Radrennen

Museum in Kleinmühlingen: Student aus Frankreich forscht zur Friedensfahrt

Geschichtsstudent Paul Batcabe-Lacoste recherchiert zum legendären Radrennen und hofft auf Hilfe vom Friedensfahrt-Museum in Kleinmühlingen. Die Suche nach Informationen ist gar nicht so leicht.

Von Robert Gruhne
Geschichtsstudent Paul Batcabe-Lacoste und seine Begleitung Charlotte Barbier recherchierten im Friedensfahrt-Museum in Kleinmühlingen. Im Hintergrund suchen Horst Schäfer (ganz hinten) und Jürgen A. Schulz nach den passenden Quellen.
Geschichtsstudent Paul Batcabe-Lacoste und seine Begleitung Charlotte Barbier recherchierten im Friedensfahrt-Museum in Kleinmühlingen. Im Hintergrund suchen Horst Schäfer (ganz hinten) und Jürgen A. Schulz nach den passenden Quellen. Foto: Robert Gruhne

Kleinmühlingen - Die Freunde der Friedensfahrt sind in Kleinmühlingen internationalen Besuch gewohnt. Friedensfahrer vieler Länder waren in den letzten fast 20 Jahren seit Bestehen des kleinen Museums schon da. Der Besuch eines französischen Studenten in der letzten Woche war trotzdem etwas Besonderes – immerhin ist das Interesse einer Generation, die die 2006 eingestellte Friedensfahrt kaum mehr selbst erlebt hat, nicht selbstverständlich.

Der Tisch war gedeckt und es gab selbst gemachte Kürbissuppe, als Paul Batcabe-Lacoste mit Begleiterin Charlotte Barbier im Museum eintraf. Gleich fünf Vertreter des Vereins für Radfreizeit, Radsportgeschichte und Friedensfahrt waren gekommen, um sich mit dem Studenten der École normale supérieure in Paris-Saclay auszutauschen. Die Einrichtung gehört zu den renommiertesten Hochschulen Frankreichs.

Ein Museum nicht nur für die Sieger

Bei seiner Arbeit, in der Batcabe-Lacoste sich mit den Anfängen der Friedensfahrt auseinandersetzt, gibt es ein großes Problem: „Ich kann viel über die Friedensfahrt lesen, aber wie sie wirklich war, weiß ich nicht. Ich war nicht dabei“, schildert Batcabe-Lacoste. Als Geschichtsstudent weiß er aber, dass die Objekte des Interesses meistens nicht mehr sonderlich lebendig sind und und man sich deshalb nur die richtigen Quellen suchen muss. Vom Museum in Kleinmühlingen erhofft er sich nun Antworten, wie die Friedensfahrt „wirklich“ war. Zum Glück ist das Erinnern an die Friedensfahrt hier noch höchst lebendig!

„Wir sind ein Museum nicht nur für die Sieger des Rennens, sondern für alle Teilnehmer – auch die Masseure, die Streckenposten, die Polizisten. Nur so wird das Rennen lebendig“, bekräftigt der zweite Vorsitzende des Vereins Ralf Fiebelkorn. Hinzu kommt, dass die Mitglieder des Vereins selbst für die Friedensfahrt brennen und unzählige Geschichten beitragen können.

Doch das Forschungsinteresse von Paul Batcabe-Lacoste ist sogar noch etwas spezieller. Er interessiert sich vor allem für die Friedensfahrt in den 1950er Jahren, also ziemlich am Anfang des 1948 gegründeten Radrennens.

Wie die DDR in das Rennen integriert wurde

„Für mich ist diese Zeit interessant, weil sich zum ersten Mal die drei Länder Polen, Tschechien und DDR zusammenschlossen. Das war auch schwierig, denn ihre Geschichte ist konfliktvoll“, sagt Batcabe-Lacoste. Er will schauen, wie die DDR in das Radrennen integriert wurde.

Da kann Horst Schäfer, der erste Vorsitzendes des Vereins, natürlich sofort einsteigen: „Polen und Tschechien wollten nicht, dass die DDR dabei ist. Das waren Faschisten für die.“ Erstmals 1950 fuhren deutsche Fahrer mit, 1952 führte die Tour dann auch durch die DDR. Schäfer und Batcabe-Lacoste vermuten, dass die Sowjetunion hier Druck ausübte, um die DDR in den Ostblock zu integrieren.

Batcabe-Lacoste vergleicht das Ziel der Friedensfahrt hierbei mit seinem Heimatland Frankreich. In dem bis in die 1930er Jahre noch sehr ländlich geprägten Land habe die Tour de France eine wichtige Rolle für die Erschließung bestimmter Regionen gespielt und so einen nationalen Raum geschaffen.

Der Student berichtet den Vereinsmitgliedern auch von seinen bisherigen Recherchen, die ihn unter anderem in das tschechische Staatsarchiv führten. Er will nämlich auch die Entwicklungen rund um die Friedensfahrt in der DDR und der CSSR vergleichen. Dabei hilft ihm, dass er – neben hervorragenden Deutschkenntnissen – auch Tschechisch lernt. Zur Zeit absolviert er in Prag ein sechsmonatiges Praktikum.

Ein direkter Kontakt zu Täve Schur?

In Tschechien fand er in den Archiven bereits viele Dokumente über die Friedensfahrt, zum Beispiel Trainingsprogramme oder Essenspläne. „Das Rennen war immer im Mai, aber schon im Februar haben die Sportler voll dafür trainiert“, fand Batcabe-Lacoste heraus. In Tschechien musste er sich aber mit den Akten begnügen. Dabei sei es für ihn noch wichtiger, die Leute zu treffen, die die Friedensfahrt selbst erlebt hätten.

In Kleinmühlingen greift Horst Schäfer deshalb recht bald zum Telefonhörer. „Ich rufe Täve Schur an“, verkündet der Vereinsvorsitzende. Paul Batcabe-Lacoste macht große Augen. Natürlich kennt er die deutsche Friedensfahrtlegende. Gustav Adolf „Täve“ Schur gewann das Rennen 1955 als erster Deutscher. Neunmal wurde er Sportler des Jahres in der DDR. Heute nimmt der mittlerweile 90-jährige, der in Heyrothsberge lebt, aber nicht ab. „Vielleicht klappt es ja morgen noch“, meint Schäfer.

Stattdessen teilen Schäfer und seine Mitstreiter Ralf Fiebelkorn, Hans-Jürgen Berg und Jürgen A. Schulz ihr Wissen. Dabei holen sie auch das ein oder andere Quellenmaterial aus dem Museumsfundus hervor, zum Beispiel ein Buch mit Grüßen an die Friedensfahrer von 1952 oder einen Rahmenorganisationsplan von 1954. Beides lichtet sich Paul Batcabe-Lacoste sofort ab, um es später auszuwerten.

Interesse für Radsport und Kommunismus kombiniert

Deutsche Archive wollte der Student eigentlich auch noch besuchen, aber das sei aufgrund der Pandemie gerade nur sehr schwer möglich, bedauert er. Die Ergebnisse seiner Recherchen will Paul Batcabe-Lacoste in den nächsten Monaten aufschreiben. 150 bis 200 Seiten sollen es werden, damit er sie als Masterarbeit einreichen kann.

Aber woher kommt eigentlich sein Interesse an der Friedensfahrt? „Ich bin ein Rennfahrfan“, sagt Batcabe-Lacoste aus dem Land der Tour de France. In der französischen Stadt Buc ging er außerdem auf eine deutsche Schule, wo er begann, sich für die Geschichte des Kommunismus zu interessieren. „Ich hatte das Gefühl, dass die DDR in Frankreich verschwunden ist“, sagt er. Nach der Schule begann er ein sozialwissenschaftliches Studium mit Schwerpunkt Geschichte. „Da kann ich jetzt beides, mein Interesse für Sport und die Geschichte des Kommunismus, kombinieren“, erklärt Batcabe-Lacoste, vertieft in eine der Kleinmühlinger Archivalien.