Bad Salzelmen l Die Worte von Ulrich Lieb, Pfarrer im Ruhestand, berühren die Seele. Sie wecken Erinnerungen. An jene Abende, an denen sich Schönebecker in der Marienkirche zum „Gebet um gesellschaftliche Erneuerung“ versammeln, danach einen Schweigemarsch durch die Stadt gehen. Schon beim ersten Mal am 4. November ist die Rede von Hunderten, ja Tausenden.

Für seine Festrede, die er am Sonnabend anlässlich 30 Jahre Mauerfall im Dr.-Tolberg-Saal Bad Salzelmen hält, erhält Ulrich Lieb viel Applaus. Stehend. Ein Ausdruck von Wertschätzung und emotionalem Berührtsein.

Seine Ansprache hat mehr Zuhörer verdient, die Feierstunde mehr Gäste. Gut 60 Einladungen seien verschickt worden, so Oberbürgermeister Bert Knoblauch (CDU). An Stadträte, Ehrenstadträte, Vertreter der Kirche ... Rückmeldungen, wer nicht teilnehmen kann, hätte es keine gegeben.

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Enttäuscht von Resonanz

Am Sonnabend nun bleibt mehr als die Hälfte der gestellten Stühle unbesetzt. Das Stadtoberhaupt zeigt sich ob der geringen Resonanz enttäuscht: „Ich finde es sehr schade. An so einem Tag wäre eine Erinnerung und eine Anteilnahme angemessen. Die Redebeiträge haben doch gezeigt, wie schwierig die Errungenschaften waren.“ Er bedauere es sehr, dass die Einladung bei einigen wohl als „Allerweltstermin“ abgetan worden sei.

Unverständnis auch bei Torsten Pillat, Vorsitzender der CDU-Stadtratsfraktion. „Das kann ich nicht verstehen, das ist ein herausragendes Ereignis. Wir sind mit fünf CDU-Mitgliedern da, ein Stadtrat ist als Vertreter des Städtepartnerschaftsvereins unterwegs, aber auch anlässlich des besonderen Tages.“

Zwei Sozialdemokraten sind der Einladung gefolgt: Cornelia Ribbentrop hält ein Grußwort. Zur spärlichen Teilnahme der geladenen Gäste sagt die Stadtratsvorsitzende: „Das finde ich ganz traurig und ziemlich bedenklich.“ Sie hätte sich gewünscht, dass die Veranstaltung öffentlich ist, „das geht uns doch alle an“. René Wölfer, Vorsitzender des SPD-Ortsvereins, nickt. „Ich hätte auch gedacht, dass breiter eingeladen wird. Damals standen alle Türen offen, warum heute nicht. Man hätte Weggefährten einladen können. Aber: Gut, dass überhaupt eine Feierstunde stattfindet.“ Im gleichen Atemzug merkt er an, dass er von vier Stadträten aus den eigenen Reihen weiß, die bei anderen Veranstaltungen zu diesem Jubiläum zugegen sind.

Hätte es öffentlich sein sollen?

Auch die Linke-Stadtratsfraktion sei aus verschiedenen Gründen nur zu einem Drittel da, beteuert Vorsitzende Sabine Dirlich. „Was mich sehr verwundert: Dass aus dem gesellschaftlichen Raum so wenige da sind.“ Als sie hört, dass es sich um keine öffentliche Veranstaltung handelt, sondern nur für geladene Gäste ist, ist sie überrascht. „Das wusste ich nicht.“ Das hätte sie so aus der Einladung nicht gelesen. „Der Tag müsste im gesellschaftlichen Leben stattfinden, es betrifft doch alle Leute in Schönebeck und hat eine große Bedeutung.“

Von den Fraktionen AfD und FDP/Grüne/Below/Kowolik ist gar kein Stadtrat anwesend. Auf Nachfrage sagt Olaf Ziem, Vorsitzender der AfD-Stadtratsfraktion, dass alle dienstlich gebunden waren. Vorsitzender Thoralf Winkler bedauert, dass von seiner Fraktion FDP/Grüne/Kowolik/Below kein Stadtrat anwesend war, es habe Abstimmungsprobleme gegeben.

(Anmerkung der Redaktion: Der Stadtrat zählt 38 Stadträte: neun CDU, neun SPD, neun FDP/Grüne/Below/Kowolik, sechs Die Linke, fünf AfD.)

Hätte die Veranstaltung öffentlich sein können, müssen? „Hinterher kann man immer sagen: Wir hätten es größer machen sollen. Vorher ist aber keiner an uns diesbezüglich herangetreten. – Wir hätten auch gar nichts machen können. Aber wir wollten etwas machen und haben uns auf eine Feierstunde in dieser Art und Weise verständigt“, so Oberbürgermeister Knoblauch.

Auf dem Weg des Zusammenwachsens

Doch zurück zur eigentlichen Feierstunde. Ulrich Lieb erinnert an die Anfänge der Friedensgebete in Schönebeck am 4. November. Warum erst so spät? Viele Schönebecker hätten an den Aktionen im Magdeburger Dom teilgenommen. Er auch. Da habe jemand laut die Bitte geäußert, dass es solche Gebete auch in Schönebeck geben solle. „Das war eine Herausforderung, der es sich zu stellen galt.“ Die Pfarrer Hans Gottschalk von St. Jakobi, Günter Schlegel von St. Johannis und er planten eilig die Versammlungen in St. Marien, der Kirche von Ulrich Lieb. „Ganz unvergesslich bleibt mir der Abend des 9. November. Als unsere Demo im Malzmühlenfeld in Höhe der Schwimmhalle war, stieg Pfarrer Gottschalk auf eine kleine Abgrenzungsmauer und rief: Die Mauer ist offen. Ich gestehe, dass mein erster Gedanke war: Jetzt ist er wohl in seiner Begeisterung völlig übergeschnappt“, sagt Lieb schmunzelnd. Aber doch, so war es. An Gottschalks Ausruf erinnert sich auch Günther Schlegel noch sehr gut. „Das war so unglaublich, als wenn mitten in der Nacht plötzlich die Sonne aufgeht“, schreibt er in seinem Redebeitrag zur Feierstunde. Er ist verhindert, Hans-Jürgen Koch verliest seine Zeilen.

Mit Willy Brandts Worten aus dem Herbst 1989 hält es Cornelia Ribbentrop: Es wächst zusammen, was zusammen gehört. „Wir sind noch immer auf dem Weg. Auch wenn der Weg nicht immer gerecht, leicht und schnell vonstatten geht, so prägt er uns, unser Land, unsere Geschichte“, sagt die Stadtratsvorsitzende. Deshalb sei es wichtig, die Erinnerung wach zu halten.

Das Errungene nicht vergessen, appelliert auch Bert Knoblauch: eine größere Freiheit, einen Rechtsstaat und vor allem Demokratie.