Staßfurt l Ich bin eine Frühaufsteherin. Damit habe ich schon öfter bei meinen Kollegen angegeben. Morgens fit aufstehen und definitiv kein Morgenmuffel dabei sein? Trifft definitiv auf mich zu! Trotzdem musste ich ganz schön schlucken, als mir Polizeioberkommissarin und Pressesprecherin Kathleen Gerike mitteilte, dass wir uns zu meinem Tag als Polizeiausbilderin bereits um 6.45 Uhr treffen. Zum Vergleich: Mein Arbeitsalltag bei der Volksstimme startet mit 9.30 Uhr relativ spät.

Ich habe meinen Führerschein erst im vergangenen Jahr gemacht, mit 25 Jahren. Wenn ich im Straßenverkehr ein Polizeiauto sehe, habe ich stets ein bisschen Angst, verhaftet zu werden. Dafür gibt es eigentlich keinen Grund – ich würde mich sogar als ziemlich verantwortungsvolle Autofahrerin bezeichnen. Wahrscheinlich interessiert mich aufgrund meines eigenen Respekts vor den Beamten der Polizeiberuf besonders. Wie läuft eine Kontrolle ab und was müssen sich Polizisten alles gefallen lassen? Frank Niklowitz kümmert sich um die Ausbildung angehender Polizisten in Sachsen-Anhalt. Ihn darf ich heute begleiten.

Alltag bei der Polizei

Zusammen mit den Polizeianwärtern und der Pressesprecherin Kathleen Gerike fahren wir an einen Kreisverkehr nach Staßfurt und wollen eine allgemeine Verkehrskontrolle durchführen. Während der Hinfahrt, die in Magdeburg beginnt, berichtet Kathleen Gerike von ihrem Alltag. Auf dem Weg zur Kontrollstelle kommen wir im Fahrzeug auf kuriose und gefährliche Situationen im Straßenverkehr zu sprechen. Ich erzähle ihr, wie ich am Wochenende einen Autofahrer in der Schlange vor einer roten Ampel beobachtet hatte, der plötzlich auf den Gehweg ausscherte, dort weiterfuhr, währenddessen mehrere Fahrzeuge überholte und die rote Ampel ignorierte.

Bilder

Ob Kathleen Gerike in diesem Moment die Verfolgung aufgenommen hätte, wenn sie privat mit ihrem Auto dahinter gestanden hätte? „Nein“, antwortet sie. „Privat würde ich natürlich nie hinter einem Auto herfahren.“ Im Dienst erfolgt die Abwägung zwischen der zu ahndenden Ordnungswidrigkeit, der Gefährdung von unbeteiligten Personen und nicht zuletzt der eigenen Sicherheit.“

Nicht auf Abzocke aus

Wir sind am Kreisverkehr angekommen. Bevor die Kontrolle beginnen kann, müssen sich die Beamten erst per Funk in der zentralen Dienststelle anmelden. „Grundsätzlich können wir Verkehrsteilnehmer, die zur Kontrolle gebeten werden, in vier Typen einteilen: Die Normalen, die Aufgeregten, die gewollt Witzigen und die Choleriker“ – und auf Letzteren müssen wir gar nicht lange warten.

Bereits beim zweiten Auto, das wir anhalten, springt eine Frau vom Beifahrersitz auf die Straße und flüchtet. „Ich muss hier weg“, kommentiert sie ihre Aktion, „sonst raste ich aus. Die Polizei will schon wieder Geld haben.“ Schulterzucken bei den Beamten. „Das kennen wir schon, trotzdem sind wir über solche Aktionen verwundert“, so Kathleen Gerike. Bürger sollen sich vor Augen halten, dass die Polizisten ihren Job machen – und nicht auf Abzocke aus sind, so das Credo der Beamten.

Außerdem sei eine Verkehrskontrolle optimal: Fehle zum Beispiel ein Warndreieck oder ein Erste-Hilfe-Kasten, kann der Kontrollierte rechtzeitig darauf aufmerksam gemacht werden, bevor er im Ernstfall darauf angewiesen ist und im schlimmsten Fall nicht weiß, wo sich diese (lebenswichtigen) Utensilien befinden.

Ruhig bleiben bei Kontrollen

Dort differenzieren die Polizisten nicht zwischen „keines dabei haben“ und „keines finden“. „Beides wäre im Ernstfall tragisch“, so Kathleen Gerike. Mittlerweile stehen drei Polizei-Anwärter um einen orange- leuchtendes Cabrio herum. Der winzige Kofferraum wird genau unter die Lupe genommen.

Nachdem sich die Kontrolle ein wenig in die Länge zieht, beginnt die junge Frau zu telefonieren: Sie hat ihren Führerschein erst seit wenigen Wochen und weiß nicht, wo ihr Warndreieck ist. Die Eltern: ratlos. Die Polizeianwärter: Wissen nicht mehr so richtig, wo sie suchen sollen. Wenige Minuten später die Entdeckung – oberhalb des Kofferraums. Die Frau nimmt den Vorfall erstaunlich gelassen. „Bei einer Verkehrskontrolle verhält man sich sowieso am besten ruhig und besonnen“, weiß Polizeioberkommissarin Kathleen Gerike.

Daten werden geschickt

Verkehrskontrollen haben immer eine ähnliche Struktur. Ausbilder Frank Niklowitz setzt einen der Polizeidienstanwärter ein, um die Autos anzuhalten – zwei andere kontrollieren das Fahrzeug. Er hat die Azubis in zwei Gruppen eingeteilt und immer im Ohr, was gerade für Anweisungen gegeben werden oder was passiert. „Wichtig ist, dass die Beamten einen Rückzugsort – in diesem Fall das Polizeiauto – haben, wo sie die Vorkommnisse besprechen können, ohne, dass der Bürger mithört“, so Niklowitz. Grundlegend werden bei der Kontrolle per Funk zunächst die Führerschein- und Fahrzeugdaten überprüft, zum Beispiel die Gültigkeit.

Im Polizeifahrzeug werden schließlich die Daten abgeglichen und zur Zentrale geschickt. Ob es Konsequenzen habe, wenn ein Fahrer den kontrollierenden Polizisten (absichtlich) ignoriere? Das passiere relativ selten, erzählt Niklowitz: „Meistens ist in so einem Fall der Kontrollpunkt schlecht gewählt.“ Bei einem mutwilligen Vorbeifahren wird das Nummernschild erfasst und es folgt ein Ordnungsgeld.

Alle Azubis sind laut Frank Niklowitz bestrebt, richtig mitzumachen. Beim nächsten Fahrzeug ist diese Motivation auch nötig: Die Polizeianwärter halten ein getuntes (baulich stark verändertes) Fahrzeug an. Auf dem Heck ist ein Anbau (Spoiler) angebracht, die Reifen wurden verändert, das Auto wurde außerdem tiefergelegt.

Lässiger Fahrer

Der Fahrer kann sich ein Grinsen nicht verkneifen: „Der wird bestimmt einmal pro Woche kontrolliert“, kommentiert Frank Niklowitz das Geschehen. Lässig stellt sich der Fahrer neben die Beamten, zeigt seine geforderten Dokumente und beginnt, eine von vielen Zigaretten zu rauchen.

Jetzt beginnt für die Polizeianwärter der anstrengende Teil: Jede bauliche Veränderung muss in den Fahrzeugpapieren eingetragen und vom Technischer Überwachungsverein (TÜV) zugelassen worden sein. Ist das nicht der Fall, droht ein Bußgeld oder eine Aufforderung, die Veränderungen rückgängig zu machen. Nachdem die Kontrolle über eine Stunde dauert, rät Frank Niklowitz seinen Schülern dazu, „langsam zum Ende zu kommen“. In diesem Fall ging alles in Ordnung: Der Mann darf weiterfahren. Dass zwischenzeitlich diverse Schaulustige zu uns kommen, sei übrigens keine Seltenheit. „Besonders ältere Menschen gucken zweimal hin und fragen uns dann, ob sie hier parken können oder ob etwas passiert sei“, erzählt Kathleen Gerike. Es dauert nicht lange, bis uns tatsächlich erste Passanten ansprechen. „Für die sind wir noch der klassische Freund und Helfer.“

Auch die Tageszeit spielt eine Rolle bei Verkehrskontrollen. „Fährt jemand nachts bei komplett leeren Straßen auffällig, kann sich diese Person sicher sein, dass sie angehalten wird“, erzählt Kathleen Gerike. Ich hätte getippt, dass zum Beispiel Alkoholfahrten fast ausschließlich nachts stattfinden, aber weit gefehlt: Die Beamten haben auch schon kräftige Promillewerte beim Kontrollierten festgestellt, während dieser auf dem Weg zur Arbeit frühmorgens angehalten wurde.

Kurze Verfolgungsjagd

Bevor mein Tag endet, werde ich noch Zeugin einer seltsamen Begebenheit. Ich stehe mit meinen heutigen Begleitern am Polizeiauto und wir sind vollkommen in unser Gespräch vertieft. Kurze Zeit später soll es mit der nächsten Verkehrskontrolle weitergehen. Eigentlich ...

Zwei Auszubildende gehen in Richtung Kreisverkehr, bevor einer von ihnen nach wenigen Minuten zurückkommt. „Wo ist unsere Nissenleuchte?“, will er wissen. „Keine Ahnung“, antwortet Niklowitz, „wir dachten, die wäre bei euch.“ Für einige Minuten wird es hektisch, die Nissenleuchte wird vergeblich gesucht. Ein Rentner, welcher in der Nähe des Kreisels spazieren geht, ist uns einen Schritt voraus: „Die hat eben ein Radfahrer mitgenommen. Er fuhr hier schon zwei-, dreimal herum, guckte, und als er sich unbeobachtet gefühlt hat, griff er zu.“

Der Mann weiß auch, welchen Fluchtweg der Dieb genommen hat – und ehe ich mich versehe, sitzen wir im Polizeiauto und versuchen, das Diebesgut zurückzuholen – oder zumindest den Langfinger zu erwischen. Aber keine Chance: „Der kann sonst wo sein“, kommentiert Kathleen Gerike unsere kleine Verfolgungsjagd. Um solchen Situationen gewappnet zu sein, ist in der Polizeiausbildung unter anderem ein Fahrsicherheitstraining vorgesehen. „Ich nehme an, dass er sich in Staßfurt bestens auskennt und irgendeinen Schleichweg genommen hat“, ergänzt sie. Als wir wieder zu den anderen zurückkehren, muss Niklowitz schmunzeln. „Sowas haben selbst wir noch nicht erlebt – einfach mal die Polizei beklaut.“ Der entstandene Schaden beläuft sich auf knapp 100 Euro. Nach sieben Stunden ist mein Tag bei der Polizei beendet.