Gnadau l Eigentlich wären Alwin Neum (75) und Heiko Rasch (46) ein Fall für die Volksstimme-Sammlerserie. Denn beide eint die gleiche Leidenschaft: Sie sammeln Reiser. So nennt man die kleinen Sprossstücke eines Obstbaumes, die auf einen Wildling gepfropft werden. Da das Edelreis die gleiche Erbinformation wie die Mutterpflanze enthält, tragen beide die gleichen Früchte. Für Menschen, die Äpfel und Birnen nur aus dem Supermarkt kennen, klingt das nach einem Buch mit sieben Siegeln. Doch noch vor 30, 40 Jahren veredelten viele Hobby-Gärtner ihre Bäume selbst. Heute machen das nur wenige Enthusiasten.

Halberstädter Seltenheit

Doch zurück zu den „Sammlern“. „Alwin hat in seinem Bestand heute rund 60 Apfel- und fast 30 Birnensorten“, erzählt Heiko Rasch aus Felgeleben. Vor allem seien das alte, selten gewordene Sorten, die in den vergangenen Jahrzehnten nahezu verschwanden. Man sei immer auf der Jagd, besonders Reiser alter Sorten zu finden, um Bäume nachzuziehen. „Heiko hatte mir einen Tipp gegeben, wo noch der sehr selten gewordene Halberstädter Jungfernapfel steht“, sagt Alwin Neum. Danach machte sich der 75-Jährige auf die Socken, um Edelreiser zu schneiden und damit den Hochstamm nachzuziehen, um ihn so der Nachwelt zu erhalten.

Alwin Neum hatte die acht Gnadauer Apfel- und Birnenbäumchen - allesamt Hochstämme - in seiner Baumschule in Langenweddingen gezogen. Sie tragen so klangvolle Namen wie Rheinischer Bohnapfel, Kaiser Wilhelm, Gräfin von Paris oder die Birne Köstliche aus Charneux. Allesamt Sorten, die vor dem Zweiten Weltkrieg am Ortsrand von Gnadau gepflanzt wurden. Heiko Rasch hatte sie zuvor bestimmt, ehe der Naturschutzbund im vergangenen Jahr die Bäume bei Alwin Neum orderte. So kam in den Boden, was unsere Vorfahren an dieser Stelle schon mal pflanzten. Ein gerüttelt Maß Konservatismus, wenn man so will. „Damit wurden sortengleiche Hochstämme gezogen, wie sie schon vor hundert Jahren in Gnadau in den Boden kamen“, sagt Heiko Rasch.

Nun ist ein Jahr vergangen und die jungen Obstbäumchen müssen „erzogen“ werden. Die beiden Obstbaumfachleute - der eine Profi, der andere ein sehr kompetenter Laie - nennen das „Erziehungsschnitt“. Der erfolge bis zum Baumalter von vier bis fünf Jahren, sagt Alwin Neum. Es gebe viele Möglichkeiten, junge Bäume zu erziehen. Das hänge von der gewünschten, zukünftigen Kronenform ab. In der anfänglichen Erziehungsphase gehe es darum, die Haupt-Gerüstäste möglichst kräftig werden zu lassen.

Schere ist Maß

„Sehen Sie“, zeigt Neum auf einen Seitentrieb, der parallel zum Haupttrieb munter gen Himmel wächst, „den nehme ich um eine Scherenlänge zurück.“ Dabei ist seine Gartenschere, die so oft benutzt wurde, dass ihr die Farbe abhanden gekommen ist, das Maß der Dinge.

Wurden die Bäume auf diese Weise für ihr weiteres Obstleben vorbereitet, würden später Erhaltungsschnitte ausreichen. Hier gelte die Faustregel, dass man eine Mütze durch den Baum werfen müssen könne. Soll heißen: Das Astwerk dürfe nicht zu dicht sein. Laut Alwin Neum, der einer alten Gärtnerei- und Öbsterfamilie entstammt - könne beim Baumschnitt so einiges falsch gemacht werden.

Würde zu viel geschnitten, könnte der Baum zur „Holzfabrik“ werden. Denn er versuche, sich ständig zu regenerieren, wenn die Schere zu viel angesetzt werde. Nach derartigen Hinweisen verwundert es nicht, dass zum Beispiel die Kurse im Umweltzentrum Ronney fast immer ausgebucht sind, wenn es um den Obstbaumschnitt geht.

Heiko Rasch hat noch einen Tipp parat. Wer einen optimalen Ertrag haben möchte, sollte sogenannte Spreizhölzer „einbauen“. Damit werden die Äste in eine waagerechte Lage gebracht. Denn Äste in Waage bilden bessere Fruchtstände aus. Und er gibt noch einen Rat: Spätestens Frühjahr sollten bei Obstgehölzen unbedingt Leimringe um die Stämme gewickelt werden, um Schadinsekten fernzuhalten. Auf diese Weise seien die Bäume über Monate geschützt. Leimringe hätten allerdings nur eine Wirkung bei der Bekämpfung von Schadinsekten wie Ameisen oder Frostspannern, denn die Weibchen dieser Gattung können nicht fliegen und müssen daher den Baum hinaufklettern, um ihre Eier abzulegen. Gegen Insekten, die fliegen können, böten die Leimringe dagegen keinen Schutz.

Nachpflanzungen nötig

Äpfel sind gesund. Sie enthalten viele Vitamine, Mineral- und Ballaststoffe und fast kein Fett. Da Äpfel zu 85 Prozent aus Wasser bestehen, sind sie zudem kalorienarm. Aber: Etwa vier Millionen Menschen in Deutschland sind allergisch gegen den Obstklassiker.

Was viele Apfelallergiker nicht wissen – oft ist die Allergie sortenabhängig. So führen Supermarktklassiker wie beispielsweise Jonagold und Granny Smith bei Allergikern häufiger zum unangenehmen Jucken. Sorten wie Boskoop, Gravensteiner und Finkenwerder Herbstprinz dagegen können oft ohne allergische Reaktion gegessen werden.

Früher gab es in unserer Region keinen Weg und keine Straße, die nicht von Obstbäumen gesäumt wurde. Heute sind sie zum Teil verschwunden oder am Ende ihres biologischen Alters. Nachpflanzungen gibt es an Straßen so gut wie gar nicht, an Feldwegen viel zu selten.

Hoffnungsvoll stimmt, dass die Gnadauer Initiative des Nabu offenbar Früchte trägt. Jetzt hat auch die Barbyer „Arbeitsgruppe Elbbrücke“ des Tourismusvereins die Pflanzung alter Obstsorten auf dem Hohen Werder in Barby angeschoben.