Calbe l Das vom Hochwasser 2013 in Mitleidenschaft gezogene Überfallwehr erfährt gegenwärtig eine umfangreiche Verjüngungskur. Hier wurden auf der gesamten Breite Spundbohlen gerammt, die zwischen 3,60 und 5,60 Meter in den Grund ragen. Dabei machten die Bauleute eine unangenehme Erfahrung, mit der man allerdings im eiszeitlichen Gebiet zwischen Elbe und Saale immer rechnen muss.

Ein tonnenschwerer Findling versperrte den Spundbohlen ihren Weg in die Tiefe. „Der lag etwa vier Meter unter dem Wehr“, erzählt Tiefbauer Roland Jacob. „Wir hatten ziemlich unser Tun, um den mit der Baggerschaufel zu bergen.“ Zuvor hatten die Männer der thüringer Spezialbaufirma den Widerstand beim „Vorbohren“ bemerkt. Soll heißen: Bevor die stählernen Spundbohlen erschütterungsfrei gepresst werden, wird der Baugrund auf diese Weise vorbereitet.

Am Rande der Baustelle liegt ein mächtiger Holzberg. Es sind Eichenbohlen, die unsere Vorfahren vor knapp 150 Jahren einbrachten. Wie Roland Jacob sagt, waren die Hölzer sowohl vertikal wie auch horizontal eingebaut worden und erfüllten die gleiche Funktion, wie heute eine Spundwand.

In vielen Gebieten mit ausgedehnten Flussablagerungen ist der Baugrund oftmals nur wenig belastbar. In diesen Fällen muss die Tragbarkeit des Bodens verbessert werden. Dazu wurden Bauwerke wie Kirchen, Türme oder eben auch Wehre bereits vor Jahrhunderten auf Eichenhölzern gegründet. Der Luftabschluss im Erdreich und unter Wasser verhinderte eine Zersetzung des Holzes. So sind die Calbenser Wehrhölzer - abgesehen davon, dass sie beim Herausziehen vom Bagger ziemlich zerfetzt wurden - in gutem Zustand.

Wehr um 1870 erbaut

Das feste Wehr, wie wir es heute kennen, wurde um 1870 erbaut. Es ist insgesamt 151 Meter lang. 1956 erfolgte dessen Erhöhung, mit dem Bau des Buchtenkraftwerks in den 1990er Jahren eine Modernisierung. Auf dem Wehrkörper befindet sich eine bewegliche Metallklappe, um den Wasserstau um etwa 40 Zentimeter zu erhöhen. Diese gehört einem Wasserkraftbetreiber und wird auch von ihm betrieben. Die Anlage ist computergesteuert.

Am Wehrfuß wird die neue Betonplatte in zwei Bauabschnitten hergestellt. Sie ist armiert, also mit reichlich Eisen versehen. Was bei dem Vorgängerbeton nicht so gewesen sein soll, wie Tiefbauer Roland Jacob sagt.

Der Fluss wird bei Calbe künstlich in drei Arme aufgeteilt. Der östlichste von ihnen ist der Schleusengraben. Er dient der Schifffahrt, hier ist die Saaleschleuse. Der mittlere Arm ist die eigentliche Stromsaale, die durch das 151 Meter lange Wehr aufgestaut wird. Ursprünglich sicherte es nur den optimalen Wasserstand in der alten und neuen Schleuse. Später kamen die Energieerzeugung für die Papier- und Getreidemühle sowie das jetzige Buchtenkraftwerk hinzu. Dritter Arm ist der Mühlgraben, der ebenfalls der Energieerzeugung dient und an der Grünen Lunge wieder in die Stromsaale mündet.

Wassermühlen

Die ersten Calbenser Wassermühlen wurden bereits im 12. Jahrhundert erwähnt. Die Saale bildete eine wichtige Handelsstraße von Nord nach Süd und förderte so die Entwicklung der Stadt. 1366 entstand die erste Holzschleuse auf dem Mönchsheger. 1503 wurde mit Hilfe der Einwohner ein Wehr - der sogenannte Damm - in der Saale errichtet. Der Mühlgraben, der oberhalb des Wehrs abzweigt, bildete einen Hafen, in dem Ende des 16. Jahrhunderts über hundert Handelsschiffe angelegt haben sollen. Hauptsächlich brachten sie Feuerholz für das Staßfurter Salzwerk. Als Holz- und Kohlenplatz existierte diese Anlegestelle bis ins 20. Jahrhundert.

Mit dem ersten Rammschlag am 10. August 2017 begann die Grundinstandsetzung des Wehres am Saalekilometer 20,1. Ende des Jahres sollen die Arbeiten abgeschlossen sein, die das Wasser- und Schifffahrts-amt in Auftrag gegeben hat.