngeren Hans Both egal und es ist auch dem älteren Hans Both einerlei. „Wenngleich sich Aschersleben sehr zum Positiven entwickelt hat“, gibt der Künstler zu. Eigentlich müsste er erneut in die drittgrößte Stadt des Salzlandkreises fahren und Vorher-Nachher-Bilder machen…

Ein leidenschaftlicher Radfahrer

Doch es ist ja nicht so, dass Hans Both nichts zu tun hat. Mit 82 Jahren ist er kaum ruhiger geworden. Mit seiner Frau ist er viel im Landkreis unterwegs. Meist mit dem Fahrrad. Und die Kunst eben – die lässt ihn nicht los.

Dabei bezeichnet sich der Künstler selbst gar nicht als Künstler. Graphiker und Maler, das sind Begriffe, die er für sich gelten lässt. Und warum nicht Künstler? „Was ist Kunst?“ Lautet die Gegenfrage von Hans Both. Er ist eben auch Skeptiker. „Wenn ich davon ausgehe, wofür Kunst missbraucht wird ...“, beginnt der Calbenser einen Satz. Unverständlich sei es für ihn, dass manch Bild eines aktuellen Künstlers für 25 Millionen Euro verkauft wird. Und am Ende fristet das Werk ein Dasein irgendwo in einem Safe. „Das ist doch schade für alle, die mit Kunst arbeiten“, nennt er seine Meinung.

Dass er nicht nur seine eigene Kunst schätzt, dass wird in der oberen Etage des Both‘schen Ateliers klar. Neben den eigenen Werken hängen hier Bilder von Freunden, anderen Künstlern. Da steht auch eine Metallgestalt von dem Schönebecker Künstler Eberhard Frank. Oder da liegen kleine Taler – Bronzeguss -, die Porträts zeigen. Sie stammen aus den Händen des Schönebeckers Hans Helmbrecht, dem gute Kontakte zu den Künstlerkreisen um Katharina Heise und Hans Oldenburger nachgesagt wurden. Hans Both weiß das Schaffen anderer zu würdigen.

Die Liebe zur Natur

Von der lichtdurchfluteten oberen Etage gelangt Hans Both auf schnellem Weg auf die Dachterrasse. Der Ausblick ist schön. Er und seine Frau lieben die Natur – nicht nur die in der freien Wildnis, auch die, die man zuhause pflegt. Und dann sind da noch die zahlreichen Blumenarrangements, die Hans Both auf Papier bringt. „Ich bilde sie nicht einfach nur ab“, sagt er. Und: „Ich lenke den Blick des Betrachters.“

Egal, was er gerade für sich entdeckt hat, zur Hans-Both-Manier gehört es, vorab eine Skizze anzufertigen. Gerade wenn es um Landschaften oder Gebäude geht. Unterwegs schnell ein Foto schießen und zuhause in Ruhe abmalen? Das kommt für ihn nicht in Frage. „Das mag ich nicht“, sagt er schlicht. „Ich muss es sehen, ein inneres Gespräch führen, es zeichnen“, umschreibt er seine Herangehensweise. Seine Skizzen sind dann seine Erinnerungshilfe im heimischen Atelier.

Die Presse, mit der er seit Jahrzehnten seine Lithographien fertigt, hat er einst selbst gebaut.

Hier, in der unteren Etage, hat er sich inzwischen der Lithographie verschrieben. Das ist ein aufwendiges Verfahren. Wie aufwendig, dafür spricht allein der Fakt, dass Hans Both wohl der einzige in Sachsen-Anhalt ist, der sich mit dieser Steintechnik befasst. Über die Jahre ist er ihr immer mehr verfallen. Ein Arbeiten ohne diese großen Steinplatten, mit denen er seine Werke am Ende vervielfältigt, kann er sich kaum vorstellen.

Und auch hier beweist sich wieder sein handwerkliches Geschick. Denn die Presse, mit der er seit Jahrzehnten seine Lithographien fertigt, hat der frühere Konstrukteur im Schönebecker Traktorenwerk einst selbst gebaut. Noch heute tut sie ihre Dienste. Zur Zufriedenheit des Malers und Graphikers.

Und sicher auch zum Genuss für seine Frau. Denn wenn es Ausstellungstechnisch inzwischen etwas ruhiger geworden ist um den Calbenser Künstler, so kann sie sich immer wieder über ein neues Blumenwerk freuen.

„Solch ein Blumenstrauß duftet zwar nicht, dafür hält er aber länger“, sagt Hans Both augenzwinkernd.