Unfalltod

Roger Boehlecke aus Schönebeck stirbt bei einem Fahrradunfall - vier Freunde organisieren Beerdigung

Nach einem tragischen Unfall auf der Friedrichstraße verstarb ein 48-jähriger Schönebecker in der Uni-Klinik Magdeburg. Der Tote hat allerdings keine Angehörigen, die die Beerdigung organisieren. Vier Freundinnen des Schönebeckers nehmen nun das Heft in die Hand. Sie ernten dafür nicht nur positive Rückmeldungen.

Von Andre Schneider
Susann Hidalgo (von links), Jessica Damaschke, Mandy Pitsch und Anika Weiß organisieren die Beerdigung von Roger Boehlecke.
Susann Hidalgo (von links), Jessica Damaschke, Mandy Pitsch und Anika Weiß organisieren die Beerdigung von Roger Boehlecke. Foto: Andre Schneider

Schönebeck - Die Stimmung liegt irgendwo zwischen tiefer Trauer und Glücksmomenten. Glücksmomente blitzen immer dann auf, wenn die vier Freundinnen in einem Wohnzimmer am Rande Bad Salzelmens an ihn denken. An ihn, das ist ihr guter Freund Roger Boehlecke. Er starb an den Folgen eines Verkehrsunfalls in der Friedrichstraße.

„Er war ein herzensguter Mensch“ erinnert sich Jessica Damaschke. Tränen fließen. Nicht nur bei ihr. „Roger war offen und ehrlich, hat immer seine eigene Meinung vertreten ohne dabei andere zu verlezten“, fasst die junge Frau zusammen. Sie wirkt gefasst und ringt zugleich nach Worten, während sie über Roger Boehlecke spricht. Ihren Roger. Ihren guten Freund. „Ein echter Teddybär“, wie Mandy Pitsch hinzufügt.

Ein kurzer Glücksmoment

Das zaubert den Vieren ein Lächeln ins Gesicht. Da ist er, einer dieser kurzen Glücksmomente, wenn sie an die Zeit mit Roger Boehlecke denken. Als „lustig und herzensgut“ beschreibt ihn Susann Hidalgo. „Er hat aus allem Schlechten das Positive herausgefunden“, fügt Anika Weiß hinzu. „Eigentlich hätte er Streetworker werden müssen“, sagt Hidalgo. Die vier Freundinnen lachen.

Roger Boehlecke ist an diesem Tag nicht mehr unter ihnen, in dem kleinen Wohnzimmer. Er ist nur noch auf Bildern präsent – und natürlich in den Herzen der vier Frauen, die allesamt eine enge Freundschaft mit dem Schönebecker verband.

Schrecklicher Unfall mit dem Fahrrad

Boehlecke ist tot. Am 20. Mai ereignete sich auf der Friedrichstraße ein schrecklicher Unfall. Die Polizei des Salzlandkreises vermeldete, dass ein 48-jähriger Fahrer eines E-Bikes bei einem Verkehrsunfall schwer verletzt worden sei. Der Radfahrer war auf dem Radweg der Friedrichstraße in Richtung Ruth-Lübschütz-Platz unterwegs. Ein Lkw befand sich auf der Friedrichstraße in gleicher Fahrtrichtung, aus Richtung Bahnbrückental kommend. Als der Lkw mit dem Abbiegen in Richtung Am Stadtfeld begann, übersah er den Radfahrer. Der wiederum versuchte noch auszuweichen, wurde aber im Bereich des vorderen Stoßfängers erfasst und zum Teil überrollt. Das E-Bike war komplett zerstört.

Der Radfahrer war Roger Boehlecke. Schwerverletzt kam er ins Universitäts-Klinikum Magdeburg. Eine Woche lang kämpfte er ums Überleben. Der so lebens- und unternehmungslustige Mann verlor den Kampf gegen die Folgen des schweren Unfalls.

Spike findet neues Zuhause

Ein anderer Kampf begann. Boehlecke lebte allein. Nur sein treuer Begleiter, sein Hund Spike, war immer an seiner Seite. So auch bei jener folgenschweren Fahrradtour. Während Spike schnell bei einem Bekannten unterkam, begann für Susann Hidalgo, Jessica Damaschke, Mandy Pitsch und Anika Weiß viel organisatorische Arbeit.

„Wir sind es ihm einfach schuldig“, meint Hidalgo. Sie spricht damit die letzte Ehre für Roger Boehlecke an. „Irgendeiner muss das doch in die Hand nehmen.“ Die vier Frauen zögern nicht lange. Ohne sie, so viel ist sicher, würde der mit 48 Jahren viel zu früh verstorbene anonym bestattet werden. „Niemand“, so sagt Damaschke, „könnte dann von ihm Abschied nehmen“. Die vier Frauen wollen ihm einen würdigen Abschied bereiten.

Wie ein Lauffeuer

Andernorts machte die Nachricht von dem schweren Unfall und dem Tod wie ein Lauffeuer die Runde. Im sozialen Netzwerk Facebook tauchten viele Kommentare auf. Die meisten sprachen den Freunden Kraft und Mut zu. Aber immer wieder tauchen auch gehässige Bemerkungen auf. Die Gruppe geht daraufhin in die Offensive, veröffentlicht Details und wirbt um Verständnis. Die meisten dieser Kommentare hören auf. Bisher.

Unsägliches passiert an der Unfallstelle: Eine Gruppe hatte dort einen kleinen Gedenkort für den verstorbenen Freund eingerichtet. Doch die Kerzen bleiben nicht einmal drei Stunden an Ort und Stelle. Plötzlich sind sie weg. Auch das löst bei Facebook viele Reaktionen aus. Die meisten bleiben in diesem Fall so, wie man sie erwartet: von entrüstet über traurig bis hin zu weiteren Beileidsbekundungen.

Treuhandkonto eingerichtet

Beim Todesfall von Roger Boelecke bleibt es nicht nur bei Kommentaren in sozialen Netzwerken oder Lippenbekenntnissen. Während die vier Freundinnen zusammensitzen, sind die Vorbereitungen für eine würdevolle Trauerfeier unlängst gestartet.

Am Montag ist ein Treuhandkonto bei der Sparkasse eröffnet worden. „Die Bank überwacht alle Kontobewegungen“, erklärt Susann Hidalgo und fügt hinzu: „Wir machen das nicht für uns, sondern für unseren Freund.“

Denn der fehlt. Der Freund, der immer für andere da war. Sein Lachen fehlt. „Er hat wie Ernie aus der Sesamstraße gelacht“, erinnert sich Mandy Pitsch. Da ist er wieder, einer dieser kurzen Glücksmomente. Einer, der den vier Frauen das Lachen zurück ins Gesicht bringt. Roger Boehlecke sorgt auch nach seinem Tod für diese kurzen Lichtblicke. Für seine Freunde war er eben ein ganz besonderer Mensch.

Kontaktdaten

Die Beerdigung soll am 19. Juni in Schönebeckstattfinden. Wer unterstützen möchte, hier der Kontakt: jessicadamaschke@yahoo.de

Hilfe bei Bestattungen

Im Todesfall kommen zunächst die nächsten Angehörigen (In der Reihenfolge: Ehepartner, Kinder, Enkel, Eltern, Großeltern, Geschwister) für die Bestattungskosten auf. Mögliche Erben können ebenfalls zur Kasse gebeten werden.

Findet sich niemand, können Freunde oder Bekannte Organisation und Kosten vollständig übernehmen.

Sollte niemand für die Organisation aufkommen können, kommt der Staat für eine einfache Bestattung auf. Zuständig ist die Behörde, auf dessen Gebiet der Tod eingetreten ist.

In Schönebeck und Umgebung kümmert sich der Salzlandkreis um Bestattungen und bearbeitet Anträge.

Wem es, so heißt es im Sozialgesetzbuch, aus finanziellen Gründen unzumutbar ist, eine Beerdigung zu bezahlen, kann Kostenübernahmen beantragen.

Die Behörde übernimmt nur „erforderliche“ Kosten. Dazu gehören Leichenschau, Ausstellung Totenschein, Sterbeurkunde, Waschen und Ankleiden der Leiche, Kühlzellen- und Lagerungsgebühren, Kleidung, Totenhemd und Deckengarnitur

sowie Einsargen, Überführung zum Krematorium und Krematoriumsgebühren, Sarg/Urne in einfacher Ausfertigung, Leichenbeförderung, eventuell Überführungskosten, Sarg- bzw. Urnenträger.

Nicht dazu gehören: Trauerkleidung von Angehörigen, Bewirtung der Trauergäste, Reisekosten, Todesanzeigen und Danksagungen, laufenden Grabpflege, Fotos, Kondolenzmappen, Dienstleistungen eines Trauerredners oder Geistlichen.

Quellen: Salzlandkreis und Sozialgesetzbuch

Kommentar von Andre Schneider: „Irgendwann“ ist es zu spät

Solche Freunde kann man sich wirklich wünschen! Sie helfen dem Opfer eines schweren Verkehrsunfalls in dessen schwerster Stunde und weit darüber hinaus. Alle Trauer und die gemischten Gefühlslagen müssen für den Kampf im Antrags- und Behördendschungel Pause machen. Die vier Frauen beweisen Mut und geben dem Toten eine Stimme. Sie setzen um, was er selbst nicht mehr kann. Schlussendlich springen auch sie finanziell ein, sollte die erforderliche Summe für die Beerdigung nicht zusammenkommen. Das ist mehr als respektabel.

Respekt gebührt auch dem Bestattungshaus Abramowski aus Gommern, das ohne zu zögern mit fachlicher Beratung und der einen oder anderen Aufmunterung zur Tat schreitet und hilft.

Daran sollten sich andere ein Beispiel nehmen. All jene, die pietätlos in „asozialen“ Netzwerken kommentieren oder – was noch schlimmer ist – rasch eingerichtete Gedenkstätten gedankenlos plündern. Schämt euch!

Aber der Tod des 48-Jährigen Schönebeckers zeigt noch etwas ganz anderes: Das Leben ist zu kurz für das berühmte „später“ oder „irgendwann“. Jeder einzelne Moment ist wertvoll. Früher oder später ist das Leben vorbei. Zwei Dinge gelten: Treffen Sie Vorsorge und regeln Sie die Dinge für den Moment, an dem es vorbei geht. Was aber noch viel wichtiger ist: Genießen Sie jeden einzelnen Augenblick, jeden Tag aufs Neue. „Später“ oder „irgendwann“ ist es zu spät.