Kultur

Neustart mit Notbremse für Schönebecker Orchester

Das Orchester der Mitteldeutsche Kammerphilharmonie kommt zurück aus dem Lockdown. Eine gute Nachricht. Die weniger gute Nachricht: Der beliebte Operettensommer fällt auch 2021 aus – allerdings nicht ersatzlos.

Von Jan Dahms
Der bis jetzt letzte Operettensommer im Jahr 2019 führte nach Florenz. Augeführt wurde die Operette ?Boccaccio? von Franz von Suppés. Für das Event im nächsten Jahr steht ?Die lustige Witwe? auf dem Programm
Der bis jetzt letzte Operettensommer im Jahr 2019 führte nach Florenz. Augeführt wurde die Operette ?Boccaccio? von Franz von Suppés. Für das Event im nächsten Jahr steht ?Die lustige Witwe? auf dem Programm Foto: Klaus-Peter Voigt

Schönebeck - Die Aufwärmübungen sind vorbei, jetzt wird es langsam wieder voller auf der Bühne. Nach den ersten Kammermusikabenden im Dr.-Tolberg-Saal am vergangenen Wochenende, wird seit dieser Woche wieder mit dem gesamten Orchester der Mitteldeutschen Kammerphilharmonie geprobt, zum ersten Mal seit der Corona-Zwangspause. „Alle Orchestermitglieder sind wieder dabei, freut sich Anita Bader, die Geschäftsführerin der Mitteldeutschen Kammerphilharmonie Die insgesamt 23 Musiker des Ensembles sind in den letzten Tagen aus der Kurzarbeit zurückgeholt worden und werden bei den kommenden Konzerten in gewohnter Besetzung spielen können.

Ein Anfang mit angezogener Handbremse

Trotzdem ist der Neustart für das Kammerorchester ein Beginn mit angezogener Handbremse. So wird die Konzertreihe „Klänge im Raum“ ab dem 1. Juli etwas kompakter, innerhalb von drei Wochen, ausfallen. Das Hygienekonzept sieht pro Veranstaltungsort etwa 100 bis 150 Besucher vor. Es ist ein Anfang, aber nichts im Vergleich zum jährlichen Höhepunkt der Philharmonie im Juni und Juli auf dem Bierer Berg: dem Operettensommer. „Es ist das jährliche Ereignis im Orchesterleben“, bestätigt Ensemblemitglied Susanne Reichel-Visontay, auch wenn das Konzertorchester für die Veranstaltung auf dem für vier Wochen von der Bühne in den Orchestergraben umziehen muss. Auf diese große Veranstaltung mussten sowohl die Musiker als auch die Operetten-Fans verzichten, denn die Aufführungen wurde wegen der Pandemie für 2020 und auch dieses Jahr frühzeitig abgesagt.

Plan B für den Operettensommer

Volksstimme-Leserin Simone Held aus Schönebeck sehnt sich nach dem Operettensommer und fragt deshalb: „Gibt es denn keinen Plan B? Die Lage bessert sich von Woche zu Woche, immer mehr Leute sind geimpft.“ Sie hat dazu auch gleich einen Vorschlag: „Warum wird nicht ein bunter Liederabend mit beliebten Operettenhits in loser Folge auf die Bühnenbretter, egal ob oben auf dem Berg auch mit „abgespecktem“ Eintritt oder im Kurpark als Sonntagsmusik auch mal kurzfristig, organisiert?“

Anita Bader, MKP-Chefin
Anita Bader, MKP-Chefin
Foto: Mitteldeutsche Kammerphilharmonie

Hoher Planungsaufwand

Hinter dem Operettensommer steht ein „langer Planungsaufwand“, erklärt die Philharmonie-Chefin Anita Bader. Die Anfragen an die Solisten, die Arbeiten am Bühnenbild und der unmittelbare Auf- und Abbau der Bühne vor Ort seien sehr zeitintensiv, so Bader, deshalb arbeite man bereits jetzt schon am Operettensommer für das Jahr 2023. Mit der Absage in diesem Jahr hat man bis zur letzten Sekunde gewartet. Anfang April sollten die Aufbauarbeiten am Bierer Berg beginnen aber zu diesem Zeitpunkt habe es wegen zu hoher Inzidenz-Werte „keine Perspektive für Open Air Veranstaltungen“ gegeben, erinnert sich Anita Bader. Die Kammerphilharmonie hatte damals schon eine abgespeckte Variante geplant. Vorgesehen war beispielsweise die Operette ohne Chor aufzuführen und mit weniger Zuschauern pro Veranstaltung durchzuführen, erzählt die Geschäftsführerin.

Im Jahr 2022 geht der Operettensommer weiter

Der Termin für den nächsten Operettensommer steht aber schon fest: Laut der Internetseite des Orchesters soll er vom 25. Juni bis 24. Juli 2022 auf dem Bierer Berg über die Bühne gehen. Aufgeführt werden soll die Operette „Die lustige Witwe“ von Franz Lehár, die eigentlich schon 2020 zu sehen sein sollte und bis jetzt zwei Mal verschoben werden musste.

Ersatzprogramm für Operetten-Fans

Für Operetten-Fans gebe es bis dahin aber einen Plan B als kleinen Ersatz, verspricht Anita Bader. Unter dem Motto „Freunde, das Leben ist lebenswert!“ im Rahmen von „Klänge im Raum “ werden ab dem 15. Juli an vier Konzertabenden beliebte Operetten- und Opern-Klassiker zu hören sein. Vorgetragen werden diese von Gesangssolisten, die beim Operettensommer im letzten und im diesen Jahr hätten auftreten sollten.

Susanne Reichel-Visontay, Betriebsratsvorsitzende des Orchesters der Mitteldeutschen Kammerphilharmonie.
Susanne Reichel-Visontay, Betriebsratsvorsitzende des Orchesters der Mitteldeutschen Kammerphilharmonie.
Foto: Robert Jentzsch

Finanzielle Lücke nach der Corona-Pause

Trotz der Aufbruchsstimmung beim Orchester, hat die Kammerphilharmonie wegen der Pandemie Umsatzeinbußen zu beklagen. Obwohl das Orchester, nach eigenen Angaben, vom Salzlandkreis, dem Land Sachsen-Anhalt, der Stadt Schönebeck und einigen Sponsoren gefördert wird, muss die Geschäftsführerin pro Jahr eine „höhere sechsstellige Summe“ erwirtschaften, um finanziell über die Runden zu kommen. „Ich brauche Umsatz, im Sinne von verkauften Karten“, so Bader. Damit die finanzielle Lücke geschlossen wird, bemüht sich die Philharmonie um Unterstützung durch verschiedene Förderprogramme, die für die Rettung der Kulturbranche ins Leben gerufen wurden. Die finanzielle Situation der Philharmonie verdirbt aber erstmal nicht Stimmung beim Orchester. „Wir sind voller Elan und voller Emotion“, fasst die Violinen-Spielerin Susanne Reichel-Visontay den Gemütszustand ihrer Ensemble-Kollegen wenige Tage vor dem ersten Konzert am 1. Juli zusammen.