Calbe l An der Stephanikirche in Calbe ist die „Judensau“ wieder an der Außenfassade montiert worden. Das bestätigte Pfarrer Jürgen Kohtz. Die Evangelische Kirche Mitteldeutschland (EKM) hat zu dem Thema im Juni 2020 eine Pressemitteilung veröffentlicht. Darin heißt es, dass sich die Kirchengemeinde mit der Denkmalpflege auf einen Kompromiss im Umgang mit der Schmähplastik geeinigt hätte. Die „Judensau“ soll demnach verhüllt werden.

Die Kirchengemeinde hatte beantragt, die Plastik nicht wieder an der Außenfassade anzubringen. Die Plastik sei eine Beleidigung der jüdischen Bürger, hatte der Calbenser Pfarrer Jürgen Kohtz den Antrag begründet. Der Denkmalschutz müsse dahinter zurücktreten, meinte er.

Pfarrer mag Kompromiss nicht

Die Landeskirche sieht dagegen in dem Kompromiss eine tragfähige Lösung: „Die Frage nach einem angemessenen Umgang mit der Chimäre an der St.-Stephani-Kirche steht zugleich für die Frage nach einem angemessenen Umgang mit judenfeindlichen Aspekten der Kirchengeschichte. Weder kann es darum gehen, judenfeindliche Kunstwerke unreflektiert weiter zu tradieren, noch kann es das Ziel sein, sie verschämt vor den Augen der Öffentlichkeit zu verbergen. Deshalb ist die Verhüllung der Schmähplastik an der Kirche eine tragbare Lösung, um eine endgültige konsensuale Entscheidung zu finden“, wird Oberkirchenrat Christian Fuhrmann in einer Pressemitteilung der Landeskirche zitiert.

Weniger gelungen findet Pfarrer Jürgen Kohtz den Kompromiss, wie er auf Nachfrage der Volksstimme bestätigt. Er habe für die Idee, die Plastik aus der Fassade zu nehmen und in einer kleinen Ausstellung sich mit dem Thema kritisch auseinander zu setzen, viel Lob erhalten, schildert er.

Schmähplastik hängt wieder

Außerdem sagt er, dass die Kirchengemeinde ihren Antrag zum Abbau der „Judensau“ nicht zurückgenommen habe. Er sei abgelehnt worden. Dem Gemeindekirchenrat bliebe nun der Weg vor Gericht, um sich weiter mit der Frage zu befassen. Diese Frage müsse der Gemeindekirchenrat noch besprechen, sagte er weiter.

Verschiedene Rechte konkurrieren hier, schätzt er ein. Es gehe um die Frage, ob der Denkmalschutz dabei höher zu bewerten sei und dabei auch Menschen beleidigt werden dürften. Damit müsse sich der Gemeindekirchenrat aber beschäftigen und die Frage dabei klären, ob die Anrufung eines Gerichts sinnvoll erscheine.

Inzwischen ist die Schmähplastik wieder an der Kirchenfassade angebracht worden. Das Tempo habe ihn überrascht, sagt Pfarrer Jürgen Kohtz. Die Sanierung sei noch nicht abgeschlossen und auch später hätte die Plastik noch angebracht werden können.

Debatte unter Historikern

In der Stadt Calbe hatte die Frage nach dem Umgang mit der Plastik eine Debatte unter den Historikern ausgelöst. Manche befürworteten den Vorschlag der Kirchengemeinde, die Plastik nicht mehr an der Fassade zu zeigen, sondern sich in einer Ausstellung mit dem Thema intensiv auseinanderzusetzen. Andere lehnten die Abnahme unter Verweis auf die Geschichte ab. So könne die Kirche auch außen auf die Plastik angemessen reagieren und sich mit dem Thema befassen und darstellen, hieß es.

14 Chimären gibt es an der Fassade der Kirche. Sie stellen verschiedene Figuren dar. Offenbar im 15. Jahrhundert kam die judenfeindliche Darstellung an die Kirche, schätzt der Calbenser Stadthistoriker Dieter Horst Steinmetz das Alter der kleinen Figur auf mehrere Jahrhunderte.