Schönebeck l Die Mieten in Sachsen-Anhalt sind moderat gestiegen: zwischen 2014 und 2018 von 4,90 auf 5,30 Euro (immer pro Quadratmeter) durchschnittlich für Mietwohnungen und -häuser. Das ist das Ergebnis einer Datenerhebung des Immobilienportals Immowelt. Da gute Mietobjekte in den großen Städten wie Magdeburg teurer werden, könnten Mittelzentren wie Schönebeck mit vergleichsweise günstigen Mieten davon profitieren. Gerade für Pendler sei das interessant.

„Wir hoffen darauf“, sagt Detlef Eitzeroth, Vorstandsvorsitzender der Wohnungsbaugenossenschaft (WBG) Schönebeck. Momentan sei dieser Trend aber noch nicht erkennbar. „Die ,Hotspots‘ Magdeburg und Halle haben teuren, aber eben auch noch genügend normalen Wohnraum zu bieten.“

Gefragt: Neubau

Sigrid Meyer, Geschäftsführerin der Städtischen Wohnungsbaugesellschaft (SWB), weiß: „Magdeburg plant Mietpreise jenseits der 10 Euro. Irgendwann sind die Gutverdiener abgeschöpft.“ Das sei eine Chance für Schönebeck, die Menschen hierher zu holen. Für Neubauwohnungen müssten sie 7 Euro zahlen, in Magdeburg 9 Euro. „Das ist für uns schon eine riesige Herausforderung. Wir wollen nicht mit der Qualität heruntergehen, aber die Baupreise explodieren gerade.“ Der Wunsch sei eben oft ein großes Bad, eine (Dach)Terrasse, viel Licht, nicht 20 Mietparteien in einem Eingang, unterschiedliche Wohnungs-Zuschnitte.

Auch bei der WBG liegen die Schönebecker unter den Magdeburger Neubau-Mieten. Zwischen 7,50 und 8 Euro. „Die brauchen wir hier, wir brauchen ja auch eine Wirtschaftlichkeit. Wir sind eine Genossenschaft und stehen damit für eine sozialverantwortbare Wohnversorgung“, so Detlef Eitzeroth.

In Sachen Neubau kann die Gemeinnützige Schönebecker Wohnungsbaugenossenschaft (GWG) nicht mitreden. Sie saniert nur im Bestand. Dann generell barrierefrei.

Durchschnittliche Miete

Bei allen drei Wohnungsunternehmen haben sich die Mieten im Durchschnitt (alle Bestände) im Vergleich 2010 und aktuell nur leicht geändert: von 4,52 Euro auf 4,76 Euro bei der WBG; von 4,23 auf 4,74 Euro bei der SWB; von 4,07 auf 4,48 Euro bei der GWG.

„Die Platte wird nicht ganz verschwinden, aber in der Masse wird sie perspektivisch nicht bleiben“, steht für Sigrid Meyer fest. Schon jetzt handhabe es die SWB so, dass sie für jeden Neubau an anderer Stelle einen schon ewig leerstehenden Altbestand abreißt. „Wir werden aber im Auge behalten, dass wir Wohnungen zu niedrigen Mieten für Sozialschwache vorhalten“, versichert sie und verweist auf die derzeitige Grenze von Seiten des Jobcenters von 4,35 Euro. Der Leerstand betrage derzeit 14 Prozent. Insgesamt hat die SWB 3600 Wohnungen.

Bei der WBG beträgt der Leerstand aktuell etwa 10 Prozent – 300 von insgesamt 3300 Wohnungen. Hauptsächlich seien es welche in den höheren Etagen von Plattenbauten, so Detlef Eitzeroth. In der Zukunft werden wohl einige, in denen keiner mehr wohnen möchte, weichen müssen.

Pendler

Die GWG zählt gerade 952 Wohnungen mit einem Leerstand von 9 Prozent, davon sind 4 Prozent gewollt, da Sanierungen anstehen.

Da sind sich SWB, WBG und GWG einig: Pendler könnten in Schönebeck preiswerter wohnen und in Magdeburg arbeiten. Doch noch lasse der Pendler-Boom auf sich warten.

„Es sind eher diejenigen, die in den umliegenden Dörfern ihr Haus verkauft haben und in eine Stadtwohnung ziehen: Weil die Infrastruktur gegeben ist, weil sie sich eine barrierefreie Wohnung aussuchen können, weil sie in einen attraktiven Wohnraum ihrer Wahl ziehen können“, erklärt der WBG-Chef. Die klassischen Pendler gebe es eher weniger, die meisten seien hier verwurzelt, so Eitzeroths Erfahrung.

Werbung

Das sieht auch Sigrid Meyer so. „Wir müssen denen, die aus dem Umland in die Stadt ziehen, hier ihre Traumwohnung bieten.“ Man wolle mit der Wohnung und der Wohngegend punkten. Beliebt sei zum Beispiel das Elbufer. Magdeburg nehme dafür locker 13 Euro Kaltmiete. „Aus meiner Sicht ist Magdeburg schon zu sehr frequentiert, irgendwann läuft es am Geldbeutel vorbei.“ Dann könne sich Schönebeck ins Spiel bringen.

Eigentlich müsste die Stadt für Magdeburg-Pendler attraktiv sein, so GWG-Vorstandsmitglied Uwe Nachsel. Gute Anbindungen über S-Bahn und Straße. Und doch gibt es kaum Nachfragen von außerhalb. Woran das liegt, könne er nicht sagen. Auch GWG-Vorstandsmitglied Manuela Preuße nicht: „Manche wären sicherlich schneller mit der Bahn auf Arbeit, als mit dem Auto quer durch Magdeburg.“ Für die beiden ist klar: Noch gebe es genügend bezahlbaren Wohnraum in der Großstadt, kein Grund also, zu den Nachbarstädten zu schauen.

Werben die Unternehmen auch für ein Wohnen in Schönebeck? Ein klares Ja kommt von Detlef Eitzeroth. Die WBG schalte zum Beispiel Werbung für ihre Wohnungen in der regionalen Zeitung und im Radio. Die Argumente würden auf der Hand liegen: Man könne hier im Grünen, attraktiv und preiswert, individuell und vor den Toren Magdeburgs wohnen.

Annoncen

Auf Annoncen verzichtet die SWB, setzt dafür auf Immobilienseiten, und die eigene Seite beim sozialen Netzwerk Facebook funktioniere sehr gut.

Auch die GWG wirbt im Internet. Doch eigentlich schwören Uwe Nachsel und Manuela Preuße auf Mund-zu-Mund-Propaganda. „Das ist immer noch das beste“, so Nachsel.

„Die Jüngeren zieht es nach Magdeburg, weil dort mehr los ist. Kulturell und sportlich“, redet der WBG-Chef nicht lange um den heißen Brei. „Die jungen Leute wollen abends vor die Haustür gehen und etwas erleben – und nicht erst noch mit der S-Bahn fahren müssen.“ Ältere und Familien hingegen würden die Reize von Schönebeck wie den Kurpark oder die Kammerphilharmonie zu schätzen wissen.

Was fehlt?

Für Sigrid Meyer ist es keine Frage des Alters, sondern der Mentalität. „Ich wohne in einem kleinen Ort in der Hohen Börde. Da ist der Zusammenhalt da. Stichwort: Lokalpatriotismus. Hier in Schönebeck können die Leute nur sagen: Das Glas ist halb voll, statt etwas dafür zu tun, dass das Glas voll wird.“ Die SWB-Geschäftsführerin vermisst die Liebe zur Stadt, die meisten Einwohner würden nur nörgeln. „Wir haben die Elbe, unangetastete Elbwiesen, sich zum Positiven veränderte Wohngebiete. Ich habe das Gefühl, die Menschen hier haben verlernt, sich an kleinen Dingen zu erfreuen.“

Oberstes Anliegen müsse es sein, dass Schönebeck keine Schlafstadt wird, so GWG-Vorstandsmitglied Nachsel.

Beliebte Wohngegenden

Bei der SWB würden die Quartiere – in sich abgeschlossene Wohngebiete – gut ankommen, sagt Sigrid Meyer. Zum Beispiel in der Luther-/Krausestraße, Schillergarten oder das geplante am Elbufer.

Dort, wo einst das Gymnasiums am Malzmühlenfeld stand, will die WBG Stadtvillen entstehen lassen. Insgesamt 32 Wohnungen, barrierefrei, Tiefgarage, Aufzug. Interessenten gebe es schon, sagt Detlef Eitzeroth. Die im Frühjahr fertig gewordenen Wohnungen Am Alten Stadtbad 11 in Bad Salzelmen seien schon weg.

Die traditionelle Wohnbereiche seien bei den GWG-Mietern beliebt, erklärt Uwe Nachsel: Luther-/Lessing-/Liebknechtstraße, Mitte, Bad Salzelmen.

Bauland

Um Menschen nach Schönebeck zu ziehen, sind attraktive Wohnungen das eine – attraktive Baugrundstücke das andere. Von den drei Wohnungsunternehmen bietet diese auch die SWB an. „Wir merken eine verstärkte Nachfrage nach Bauland. Auch auf unsere Grundstücke Am Schillergarten“, sagt Sigrid Meyer. Es seien auch Magdeburger Familien, die hier kaufen wollen. Denn der Unterschied zur Landeshauptstadt sei enorm: Laut Immobilienverband Deutschland werden in Magdeburg in sehr guter Wohnlage bis zu 300 Euro pro Quadratmeter verlangt. Die teuersten SWB-Grundstücke in Schönebeck würden bei 89 Euro pro Quadratmeter liegen. „Wir geben im Preis nur die Erschließungskosten weiter, große Gewinnspannen haben wir nicht.“