Grube Alfred l Die Sonne hat sich von den dicken dunklen Wolken verdrängen lassen. Eben wärmten ihre Strahlen noch, nun zeigt sich der Himmel trüb. Immer wieder fängt es an zu nieseln. Dazu ein kräftiger Wind. Es wird ungemütlich. Die 333 „Besucher“ der Fläche von Grube Alfred zwischen Barby und Calbe stört das nicht: Holger Pilz, seine Hunde Betty und Alma sowie 330 Schafe. Genauer gesagt vier Böcke und 326 Mutterschafe. Holger Pilz nennt sie augenzwinkernd „meine Mädels, die auch zickig sein können“.

Der 54-Jährige ist Schäfer. Gefühlt schon immer. Er kommt aus einer Schäferfamilie, erzählt der Wahl-Schönebecker, der im Mansfelder Land aufgewachsen ist.

Der Regen peitscht ins Gesicht

Dass der Wind, teils vermischt mit Regen, ins Gesicht peitscht, stört ihn nicht. Er lässt seinen Blick über die Wiese streifen, die seine Tiere gerade „übernommen“ haben. Mehr Zufriedenheit geht nicht – auf beiden Seiten. „Schauen Sie mal. Etwas Besseres kann einem Schäfer nicht passieren. Alle Schafe stehen wie Sterne am Himmel auf der Wiese verteilt und fressen ruhig.“

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Holger Pilz ist im Auftrag von Simon Fischer unterwegs. Der 24-Jährige hat vor gut anderthalb Jahren von seinem Vater den Landwirtschaftsbetrieb in Welsleben übernommen. Zu den Mehrino-Fleischschafen ist er eher durch Zufall gekommen. „Ein Überbleibsel einer anderen Agrargenossenschaft“, erzählt er. In Zeiten von Artenrückgang und Insektensterben ist die Schafhaltung für ihn ein guter Beitrag zum Naturschutz, zum Erhalt der Artenvielfalt. Somit sagte er Ja zu Schafen, Schafstall, Schäfer und Flächen. Ganz traditionell: Der Schäfer führt seine Herde übers Land und lässt sie auf Flächen weiden, auf denen diese Landschaftspflege passieren soll. Das Grünland sind Ausgleichsflächen oder Flächen, auf denen ein Ackerbau nicht möglich ist.

Dieser Tage waren Holger Pilz und seine Schafe auf Flächen um den Seehof zwischen Barby und Calbe anzutreffen. „Wir sind mit Biotope betraut, die aufgrund ihres Pflanzenvorkommens besonders gepflegt werden sollen“, erklärt er. Das Entscheidende sei der Verbiss der Schafe. Sie fressen die Pflanzen sehr tief ab und sie selektieren dabei. So bleiben kurze und lange Gräser stehen. Ideal für Insekten. „Die Schafe fressen keine bitteren Kräuter wie zum Beispiel Kugeldisteln. Sie lieben aber süße Gräser wie Weidegras oder Klee“, beobachtet Holger Pilz bei seinen Schäfchen immer wieder. Zudem hinterlassen sie einen nährstoffreichen Dung. Gut, um Insektenarten wie Dungkäfer oder Fliegen zu fördern. Auch ihr „goldener Tritt“ ist einzigartig. Durch die Trittbelastung entstehen kleinräumige Vertiefungen, die wiederum Lebensraum für Amphibien bieten. Gäbe es die Schäfereien nicht mehr, hätte das fatale Folgen für Trocken- und Halbtrockenrasen, Heiden und Almen und die dort Tiere, die dort vorkommen.

Die Bäuche werden runder

Gemütlich fressen die Schafe vor sich her. Ihre Bäuche werden immer runder. Schäfer Pilz freut es. So soll es sein ... Während sich 330 über die Wiese futtern, laufen zwei ruhelos hin und her. Die Hütehunde. Die neunjährige Betty ist der sogenannte Halbenhund, der überwiegend selbständig arbeitet. Als Beihund ist dieses Mal die dreijährige Alma dabei. Sie laufen, während die Schafe auf einer abgesteckten Fläche weiden, die Grenzen ab, die der Schäfer für seine Schützlinge vorgesehen hat. Gut fünf, sechs Stunden bleiben die Schafe auf einem Weideabschnitt. Und die Hunde pendeln in dieser Zeit immer hin und her und achten darauf, dass kein Schaf das vom Schäfer durch Pfähle und Schneisen gekennzeichnete Areal verlässt. „Sie legen gut und gern 50 Kilometer zurück“, schätzt Holger Pilz ein.

Kommt ein Schaf doch einmal vom rechten Weg ab, eilen die Hunde herbei. Die Schafe gehen zurück. Eigentlich. Wenn nicht, gibt es einen leichten Biss in die Keule. Spätestens dann sei der Respekt da, sagt Holger Pilz.

Er schwört auf Altdeutsche Gelbbacken. Das sei die älteste Hüterasse. Die Tiere seien wesensstark, gehorsam, hätten keine Angst und könnten gut mit Hitze umgehen. Er züchtet sie selbst und bringt ihnen bei, was sie für ihre Arbeit wissen müssen. Damit das Zweier-Team alle drei Tage wechseln kann, hat er derzeit fünf Hunde.

Wie entstand der Berufswunsch?

Warum er gerade diesen Beruf ausübt? Holger Pilz zuckt mit den Schultern. „Nennen Sie es Berufung oder dass ich dazu geboren bin“, sucht er nach einer Erklärung. Es liege wohl an den familiären Wurzeln. Alles Schäfer. Und so stand sein Berufswunsch schnell fest. In Wettin bei Halle hat er die Berufsschule für Schäfer besucht, 150, 200 Lehrlinge aus der ganzen Republik seien sie pro Durchgang gewesen. Durch eine Stellenanzeige, die seine Schwiegermutter gelesen hat, ist er 1986 nach Felgeleben gekommen. Gemeinsam mit seiner Frau. Beide kennen sich seit der achten Klasse. Sie weiß um seinen Arbeitsalltag. Und seinen Urlaub. „Einmal im Jahr habe ich zehn Tage frei. Dann geht es zum Wandern. Nur wir zwei.“ Ansonsten hat er der Schäfer nur vereinzelt Tage frei. Um die Herde muss sich gekümmert werden.

Sein Arbeitstag beginnt um 6 Uhr. Im Winterquartier stehen 145 Zippen, die versorgt werden wollen. Das sind Jungschafe, die zur Nachzucht gedacht sind.

Mit dem Rasenmäher zieht er den Rahmen für die Flächen, die an diesem Tag beweidet werden. Die Schneisen dienen den Hunden und den Schafen als Orientierung. Danach geht es zur Herde, die über Nacht auf einem kleineren Areal eingefercht war. „Erfahrungen mit dem Wolf habe ich noch keine gemacht, zum Glück“, atmet er erleichtert durch. Bis zum Abend müssen, dürfen, sollen die Tiere dann futtern. Dabei hat Holger Pilz sie immer im Blick. Alle 330. So scheint es jedenfalls, wenn er erwähnt, welche Schafe wann nicht gut gefressen haben.

Nicht frieren

Ab November geht es für alle Tiere ins Winterquartier Döben. Und am Nikolaustag kommt die Wolle runter. Da kommt der Schafscherer. Keine Sorge, sie müssen nicht frieren, sie sind im Warmstall. Die Haut der Tiere wird mit einer speziellen Flüssigkeit benetzt, die sie gut ein Jahr vor Parasiten schützt“, erklärt er.

Doch so weit ist es noch nicht. Noch zieht Holger Pilz mit Herde und Hunden durch die Lande, genauer gesagt auf Flächen bei Döben/Grube Alfred (Seehof), Alter Postweg und Schönebecker Busch. Bei Wind und Wetter. Das macht ihm, seinen Hunden und seinen „Mädels“ nichts aus. Bestes Zeichen für ihn ist, wenn sich die Tiere hinlegen und wiederkauen. Dann sind sie satt – und der Schäfer glücklich.