Schönebeck l Nur zwei Prozent der kleinen Kügelchen, die aktuell in einer der Spritzgußmaschinen des Schönebecker Automobilzulieferers Formen- und Werkzeugbau gegossen werden, sind blau. 98 Prozent des medizinisch zugelassenen Prolypropylens sind farblos. Dennoch erstrahlt der fertig gegossene Bügel in leuchtendem blau. Doch warum produziert ein Unternehmen, das eigentlich durchweg schwarze Baugruppen unter anderem für die Motor- und Batteriekühlung von Fahrzeugen zuliefert, auf einmal blaue Bügel und dann auch noch aus medizinisch zugelassenem Material?

Mit der Corona-Krise ist auch die Wirtschaft eingebrochen. Der Handel ist zurückgegangen – auch in der Automobilindustrie. Zeitweise kam die Produktion bei Autoherstellern wochenweise komplett zum Erliegen. Das wirkt sich natürlich auch auf die Unternehmen aus, die Bauteile für die Herstellung von Fahrzeugen produzieren. Und so ging auch die Nachfrage nach den Baugruppen beim Schönebecker Unternehmen Formen- und Werkzeugbau zurück. Das berichtet Geschäftsführer Peter Liensdorf.

Bügel für Gesichtsvisiere

Neue Abnehmer mussten her und was ist aktuell gefragter auf dem Markt als, Schutzprodukte – gerade für den medizinischen Bereich? „Die Norma Group aus Frankfurt am Main, ein Unternehmen für Verbindungstechnik, mit dem wir schon lange zusammengearbeiten, hatte vor einigen Wochen angefragt, ob wir die Bügel für Gesichtsvisiere herstellen können“, erzählt Peter Liensdorf, wie es letztlich zur Produktion der blauen Bügel kam. Kurzfristig musste dieser Auftrag umgesetzt werden. Am Gründonnerstag erreichte das Schönebecker Unternehmen die Vorgaben für die Bügel. Drei Bügelmodelle aus dem 3D-Drucker hatte die Firma aus Schönebeck dafür von der Uniklinik Frankfurt am Main, Kooperationspartner in der Entwicklung der Gesichtsvisiere der Norma Group, erhalten.

Bilder

„Über die Ostertage hat ein Mitarbeiter das Design der Bügel für die Gesichtsvisiere dann am Computer umgesetzt“, berichtet Peter Liensdorf. Denn 3D-Drucker kommen in dem Schönebecker Unternehmen nicht zum Einsatz. Diese Drucker schaffen nämlich nur wenige Bügel am Tag. In Schönebeck hingegen werden aktuell in einer Schicht 1000 Bügel für die Gesichtsvisiere produziert – mittels Spritzgießen unter Druck.

Form wird am Computer entwickelt

Doch für dieses Verfahren bedarf es zunächst eines sogenannten Werkzeuges, also der Form, in die das medizinische Prolypropylen, ein thermoplastischer Kunststoff, später gegossen wird. Am Freitag nach Ostern war ein solches erstes Werkzeug auf Grundlage des Computermodells schließlich angefertigt. Und genau mit diesem sogenannten Bruttowerkzeug werden im Schönebecker Industriegebiet Grundweg, in dem sich das Firmengelände des Unternehmens befindet, aktuell 1000 Bügel pro Schicht für die Gesichtsvisiere hergestellt – und an den Vertragspartner Norma Group geliefert.

Erst dort werden die Bügel dann mit den durchsichtigen Schutzfolien, die das Frankfurter Unternehmen ebenfalls einkauft, versehen. Der Vertrieb der Gesichtsvisiere laufe dann über die Norma Group.

Große Resonanz auf Gesichtsvisiere

Dass die Resonanz auf die Gesichtsvisiere – insbesondere im medizinischen Bereich – groß sei, weiß Formen- und Werkzeugbau-Geschäftsführer Peter Liensdorf aber. Denn er stehe in regelmäßigem Austausch mit dem Unternehmen aus Frankfurt. Deshalb werden für die Herstellung auch nur medizinisch zugelassene Materialien verwendet. Denn so können die Bügel gründlich desinfiziert werden. Die Folien sind für den einmaligen Gebrauch gedacht.

Wegen des hohen Bedarfs gilt für das Schönebecker Unternehmen nun, so viele Bügel wie möglich herzustellen. Um entsprechend mehr als die aktuell 1000 Bügel pro Schicht zu produzieren, arbeitet das Unternehmen derzeit an einem sogenannten Zwei-Fach-Serienwerkzeug. „Dann können wir 2000 Bügel pro Schicht produzieren“, sagt Peter Liensdorf.

Zulieferbedarf läuft langsam an

Auch zertifiziert werden soll das Gesichtsvisier, das zumindest teils sozusagen „Made in Schönebeck“ ist. Konkret als PSA-Produkt, also ein solches des Bereichs Persönliche Schutzausrüstung.

Was die Produktion von Bauteilen für die Automobilindustrie angeht, dem eigentlichen Geschäft des Schönebecker Unternehmens, berichtet Peter Liensdorf: „Aufträge kommen aufgrund von Corona nur schleppend rein. Ehe die gesamte Automobilindustrie wieder richtig anläuft, werden noch einige Wochen ins Land gehen.“

Doch selbst wenn sich der Bereich Zulieferung für die Automobilindustrie wieder normalisiert, will die Firma die Bügel weiter produzieren „je nach Bedarf“, sagt der Geschäftsführer. Aktuell sei dieser aber definitiv vorhanden. Eine von vielen Bestellungen umfasst allein 50 000 Gesichtsvisiere.