Calbe l Einstimmig hat sich nach den Worten von Pfarrer Jürgen Kohtz der Gemeindekirchenrat dafür ausgesprochen, die „Judensau“ nicht wieder an die Nordseite der Stephanikirche anzubringen. In den vergangenen Monaten waren die sogenannten Chimären an der Nordseite abgenommen worden, um sie zu restaurieren. Dafür hatte die Kirchengemeinde Geld vom Land erhalten.

Während der Restaurierungsarbeiten habe es in der Kirchengemeinde eine Diskussion darüber gegeben, wie die Kirche mit der Skulptur umgeht, sagt Pfarrer Jürgen Kohtz. Dabei habe sich die Meinung durchgesetzt, dass die Figur nicht wieder eingebaut werden soll. „Das geht nicht. Das ist eine Beleidigung anderer Menschen“, rechtfertigt der Pfarrer die Entscheidung. Getragen werde sie von der Landeskirche, sagt er.

Wenn es die Kirche ernst damit meine, andere Religionen zu respektieren und akzeptieren, gehöre so eine Skulptur nicht an eine Kirche, sagt er. Die Kirche im Zentrum der Stadt sei ein Versammlungsort für die Menschen. Dort könne so eine Figur, die andere Menschen anderen Glaubens beleidigt, nicht angebracht werden. Auch eine Tafel, wie an der Kirche in Wittenberg angebracht ist, hält der Pfarrer nicht für ausreichend. Durch eine Tafel ändere sich nichts an der Beleidigung anderer Menschen, sagt er.

Mittelalteriche Skulpturen

Im Hochmittelalter entstanden die Skulpturen. An wenigen Kirchen sind sie bis heute zum Teil sichtbar. Auch Calbe gehörte bislang dazu. Bislang glaubten die Kirchenmitglieder, dass die Figur aus dem 15. Jahrhundert stammt. Aus der Zeit der Reformation stammen eine Reihe der Figuren, die heute noch an Kirchen sichtbar sind.

In Calbe gab es während der Restaurierungsarbeiten an der „Judensau“ nun eine Überraschung, erklärt Jürgen Kohtz. Die Skulptur sei auf das Jahr 1866 datiert worden, schildert er. Damit sei die Darstellung nicht annähernd so alt, wie bislang vermutet. Außerdem werfe die neue Datierung nun sehr viele Fragen auf, sagt er weiter. In einem Projekt wollen er und der Gemeindekirchenrat mehr Informationen darüber sammeln, warum die Skulptur damals an die Kirche kam und ob es vielleicht zuvor bereits eine Darstellung gegeben hat. Unterlagen in den Archiven sollen dazu vor allem gesichtet und ausgewertet werden.

Doch zunächst stehen in der jüngeren Zukunft zunächst Gespräche mit der Denkmalschutzbehörde der Kreisverwaltung sowie mit den Fachleuten für den Denkmalschutz auf Landesseite an, sagt er weiter. Die Entscheidung, die Figur nicht mehr einzubauen, habe die Kirchengemeinde ohne die Zustimmung des Denkmalschutzes getroffen, erklärt er. Nun müsse die Kirche mit der Behörde reden, um eine Genehmigung zu erhalten. Das Gotteshaus steht unter Denkmalschutz. Jede Veränderung muss der Behörde angezeigt werden. Der Pfarrer drückt seine Hoffnung aus, dass er zusammen mit dem Gemeindekirchenrat die Denkmalschützer von der Richtigkeit der Entscheidung überzeugen könne.

Er halte es für falsch, diese Figur wieder außen sichtbar darzustellen. „Das beleidigt die Menschen jüdischen Glaubens auch heute noch“, begründet er.

Sanierung aus öffentlicher hand bezahlt

Gespräche wird es ebenso mit der Landesregierung geben müssen, weiß er zu erzählen. Denn aus den Denkmalmitteln des Landes wurde die Sanierung der Chimären finanziert. Auch die Sanierung der „Judensau“ ist von der öffentlichen Hand bezahlt worden, bestätigt er. Ob die Kirchengemeinde das Geld dafür nun zurückzahlen muss, wenn die Figur nicht mehr an der Kirchenwand befestigt wird, sei offen, sagt er.

Ganz verschwinden soll die Figur aber nicht. Sie könnte in Zukunft in der Kirche mit einer entsprechenden Erklärung zur Entstehung und der Geschichte zu sehen sein. Doch noch gebe es viele Fragen um die Figur und vor allem das späte Datum ihrer Entstehung. Diese Fragen müssten zunächst erst einmal geklärt werden, bis darüber eine Entscheidung getroffen werden könne, wie die Skulptur in Zukunft gezeigt werde.